Wenn Liebe im Türrahmen steht

Über einen stillen Beobachter, der vielleicht nie ganz fort war

Als ich vierzehn oder fünfzehn war, besuchte mich mein Opa regelmäßig.

Was eigentlich unmöglich war.
Denn ich hatte ihn nie kennenlernen dürfen.
Er war schon fort, bevor ich ihn hätte lieben können.

Und trotzdem kam er damals vorbei.

Meistens, wenn ich von der Schule nach Hause kam, Mama noch in der Arbeit war und die Wohnung ganz mir allein gehörte. Wenn draußen noch der Lärm des Tages an mir klebte und drinnen diese besondere Stille wartete, die man nur kennt, wenn man als Kind oder Teenager allein nach Hause kommt und plötzlich alles ein bisschen größer wirkt als sonst.

Ich war schon immer ein magisches Köpfchen gewesen.
Eines von denen, die zu viel spüren.

Stimmungen in Räumen.
Energien an Orten.
Unsichtbare Fäden zwischen Menschen.
Türen, wo andere nur Wände sehen.

Auch in meiner Familie gab es immer wieder dieses Gefühl, dass die Welt nicht ganz dort aufhört, wo wir glauben, dass sie aufhört. Dass manche Dinge durchlässiger sind. Dass es Risse gibt im Gewöhnlichen, kleine Spalten im Alltag, durch die manchmal etwas hindurchschimmert.

Und trotzdem erschrak sogar ich ein wenig, als Opa das erste Mal in unserer Wohnung auftauchte.

Dabei gab er sich solche Mühe, mich nicht zu erschrecken.

Er stand nicht plötzlich vor mir.
Er kam nicht direkt auf mich zu.
Er sah mich nicht einmal richtig an.

Er zog einfach durch den Vorhausflur, wie ein harmloser Schatten, der kurz vergessen hatte, dass er eigentlich nicht mehr zu den Lebenden gehört.

Und dann kam er wieder.

Nicht nur einmal.
Nicht als flüchtiger Spuk, den man später vielleicht als müden Kopf oder Lichtspiel hätte abtun können.

Er kam fast jeden Tag vorbei.

Nach einer Weile musste ich gar nicht mehr aufschauen. Ich wusste, wann er da war. Ich spürte ihn, bevor ich ihn sah. Diese leise Veränderung in der Luft. Dieses kaum merkliche Anderswerden des Raumes. Als hätte jemand ein Fenster zu einer anderen Welt einen Spaltbreit geöffnet.

Gesprochen haben wir nie miteinander.

Ich weiß auch nicht, ob ich damals überhaupt gewusst hätte, was ich ihm erzählen soll.
Was erzählt man jemandem, der aus einer Welt kommt, über die man selbst nur rätseln kann?

Mein Leben fühlte sich damals nicht besonders erzählenswert an. Die Schulzeit war keine schöne Zeit für mich. Freunde gab es kaum. Ich war die merkwürdige Außenseiterin, das Mädchen, das irgendwie nicht richtig in die Pausenhöfe passte, nicht in die Gruppen, nicht in diese laute, harte Welt da draußen.

Also kam ich nach Hause und verschwand in meinem Zimmer.

Dort schloss ich die Tür zur Außenwelt und öffnete dafür tausend andere.

Ich schrieb Geschichten.
Ganze Skripte.
Ich spielte Szenen vor, als würde irgendwo ein unsichtbares Publikum sitzen.
Ich sang vor mich hin, lernte Tänze, erfand Figuren, Dialoge, Dramen, Welten.

Ich sprang federleicht durch mein Zimmer, als könnte mein Teppichboden zur Bühne werden, mein Kleiderschrank zur Kulisse und mein Spiegel zu einem Portal in ein anderes Leben.

Draußen war ich vielleicht einsam.
Aber drinnen war ich alles.

Schauspielerin. Sängerin. Tänzerin. Autorin. Prinzessin. Hexe. Hauptfigur.
Ein ganzes Theater in einem einzigen Kinderzimmer.

Und Opa sah mir dabei zu.

Manchmal frage ich mich, was er wohl gedacht hat.
Was für eine verrückte Enkelin er da bekommen hatte.
Dieses kleine Wesen, das durch sein Zimmer wirbelte, mit imaginären Menschen sprach, vor unsichtbaren Kameras spielte und sich Welten baute, weil die echte manchmal zu weh tat.

Aber ich schämte mich nicht.

Nicht vor ihm.

Es war seltsam, aber nie unangenehm. Ich hatte kein Bedürfnis, mich zu verstecken oder plötzlich still zu werden. Irgendetwas an seiner Anwesenheit fühlte sich vertraut an. Nicht wie ein Eindringen. Mehr wie ein stilles Danebensitzen.

Als wäre da jemand, der nichts von mir wollte.
Der mich nicht bewertete.
Der einfach nur da war.

Vielleicht war das damals schon Liebe.
Nicht die laute, erklärbare.
Sondern diese leise, die sich in Türrahmen stellt und aufpasst.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie lange er mich besuchte. Wochen vielleicht. Vielleicht länger. Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal. Es gab keinen Abschied, kein großes Zeichen, kein dramatisches Verschwinden.

Irgendwann war er einfach nicht mehr da.

Oder vielleicht war er nur nicht mehr so sichtbar.

Ich weiß noch, wie verwundert Mama mich ansah, als ich ihr erzählte, dass ihr Papa, mein Opa, in letzter Zeit regelmäßig bei uns gewesen war.

Ich glaube, für sie war dieser Satz größer, als ich damals verstehen konnte.

Warum er genau damals kam, weiß ich bis heute nicht.

Vielleicht war es Neugierde.
Vielleicht wollte er wissen, was aus seiner Enkelin geworden ist, die er im Leben nie kennenlernen konnte.

Vielleicht war er aber auch gar nicht auf der Suche nach mir.

Vielleicht suchte er seine Tochter.
Vielleicht kam er in diese Wohnung, weil dort noch etwas von ihr leuchtete.
Vielleicht hat er uns im ersten Moment verwechselt, Mama und mich, zwei Spuren derselben Liebe, zwei Gesichter aus derselben Geschichte.

Und vielleicht blieb er dann einfach ein bisschen.

Als stiller Beobachter.
Als Besucher zwischen den Welten.
Als Großvater, der zu spät kam und trotzdem noch einen Platz fand.

Ich glaube daran, dass Körper vergehen, aber Energien bleiben.

Dass wir nicht einfach verschwinden, nur weil man uns nicht mehr anfassen kann. Dass Liebe nicht an Haut gebunden ist. Nicht an Stimmen. Nicht einmal an gemeinsame Erinnerungen.

Manchmal bleibt etwas.

In Räumen.
In Familien.
In Gesten.
In Augen, die denen ähneln, die vor uns da waren.
In Liedern, die plötzlich im Kopf auftauchen.
In einem Lichtflackern.
In einem Luftzug.
In dem Gefühl, nicht ganz allein zu sein, obwohl niemand neben einem sitzt.

Vielleicht gibt es direkt neben dieser Welt noch andere.
Ebenen, Frequenzen, Zwischenräume.
Vielleicht stehen die Türen näher beieinander, als wir glauben.

Und vielleicht gibt es Zeiten, in denen die dort Drüben kurz herüberwandern. Nicht, um Angst zu machen. Nicht, um große Botschaften in die Tapete zu schreiben.

Sondern nur, um nachzusehen.

Ob wir essen.
Ob wir lachen.
Ob wir noch singen.
Ob wir die schwere Welt manchmal für einen Moment vergessen und barfuß durch unsere kleinen Zimmer tanzen.

Und vielleicht gibt es unter uns Menschen, die solche Besuche leichter bemerken.
Die Botschafterinnen. Die Lichtmenschen. Die viel Gefühlten. Die oft Belächelten.
Die, die zwischen den Welten stehen und nicht immer wissen, wohin mit all dem, was sie wahrnehmen.

Vielleicht war ich damals genau so ein Kind.

Ein kleines magisches Köpfchen mit zu vielen Antennen und zu wenig Schutz vor der Welt.
Aber vielleicht war genau das auch der Grund, warum ich ihn sehen konnte.

Vielleicht besucht mich Opa irgendwann wieder.

Vielleicht ist er manchmal längst da und bleibt nur im Hintergrund, weil er weiß, dass ich inzwischen erwachsen bin und nicht mehr jeden Geist im Flur brauche, um mich weniger allein zu fühlen.

Vielleicht kommen eines Tages auch andere vorbei. Menschen aus der Vergangenheit. Menschen, die ich geliebt habe. Menschen, die mich geliebt haben, bevor ich überhaupt wusste, wie sich ihre Stimmen anhören.

Für heute ist das Erinnern schön genug.

Es ist seltsam, wie manche Geschichten jahrelang irgendwo in einem schlafen und dann plötzlich wieder aufwachen. Wie kleine Glühwürmchen in einer Schublade. Man öffnet sie nur kurz, und auf einmal leuchtet der ganze Raum.

Und sollte Opa jetzt gerade über meine Schulter schauen, während ich diese Zeilen schreibe, dann möchte ich ihm sagen:

Uns geht es gut.
Wir halten zusammen.
Wir sind glücklich.

Und falls er dabei wieder nur still im Türrahmen steht, wie damals, dann hoffe ich, dass er lächelt.

Vielleicht knarzt ja gleich irgendwo der Boden.
Vielleicht flackert kurz das Licht.
Vielleicht war es auch nur der Wind.

Ich werde trotzdem kurz hochschauen.

Nur für den Fall.

Wie sich Farben anfühlen

Manchmal überrasche ich mich selbst damit, aus wie vielen Schichten ich eigentlich bestehe.
Aus wie vielen Räumen, in denen ich noch nie das Licht angemacht habe.
Und vielleicht sind genau das die spannendsten Orte in mir: die, in denen noch alles möglich ist.

Aus Alltag und alten Geschichten. Aus Heilung und Humor. Aus Schwere, die ich tragen gelernt habe, und aus kleinen Lichtmomenten, die mir trotzdem immer wieder durchs Herz fallen.

Und vielleicht ist dieser Text heute genau das: eine weitere Schicht. Ein neuer Raum.

Kein Themenwechsel. Kein „Mir sind die Ideen ausgegangen“. Im Gegenteil. Vielleicht tauchen wir heute noch ein Stück tiefer in meine Essenz und öffnen eine Tür, hinter der ich selbst noch nicht ganz weiß, was auf mich wartet.

Denn ich merke, dass Schreiben für mich gerade in eine neue Phase kommt. Eine Phase, in der ich nicht nur festhalten möchte, was passiert ist, sondern auch, wie es sich angefühlt hat.
In der ich mich selbst herausfordern möchte, noch tiefer hinzuschauen, noch abstrakter zu denken und noch furchtloser zu fühlen.

Also dachte ich mir: Fangen wir doch mal mit etwas an, das eigentlich ständig um uns herum ist und trotzdem viel zu selten wirklich angeschaut wird.

Farben.

Der Frühling macht es einem aber auch wirklich schwer, nicht über Farben nachzudenken. Das Gras wird wieder grüner, die Blumen bunter, die Haut langsam sonnengeküsster und die Welt tut so, als hätte sie heimlich über Nacht ihre Sättigung hochgedreht.

Aber was, wenn man diese Farben gar nicht sehen kann?
Was, wenn der Frühling kommt, ohne dieses bunte Farbenspiel vor den Augen?

Genau da kam mir ein Gedanke:
Wie würde ich einem Menschen, der nicht sehen kann, erklären, was Gelb ist? Oder Blau? Oder Rot?

Ich schlafe gerne mit offenem Fenster. Ohne Vorhang, ohne Jalousie, ohne vollständige Abgrenzung zur Welt da draußen. Vielleicht, weil ich gerne mit Mondlicht und Sternenfunkeln einschlafe und mit der Morgensonne wieder munter werde. Vielleicht auch, weil ich das Gefühl mag, dass die Welt nicht ganz ausgesperrt ist, während ich träume.

Und wenn ich nun genau dieses Morgen-Sonnen-Gelb beschreiben müsste, würde ich sagen:
Gelb fühlt sich für mich an wie der erste Moment, bevor der Tag etwas von einem will.
Wie dieses warme Licht am Morgen, das noch keine Fragen stellt.
Noch keine Nachrichten, keine Aufgaben, keine Erwartungen. Nur ein leises: Du darfst nochmal anfangen.

Vielleicht ist Gelb der erste tiefe Atemzug nach einem Sturm.
Der Moment, in dem man sich an den Satz erinnert, den man schon so oft gehört hat: Morgen ist ein neuer Tag.
Und dann kommt dieser erste Sonnenstrahl durchs Fenster und beweist einem, dass dieses Versprechen gehalten hat.

Gelb ist Hoffnung, aber nicht laut. Eher wie ein kleines Licht, das sagt: Auch heute darfst du wieder versuchen, das Schönste daraus zu machen. Oder einfach weiter stark zu bleiben.

Blau ist schwieriger.

Weil Blau für mich nie nur eines ist. Blau ist Himmel und Wasser. Ferne und Tiefe. Freiheit und Sehnsucht. Ein Pendel, das ständig zwischen Trost und Überforderung hin und her schwingt.

An manchen Tagen ist Blau zu groß. Zu weit. Zu endlos. Dann fühlt sich der Himmel nicht frei an, sondern wie etwas, in dem man sich verlieren könnte. Dann ist das Meer nicht romantisch, sondern eine Tiefe ohne Boden. Dann erinnert mich Blau daran, wie klein ich bin.

Aber an anderen Tagen ist genau das tröstlich. Dass alles größer ist als ich. Größer als meine Sorgen, größer als meine Gedanken, größer als die Dinge, die sich in meinem Kopf manchmal viel zu wichtig machen.

Blau sagt: Du bist nicht allein hier.
Du bist Teil von etwas Riesigem. Und du musst nicht alles tragen, nur weil du es fühlen kannst.

Und dann ist da Rot.

Rot war für mich lange keine einfache Farbe. Rot war Alarm. Panik. Etwas, das zu laut war, bevor ich überhaupt verstanden habe, warum.

In Filmen rennen Stiere auf Rot los, und vielleicht hat sich Rot für mich lange genau so angefühlt: wie etwas, das alles in Bewegung setzt, obwohl man eigentlich nur stehen bleiben und atmen möchte.
Ich selbst sehe selten rot. Aber Rot war trotzdem immer um mich herum. Wie ein Panikraum. Wie ein Warnschild. Wie ein Gefühl, das sofort „schlecht“ bedeutet hat.

Und dann wurde Rot mit der Zeit weicher. Vielleicht auch durchs Zeichnen.
Weil ich plötzlich gesehen habe, dass Rot nicht nur schreit. Rot mischt sich. Rot verändert andere Farben.
Rot kann Wärme sein, ein Hinweis, ein Wegweiser, ein Begleiter.

Rot ist eine Farbe, mit der man sich erst anfreunden muss. So wie mit Teilen von sich selbst.
Rot braucht Eingewöhnung, Vertrauen und Geduld.

Vielleicht ist Rot am Ende nicht nur Wut. Vielleicht ist Rot Potenzial, das jeder von uns in sich trägt.

Während ich das schreibe, merke ich, wie eng Farben und Gefühle miteinander verwoben sind. Wie sehr wir die Welt nicht nur sehen, sondern übersetzen. In Erinnerungen. In Körperempfindungen. In Geschichten, die wir uns selbst über das Leben erzählen.

Vielleicht würde jemand anderes Gelb nicht als Hoffnung empfinden, sondern als Unruhe. Vielleicht wäre Blau für jemand anderen nicht Freiheit, sondern Furcht. Vielleicht denkt jemand bei Rot sofort an Liebe, während ich erst lernen musste, mich dieser Farbe vorsichtig anzunähern.

Und genau das finde ich schön.
Dass wir dieselbe Welt ansehen können und trotzdem alle etwas anderes darin fühlen.

Vielleicht reicht es für heute mit den Farben. Vielleicht schreibe ich irgendwann darüber, wie ich jemandem Geschmack erklären würde, der nichts schmeckt. Oder Düfte einem Menschen, der nichts riecht. Vielleicht wird aus solchen Gedanken irgendwann eine ganze Sammlung kleiner Versuche, die Welt anders zu betrachten.

Und um ehrlich zu sein, ging es heute vielleicht nicht einmal darum, Farben zu erklären.

Vielleicht ging es darum, mich selbst daran zu erinnern, dass ich die Welt nicht nur sehen, sondern fühlen möchte. Dass ich nicht nur über das schreiben will, was passiert ist, sondern auch darüber, wie es sich in mir angefühlt hat.

Vielleicht ist das hier also keine neue Richtung. Vielleicht ist es nur eine weitere Schicht. Eine weichere. Eine poetischere. Eine, die schon länger in mir war und heute endlich ein bisschen Licht bekommen hat.

Und vielleicht ist genau das Schreiben für mich:
nicht nur Worte finden, sondern mich selbst immer wieder ein Stück ehrlicher erkennen.
Immer wieder Neues ausprobieren. Nicht stehen bleiben.
Nicht so tun, als müsste man für immer dieselbe Version von sich selbst bleiben, nur weil andere sie schon kennen.

Das Leben soll nie langweilig werden.
Und ich glaube, ich auch nicht.

Niemals nur schwarzweiß. Immer irgendwo Farbe im Herzen.

Auch Unzufriedenheit darf Raum haben

Heute schreibe ich nicht, um eine perfekte Lösung zu präsentieren.
Ich schreibe, um ehrlich hinzusehen.

Um dem Aussprechen die Angst zu nehmen. Um Dinge beim Namen zu nennen, die gerade nicht mehr wirklich in mein Leben passen. Ohne großen Schock. Ohne dramatische Inszenierung. Ohne die Fantasie, dass morgen plötzlich alles anders ist.

Einfach nur, weil Worte Kraft tragen.
Und weil Veränderung manchmal genau dort beginnt:
bei einem ehrlichen Satz darüber, wie es gerade ist — und wohin es gehen soll.

Was passt nicht mehr zu mir?

Heute ist wieder einmal so ein Tag. Kein Weltuntergang. Kein dramatischer Tiefpunkt. Einfach einer dieser Tage, an denen man morgens aufwacht und sofort merkt: Da sitzt etwas nicht richtig.

Etwas in mir ist unruhig. Nicht laut, nicht zerstörerisch, aber deutlich genug, dass ich es nicht ignorieren kann. Negative Gedanken im Kopf, Frust in der Magengrube, dieses leise Gefühl von: So wie es gerade ist, soll es nicht bleiben.

Also habe ich meinen Morgenspaziergang kürzer gehalten als sonst. Habe währenddessen frische Luft in meine Wohnung gelassen, mich kurz im Garten geerdet, meine Pflanzen gegossen und mich dann mit einer Tasse Kaffee und einer Schüssel Schokocornflakes vor meinen Laptop gesetzt.

Zum Schreiben.

Denn nur weil ein Tag nicht leicht beginnt, heißt das noch lange nicht, dass er komplett verloren ist.
Solche Tage gehören dazu.
Deswegen muss ich ja nicht den ganzen Tag im Miesepeter-Kostüm verbringen.

Manchmal reicht es nicht, sich abzulenken.
Manchmal muss man hinsehen.
Manchmal muss man aussprechen, was längst in einem arbeitet.

Und heute ist genau so ein Tag.

Ich möchte aufschreiben, was ich nicht mitnehmen möchte. Nicht ins nächste Monat. Nicht in mein nächstes Kapitel. Nicht weiter in mein Leben, nur weil ich mich daran gewöhnt habe.

Ein großer Teil davon ist meine derzeitige berufliche Situation.
Schock. Wie kann man nur so etwas aussprechen?

Tja. Hier nehmen wir nun mal kein Blatt vor den Mund.

Man kann dankbar sein und trotzdem merken, dass man irgendwo nicht alt werden möchte. Und ich vermute stark, dass ich mit diesem Gedanken nicht ganz allein bin.

Ich möchte nicht für immer dort bleiben, wo ich gerade bin. Möchte dort nicht alt werden.
Ich möchte dieses Kapitel abschließen. Nicht impulsiv. Nicht von heute auf morgen. Nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Aber definitiv in absehbarer Zukunft.

Und das sage ich nicht aus Undankbarkeit.
Genau solche Einsichten gehören nun mal zum Leben dazu. Zur Veränderung. Zum Weiterwachsen. Zu diesem ehrlichen Moment, in dem man merkt: Etwas, das einmal gepasst hat, passt heute nicht mehr.

Und das darf man aussprechen.

Man darf sich weiterentwickeln. Man soll es sogar. Nicht alles, woraus man herauswächst, war falsch.
Manchmal hat es einfach seinen Zweck erfüllt.

Ich bin dankbar für die Zeit, die ich dort hatte. Für die Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Für die Möglichkeiten, die sich mir durch diese Arbeit eröffnet haben. Für den Raum, den sie mir gegeben hat, auch anderweitig Dinge aufzubauen, mich auszuprobieren und mich selbst wiederzufinden.

Aber ich merke schon länger:
Ich bin über dieses Kapitel hinausgewachsen.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, den wir oft vergessen:
Nicht jede Phase, aus der man herauswächst, war Zeitverschwendung.

Manchmal sind genau diese Erfahrungen Stufen auf dem Weg zum eigentlichen Ziel. Manchmal brauchen wir bestimmte Kapitel, um überhaupt zu erkennen, was wir nicht mehr wollen. Was nicht zu uns passt. Was uns klein hält. Was uns müde macht. Was uns nicht mehr nährt.

Es ist genauso wichtig zu wissen, wo man nicht bleiben will, wie zu wissen, wohin man gehen möchte.
Und ich weiß mittlerweile sehr genau, wo ich nicht bleiben will.

Lange habe ich die negativen Seiten unter den Teppich gekehrt. Immer wieder ein Auge zugedrückt. Dann das andere. Immer wieder geschluckt, durchgehalten, funktioniert.
Mir gesagt: Es ist ja nicht so schlimm. Es geht schon noch. Andere haben es schlimmer. Reiß dich zusammen.

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem „durchhalten“ nicht mehr nach Stärke klingt, sondern nach Selbstverrat.

In letzter Zeit ist oft das Einzige, was mir in dieser Situation bleibt, ein Haufen negativer Emotionen. Ich merke, wie sich in mir etwas in den Selbstzerstörermodus schaltet, sobald ich nur daran denke, dort zu sein.

Und trotzdem gehe ich wieder hin.

Weil Erwachsensein manchmal auch heißt, noch ein Stück weiter durchzubeißen, obwohl man innerlich schon längst bereit für den nächsten Schritt ist.

Weil Veränderung nicht von heute auf morgen passiert.
Weil Fixkosten nicht plötzlich verschwinden, nur weil man eine Vision hat.
Weil Verantwortung nicht einfach kurz Pause macht, nur weil die Seele müde ist.

Weil Zukunftspläne Zeit brauchen. Und Vorbereitung. Und manchmal auch diese unangenehme Zwischenphase, in der man schon weiß, dass man gehen wird, aber noch nicht ganz gehen kann.

Und genau da bin ich gerade.

Ich weiß vielleicht noch nicht jeden einzelnen Schritt. Ich weiß vielleicht noch nicht, wo ich meinen neuen Anker am Ende wirklich setzen werde. Aber ich habe mittlerweile eine klare Vision davon, wohin es gehen soll. Ich weiß, wie sich mein Leben anfühlen soll. Ich weiß, worauf ich hinarbeite.

Gerade passiert vieles noch hinter den Kulissen.

Gerade boxe ich mich noch ein bisschen durch. Nehme mehr auf mich, als ich eigentlich möchte, und versuche aber gleichzeitig, mich dabei nicht selbst zu überarbeiten. Es ist ein Balanceakt zwischen Geduld und Aufbruch, zwischen Durchhalten und Loslassen, zwischen Verantwortung und dem tiefen Wunsch, endlich freier zu atmen.

Aber der Unterschied zu früher ist: Ich halte nicht mehr einfach nur aus.
Ich arbeite auf etwas hin. Und das verändert alles.

Auch mein soziales Umfeld beschäftigt mich zurzeit immer wieder.
Nicht, weil plötzlich alle falsch sind oder ich mein gesamtes soziales Umfeld in einer dramatischen Vollmond-Zeremonie aussortieren möchte. Sondern weil ich merke, dass sich etwas in mir verändert hat.

Manche Dynamiken fühlen sich nicht mehr so passend an wie früher. Nicht zwingend schlecht. Nicht automatisch toxisch. Einfach nur nicht mehr ganz stimmig.

Ich habe mein Leben lang oft Menschen um mich gehabt, die mich in irgendeiner Art und Weise gebraucht haben. Menschen, die bei mir weich landen konnten. Die sich etwas von meiner Energie nehmen konnten. Von meiner Geduld. Meinem Verständnis. Meiner Fähigkeit, Dinge auszuhalten, einzuordnen und aufzufangen.

Der klassische Bilderbuch-Empath.
Oder, weniger poetisch ausgedrückt: der gute Trottel mit offenem Herzen.
Und ich meine das nicht einmal nur negativ. Denn ein Teil davon bin einfach ich.

Ich bin gern ein sicherer Ort für Menschen, die ich liebe. Ich mag es, wenn Menschen sich bei mir fallen lassen können. Ich mag es, Halt zu geben. Da ist nichts falsch daran.

Aber irgendwo zwischen „sicherer Ort“ und „selbstverständliche Notbatterie“ wird es schwierig.

Irgendwann merkt man, dass Menschen nicht nur bei einem auftanken, sondern manchmal auch den letzten Saft aus einem herausnuckeln, ohne überhaupt zu merken, dass man selbst längst auf Reserve läuft.

Und genau da liegt der Unterschied.

Ich war oft die Große. Die Vernünftige. Die Mutter der Gruppe. Die, die mitdenkt. Die, die Verantwortung übernimmt. Die, die zuhört, sortiert, beruhigt, auffängt. Die Starke. Ines halt einfach. Die macht schon. Die hält schon aus.

Die Stütze.
Der Rückzugsort.
Der Notfallkontakt.

Aber selten jemand, der selbst entlastet wird.
Und ich glaube, genau das suche ich mittlerweile mehr.

Nicht verzweifelt. Nicht, weil ich ohne diese Menschen unvollständig wäre. Ganz im Gegenteil.

Ich suche nicht aus Mangel.
Ich suche aus Selbstachtung.

Weil ich langsam verstehe, dass ich nicht nur ein sicherer Ort für andere sein darf, sondern selbst auch Menschen verdient habe, bei denen ich weich landen kann.

Menschen, die meine Energie nicht nur nehmen, sondern auch halten können. Menschen, die Tiefe nicht als anstrengend empfinden. Menschen, bei denen ich nicht performen, erklären oder mich rechtfertigen muss. Menschen, bei denen ich nicht automatisch in die Rolle rutsche, alles zusammenhalten zu müssen.

Ja, für einen People Pleaser ist das fast schon ein revolutionäres Statement.

Und ich will das gar nicht komplett schlechtreden. Es hat auch schöne Seiten. Ich mag leichte Momente. Ich mag simple Gespräche zwischendurch. Ich mag Menschen, die mich aus meiner eigenen Ernsthaftigkeit herausholen. Manchmal brauche ich genau das: kurz lachen, kurz abschalten, kurz nicht alles so tief analysieren.

Aber ich merke immer deutlicher, dass ich daneben auch etwas anderes brauche:

Menschen mit weniger Drama und mehr Tiefe.
Gespräche, die mir keine Energie rauben, sondern mich nähren. Räume, in denen ich nicht performen, erklären oder mich rechtfertigen muss. In denen ich nicht ständig übersetzen muss, wer ich bin und warum ich so bin.

Einfach sein.
Existieren.

Ohne Druck. Ohne Zuständigkeit. Ohne dieses ständige Gefühl, mich kleiner, leichter, einfacher oder verständlicher machen zu müssen, damit andere mitkommen.

Ich will Verbindung, die mich nicht auslaugt. Ich will Tiefe, ohne jedes Mal darum bitten zu müssen.
Ich will nicht mehr dauerhaft in Umfeldern sitzen, in denen mein Kopf unterfordert ist und meine Seele sich langweilt.

Und vielleicht versteht das nicht jeder. Muss man auch nicht.

Ich glaube einfach, wir reden viel zu selten ehrlich darüber, dass man aus Umfeldern herauswachsen darf, ohne jemanden dafür direkt vor ein inneres Gericht stellen zu müssen.

Nicht alles braucht einen großen Skandal, einen dramatischen Abgang oder eine dreiteilige Netflix-Doku über den Bruch. Manchmal ist es einfach nur ein menschliches: Wir passen nicht mehr zusammen.

Und das darf reichen.

Man darf Menschen mögen und trotzdem merken, dass man nicht mehr auf derselben Frequenz lebt.
Man darf dankbar sein und trotzdem gehen wollen.
Man darf eine Zeit lang irgendwo dazugehört haben und irgendwann spüren: Für mich gibt es jetzt andere Prioritäten.

Das bedeutet nicht, dass alles davor falsch war. Es bedeutet nur, dass man sich weiterentwickelt hat.
Und vielleicht ist genau das gerade der rote Faden in all dem:
Ich merke, was nicht mehr passt.

Nicht aus Drama. Nicht aus Arroganz. Nicht aus Undankbarkeit.
Sondern weil ich langsam ehrlicher mit mir werde.

Weil ich aufhöre, Dinge nur deshalb weiterzuführen, weil sie vertraut sind.
Weil ich nicht mehr alles unter den Teppich kehren möchte, nur damit es nach außen friedlich aussieht.

Wir tun das so oft. Wir spüren, dass etwas in uns arbeitet, aber statt es in den Raum zu holen, sperren wir es weg. Wir verschließen die Tür, stellen ein Möbelstück davor und tun so, als wäre nichts.

Als würden sich Gefühle magisch auflösen, wenn man sie nur lange genug ignoriert.
Aber das tun sie nicht. Sie werden nur größer.

Unzufriedenheit ist nicht immer Undankbarkeit.
Manchmal ist sie einfach das ehrlichste Zeichen dafür, dass man weitergewachsen ist.

Und vielleicht darf sie genau deshalb Raum haben.

Auch das Unzufriedensein gehört dazu. Das Meckern. Das Jammern. Das Sich-Beschweren. Das innere Augenrollen. Der Frust. Die Müdigkeit. Der Wunsch nach mehr. Nach anders. Nach echter.

Nicht, um darin zu versinken. Nicht, um sich für immer in dieser Schwere einzurichten. Sondern damit der Dampf irgendwo raus kann.

Damit wieder Platz entsteht.
Damit man sich selbst hört.

Ich glaube, wir brauchen viel mehr Ehrlichkeit in diesen Zwischenräumen. In diesem Noch-nicht-da-Sein. In dieser Phase, in der man schon spürt, dass etwas Neues kommen soll, aber noch mitten im Alten steht. In dieser unbequemen Lücke zwischen Erkenntnis und Veränderung.

Denn genau dort passiert oft mehr, als man sieht.

Dort formt sich die Richtung.
Dort sortiert sich das Innere.
Dort entsteht Klarheit.

Und vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht mit einem großen Schritt, sondern damit, ehrlich auszusprechen, was nicht mehr zu einem passt.

Heute war kein Tag, an dem ich alles gelöst habe.
Aber heute war ein Tag, an dem ich hingesehen habe.
An dem ich mutig war.

Ich habe ausgesprochen, was in mir gedrückt hat. Ich habe den Dingen Namen gegeben. Arbeit. Umfeld. Erschöpfung. Sehnsucht. Veränderung. Vision. Grenze. Wachstum.

Und allein dadurch fühlt es sich schon leichter an.
Nicht perfekt. Nicht fertig. Nicht komplett befreit.
Aber leichter.

Vielleicht war heute gar nicht alles schwer. Vielleicht war heute einfach nur einer dieser Tage, an denen ich gespürt habe: Da sitzt etwas nicht mehr richtig. Da will etwas raus. Da will etwas weiterziehen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich schreibe.
Nicht, weil ich schon angekommen bin.

Sondern weil ich den Weg dorthin festhalten möchte.

Auch das Noch-nicht-da-Sein.
Auch das Unzufriedensein.
Auch die Zwischenräume, über die kaum jemand spricht.

Denn sie gehören genauso dazu.

Maybe I was never hard to love

How do I explain to people who are only just beginning to know me that I am, in so many ways, a bright and happy person, and still carry a soul that has known devastating sadness?

That I can be warm, open, charming, full of light — and yet deeply self-conscious at the very same time.
That I can seem confident while quietly questioning myself.
That I so often feel too much and not enough all at once.

I have come to understand that healing, for me, has never arrived without grief holding its hand.
I heal and I suffer at the same time.
There is rarely one without the other.

I love being around people.
I need laughter, conversation, connection — almost like medicine.
There is something in me that comes alive in the presence of others, something soft and social and full of colour.

And still, solitude is sacred to me.
Not a punishment. Not a withdrawal.
A necessity.
A place where I return to hear myself again.

I love how open I become when I am happy.
How easily I pour from a full heart.
How naturally I share, laugh, reach, and let myself be seen.

But I also know the other side of me.
The one that goes quiet when hurt.
The one that turns cold when something no longer feels safe.
The one that disappears a little when it does not feel welcomed.

That is the strange thing about people like me, I think:
we can look like peace from the outside and still carry storms no one hears.

Even love, in the ways I receive it, has always felt like a contradiction.
Physical touch is one of my deepest love languages.
To be held gently, to be touched with care, to feel safe in someone’s presence — that means everything to me.
And yet I flinch.
I tense.
I pull away when I am overwhelmed.
Sometimes even the smallest touch can feel unbearable when my nervous system is already too full.

So much of my life has felt like this:
wanting deeply, and recoiling at the same time.
Longing for closeness, and needing distance.
Being tender, and defensive.
Being full of love, and tired of what people do with it.

Because I do love deeply.
More deeply than I can ever seem to explain without sounding dramatic to people who have only ever treated feelings lightly.
My intuition lives at that same depth.
So does my empathy.
So does my way of seeing people, sensing what sits underneath them, reading what is never said aloud.

And beautiful as that can be, it is also one of the loneliest things I have ever known.

Because no matter how deep a connection has gone, I have so rarely felt truly met there.
Not fully.
Not in the strange, whimsical, aching emotional language that feels most natural to me.
It is as though I have spent my whole life being fluent in a dialect nobody else quite speaks.

Maybe that is why I have always felt like a beautiful contradiction.
A tragic little paradox.
A soul full of light and old sadness, always trying to make something meaningful out of time, tenderness, and all the fleeting things people usually overlook.

And the truth is, I never really feared being alone.
What I feared was being half loved.
Underappreciated.
Heard, perhaps — but never truly listened to.

That has always felt far lonelier to me than solitude ever could.

As time passes, I find myself wondering whether I will ever truly fall in love again.
Not because I do not want to.
I do.
But wanting and believing are no longer the same thing.

We live in a world where people know how to flirt, but not how to be sincere.
They know how to say beautiful things, but not how to mean them.
They know how to perform affection, how to mirror desire, how to create the illusion of closeness — but not how to stay real once the performance is over.

Everyone knows how to compliment a face.
How to keep a conversation just interesting enough.
How to say the right thing at the right time.
But so few people know how to be honest.
How to be emotionally mature.
How to be consistent.
How to offer depth instead of charm.
Presence instead of potential.
Truth instead of tactics.

And maybe that is the real core of modern loneliness.

Not the absence of romance,
but the absence of depth.

The absence of people who mean what they say.
People who understand that words are not decoration.
That intimacy is not a game.
That being chosen gently and sincerely is still one of the holiest things in the world.

So of course the urge to become unreachable is tempting.
To stop replying.
To stop entertaining half-heartedness just because it arrives dressed as potential.
To stop dressing up for people who only ever admire you temporarily.
People with wandering eyes and convenient intentions.
People who like the idea of devotion, but not the responsibility of it.

And after enough almosts, enough wasted tenderness, enough near self-abandonments in the name of love, who could really blame a woman for becoming difficult to reach?

But maybe “hard to love” was never the truth.
Maybe what happens is simply this:
at some point, your soul develops an allergy to what is shallow.

To low effort.
To inconsistency.
To the cruelty of being desired without being cherished.

So maybe I am just an old-fashioned, hopelessly romantic soul looking for something this world has almost forgotten how to hold.
Or maybe my purpose in this life was never simply to be loved, but to love anyway.

To love deeply.
Purely.
Without becoming cynical.
To keep that spark alive in a world that keeps trying to reduce everything to convenience, performance, and passing attention.

Maybe that is its own kind of devotion.
Maybe that is its own kind of courage.

And maybe, in the end, I am not too much.
Not too deep.
Not too sensitive.
Not too difficult to love.

Maybe I have simply learned that I would rather be alone than be loved only in halves.

Zwischen Fernweh und Zuhausegefühl

Ich dachte, ich würde von meinem Wochenende allein mit mehr Fernweh zurückkommen – stattdessen kam ich mit mehr Zuhausegefühl denn je zurück.

Ein Wochenendtrip später, ein Ines-Wochenende ganz allein, sitze ich jetzt wieder auf meiner Couch, eingemummelt mit meinem Laptop, und lasse einfach mal alles aus mir herausfließen.

Ich liebe meine Zeit mit mir selbst. Es ist nicht das erste Mal, dass ich alleine weg bin. Im Gegenteil: Ich liebe es, mich immer mal wieder selbst auf kleine Solo-Dates zu schicken, kurze Auszeiten allein zu genießen – einfach ein bisschen Ines-Zeit. Meistens aber nie länger als ein paar Stunden.

Und trotzdem fühlt sich dieses Nachhausekommen heute anders an.

Schon die letzte Strecke Richtung Zuhause war irgendwie besonders. Diese holprige Straße runter, das ganze Auto hat gewackelt, heute gefühlt noch mehr als sonst. Vielleicht auch, weil ich innerlich schon viel schneller war als äußerlich. Ich hatte fast das Gefühl, ich fahre gar nicht mehr selbst, sondern schwebe längst ein Stück über mir, getragen von lauter Vorfreude.

Dann ging alles ganz schnell. Auto parken, Schlüssel raus, losrennen Richtung Garten. Und da war Luke schon, wartend, wedelnd, voller Freude. In mir selbst war in diesem Moment ein komplettes Chaos aus Lachen und Weinen, aus Erleichterung, Liebe und diesem überwältigenden Gefühl: Genau so sollte sich Nachhausekommen anfühlen.

Die ersten Minuten bestanden eigentlich nur aus Bewegung. Rasantes Laufen durch den Garten, ein bisschen im Kreis, viel zu schnell, viel zu viel Gefühl auf einmal. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das vielleicht sogar das Authentischste daran. Gerade für Menschen wie mich, die alles sehr tief fühlen. Wenn die Emotionen zu groß werden, muss die Luft manchmal erst einmal aus dem Körper raus, bevor man nicht weiß, wohin mit sich. Vielleicht muss man dann tatsächlich einfach kurz im Kreis laufen, bevor man ankommt.

Und dann diese Streicheleinheiten. Ohne Worte, ohne Erwartungen, ohne irgendetwas erklären zu müssen. Schöner kann ein Wiedersehen kaum sein. Mehr braucht es manchmal gar nicht. All die wichtigen Botschaften sind sowieso längst da. Dankbarkeit, Liebe, Erleichterung. Einfach dieses stille, große Glück darüber, dass es uns gibt und dass wir genau jetzt wieder zusammen hier sind.

Auch das Aufeinandertreffen mit meiner Mama hatte etwas ganz Eigenes, obwohl wir kurz davor noch telefoniert hatten. Es ist eben doch etwas anderes, jemanden nicht nur zu hören, sondern zu sehen, die Nähe wirklich zu spüren. Dieses wortlose Gefühl von: Wir sind wieder zuhause. Wir sind wieder sicher. Jetzt kann der Körper langsam loslassen. Jetzt kann ich wieder richtig ein- und ausatmen. Jetzt bin ich wieder angekommen.

Und dann natürlich dieses Zuhause selbst. Die Hundehaare um mich herum als schönste Erinnerung daran, dass ich nicht allein bin. Dieser vertraute Duft. Das Wissen, dass meine Mama irgendetwas auf den Herd gestellt hat, einfach als kleine Aufmerksamkeit, weil ich wieder da bin – selbst wenn sie sich danach genauso auf ihre eigenen vier Wände freut. Und dann meine Wohnung. Mein Geruch. Meine gewohnte Umgebung. Als würde das laute Gedankenchaos in mir mit dem Aufschließen der Tür endlich auch wieder leiser werden. Als dürfte alles in mir wieder an seinen Platz zurückfallen.

Das Wochenende allein wegzufahren war wirklich schön. Ich dachte davor ehrlich gesagt, dass ich unterwegs inspirierter sein würde, als ich es am Ende tatsächlich war. Ich hatte erwartet, dass die Gedanken direkt lossprudeln, dass ich alles intensiver sortieren und festhalten würde. Stattdessen war ich eher in so einem stillen Zwischenmodus: entspannt, ja. Genussvoll, auch. Aber gleichzeitig irgendwie auf Stand-by. Und immer wieder schon mit dieser leisen Vorfreude im Herzen, bald wieder nach Hause zu kommen.

Und ganz ehrlich: Wie schön ist dieses Gefühl eigentlich?

Im Alltag sagt man so schnell dahin, wie urlaubsreif man ist. Wie dringend man eine Auszeit bräuchte. Wie gut es täte, einfach mal wegzukommen. Und ja, manchmal stimmt das bestimmt auch. Aber wenn ich für mich etwas gelernt habe, dann dies: Das schönste Gefühl ist nicht nur, wegzufahren. Das schönste Gefühl ist, ein Zuhause zu haben, auf das man sich schon während des Wegseins wieder freut.

Ein Zuhause, in das man gerne zurückkehrt. Ein Zuhause, in dem man gerne ist.

Für mich ist das ein riesiges Geschenk.

Ein großer Teil davon ist ganz sicher mein vierbeiniger Seelenverwandter Luke. Ich muss mir oft anhören, dass ich ständig von ihm rede oder dass er wirklich überall dabei ist. Aber ehrlich gesagt: Wo sollte er denn sonst sein? Warum holt man sich einen pelzigen Mitbewohner in sein Leben, wenn nicht genau deshalb? Ganz sicher nicht als Dekoration. Nicht als Möbelstück. Und für mich auch nicht als ein Wesen, das ich irgendwo „unterbringe“, während ich mein eigenes Leben lebe.

Ich wollte genau das: einen treuen Begleiter an meiner Seite. Jemanden, mit dem ich mein Leben teile. So viel gemeinsame Zeit wie möglich. Denn während ich nur einen Abschnitt seines Lebens begleite, verbringt er sein ganzes – viel zu kurzes – Leben mit mir. Allein dieser Gedanke verändert so vieles.

Und dann ist da noch etwas, das mir dieses Wochenende wieder ganz deutlich geworden ist: wie gerne ich einfach in der Nähe meiner Mama bin.

Ich liebe es, dass wir beide unser eigenes Zuhause haben. Jede ihre Wohnung, jede ihren Rückzugsort, jede ihr eigenes kleines Reich. Und trotzdem sind wir nie weit voneinander entfernt. Nur eine kurze Autofahrt. Bei schönem Wetter und mit Lust auf Bewegung sogar nur einen Spaziergang.

Vielleicht ist genau das für mich die schönste Form von Nähe: nicht ineinander aufgehen zu müssen, um sich verbunden zu fühlen. Eigenständigkeit und Verbundenheit gleichzeitig. Freiheit und Geborgenheit. Jede für sich – und trotzdem nie wirklich weit weg.

Mein Zuhause ist deshalb auch nicht nur ein Ort. Mein Zuhause ist da, wo Luke ist. Wo meine Mama ist. Wo ich mich sicher fühle. Wo mein Herz ruhig wird.

Und an dieser Stelle ist mir noch etwas besonders wichtig. Vielleicht sogar eine der größten Herzensangelegenheiten hinter diesem Text: der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit.

Ich merke immer wieder, egal wohin ich gehe und mit wem ich spreche, dass uns dieses Thema alle auf die eine oder andere Weise begleitet. Dieses feine Gleichgewicht zwischen dem Wunsch nach Rückzug und dem Wunsch nach Verbundenheit. Zwischen Freiheit und Nähe. Zwischen bei sich sein und sich verlassen fühlen.

Für mich persönlich ist das ganz klar: Ich liebe es, allein zu sein. Zeit mit mir selbst ist für mich kein Lückenfüller und kein Notfallplan, sondern ein essenzielles Fundament meines Daseins und meines inneren Friedens. Ich brauche diese Zeit mit mir. Diese Ruhe. Dieses Mich-selbst-Spüren. Dieses Nicht-erklären-Müssen.

Aber vielleicht kann ich mich genau deshalb auch so ehrlich über Verbundenheit freuen.

Weil ich Nähe nicht brauche, um Leere zu füllen. Sondern weil ich sie als das erleben darf, was sie im schönsten Fall ist: ein Geschenk. Etwas Echtes. Etwas Freiwilliges. Etwas, zu dem ich mit offenem Herzen Ja sagen kann.

Gerade weil ich gerne allein bin, kann ich umso klarer fühlen, wie besonders es ist, Menschen zu haben, zu denen ich immer wieder gerne zurückkomme. Zu sagen: Ich bin gern für mich. Aber zu euch komme ich immer wieder gerne zurück. Das ist für mich keine Abhängigkeit. Das ist Liebe.

Und vielleicht ist genau darin ein großer Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit verborgen: Alleinsein kann Frieden sein. Einsamkeit ist es nicht. Alleinsein kann nährend sein, heilend, ordnend. Einsamkeit hingegen fühlt sich oft nach Abgeschnittensein an. Nach innerer Kälte. Nach einem Mangel. Ich bin unendlich dankbar, dass ich für mich gelernt habe, wie schön es sein kann, mit sich selbst zu sein – und wie wunderschön es gleichzeitig ist, echte Verbundenheit im Leben zu haben.

Natürlich gehören Erfahrungen fern von all dem dazu. Sie sind wichtig. Sie tun gut. Sie erinnern mich daran, wie gern ich mit mir selbst unterwegs bin. Aber sie müssen für mich nicht ständig sein. Ich brauche keine regelmäßige Flucht aus meinem Alltag, um mich lebendig zu fühlen. Mir reicht ein Date mit mir selbst. Ein spontaner Ausflug. Ein paar Stunden nur für mich. Ein Tapetenwechsel zwischendurch.

Denn wenn ich etwas über mich gelernt habe – oder vielleicht eher: wenn ich etwas endlich wirklich angenommen habe, das ich längst über mich wusste – dann, wie wenig Angst ich inzwischen habe, etwas zu verpassen.

Früher hätte man es vielleicht die Angst genannt, nicht genug zu erleben, irgendwo nicht dabei zu sein, mehr mitnehmen zu müssen. Heute spüre ich davon nur noch wenig. Und was für ein friedliches, schönes Gefühl das ist.

Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis nach diesem Wochenende ist eine andere: Ich will nicht mehr ständig wegmüssen, um mich frei zu fühlen.

Und ich glaube, genau das ist ein Ziel, das wir eigentlich alle haben dürfen. Nicht ständig auf das zu schauen, was fehlt. Nicht auf das, was man noch alles erleben müsste. Nicht auf all das, was man vermeintlich verpasst. Sondern auf das, was längst da ist.

Auf das, was trägt.
Auf das, was gut ist.
Auf das, was man schon hat.

Denn ein riesiger innerer Frieden entsteht dort, wo man nicht mehr vor der eigenen Realität weglaufen möchte. Wo man nicht mehr fliehen muss, weil das eigene Leben, so wie es gerade ist, eigentlich schon ziemlich schön ist. Vielleicht nicht perfekt. Vielleicht nicht immer leicht. Vielleicht mit Sorgen, Fragen und Alltagschaos. Aber eben trotzdem schön. Und oft sind die Dinge, die uns im Alltag so schwer erscheinen, gar nicht so schlimm, wie wir sie uns in übermüdeten, gestressten Momenten ausmalen.

Nicht wegzumüssen, um Frieden zu finden, weil der Frieden längst im eigenen Leben angekommen ist – was für eine kraftvolle Erkenntnis.

Und vielleicht braucht es dafür manchmal gar keinen großen Tapetenwechsel, sondern eher einen Perspektivwechsel. Vielleicht braucht es genau solche kleinen Ausflüge mit sich selbst, um wieder klarer sehen zu können. Um zu merken, was man vermisst. Und noch viel mehr: um zu merken, was man eigentlich längst gefunden hat.

Ich bin angekommen.

Nicht im Sinne von: Jetzt ist alles fertig. Ganz und gar nicht. Eher im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, ich gehe gerade erst richtig los. Mein Weg liegt noch vor mir, und bestimmt wird sich noch vieles verändern. Aber mein Zuhause habe ich gefunden. Mein Platz ist bereits hier.

Ich fühle mich wohl in meinen eigenen vier Wänden. Ich bin gerne dort. Mir fehlt nichts. Ich brauche keine Pause von meinem Zuhause, weil mein Zuhause selbst längst kein Ort mehr ist, vor dem ich fliehen möchte. Und was ist das bitte für eine wunderschöne Erkenntnis?

Gerade für jemanden wie mich, der sich so lange wie auf der Durchreise gefühlt hat. Der innerlich immer unterwegs war, nie ganz sicher, nie ganz angekommen. Immer in Bewegung, immer auf dem Sprung, immer mit dem Gefühl, dass das Eigentliche vielleicht noch irgendwo anders auf mich wartet.

Heute weiß ich: Es wartet nicht irgendwo anders.

Egal, wo ich bin und egal, wie lange ich weg bin – es gibt diesen einen Fleck, zu dem ich immer wieder gerne zurückkehre. Einen Ort, an dem ich mich zuhause fühle. Einen Ort, der nicht perfekt sein muss, um genau richtig zu sein. Einen Ort, der auf mich wartet.

Und vielleicht ist genau das eines der größten Glücksgefühle überhaupt:
nicht rastlos durchs Leben zu rennen,
sondern zu wissen,
dass man einen Platz gefunden hat,
an den man immer wieder mit ganzem Herzen zurückkehren möchte.

Mondphasenherz

Auch der Mond ist nicht jeden Abend ganz. Auch diese Phase geht vorüber.

Etwas, auf das mich wirklich keiner vorbereitet hat, auf diesem Weg zur starken, selbstständigen Frau, die ich längst schon bin und gleichzeitig erst noch werde.

Endlich gehe ich meinen eigenen Weg. Keinen geschniegelt geraden, sondern einen, den ich mir selbst unter den Füßen zurechtlege. Einen Weg raus aus Hamsterrad und Schubladen, raus aus dem Ausgenutztwerden, raus aus diesem ständigen Unter-dem-eigenen-Wert-Verkaufen. Und vielleicht ist genau das der Teil, über den so selten ehrlich gesprochen wird: Wie unfassbar anstrengend es sein kann, mitten in einer Übergangsphase festzustecken. In einem Bereich, der nicht nährt, sondern zehrt. Der nicht belebt, sondern einem leise die Essenz aus den Adern zieht.

Und das Bitterste daran ist gar nicht mal nur das Gefühl selbst. Es ist dieses Wissen, dass ich gerade nichts daran abkürzen kann. Dass ich da durch muss. Ein Stück noch. Aushalten, durchhalten, weitergehen. Nicht, weil ich Härte romantisieren will. Sondern weil es manchmal einfach wirklich keine geheime Tür gibt, keinen goldenen Seitenausgang, keinen eleganten Sprung über das Dazwischen.

Ein bisschen Zauberstab-Magie wäre gerade ehrlich gesagt sehr willkommen. Ein kleines Wunder auch. Irgendwas mit glitzerndem Universumsstempel und der Nachricht: Hier entlang, es wird leichter. Und gleichzeitig erinnere ich mich selbst daran, dass vielleicht längst schon Dinge für mich in Bewegung sind, die ich nur noch nicht sehen kann. Dass das Universum manchmal nicht mit Feuerwerk antwortet, sondern mit stillen Zahnrädern. Dass auch Hoffnung manchmal sehr unspektakulär aussieht. Und dass Zeit eben trotzdem Zeit bleibt.

Zurzeit merke ich, wie ich ziemlich nah am Rand meiner Kräfte auf diesem Seil entlangtanze. Und was es nicht leichter macht, sind diese Stimmen von außen. Diese gut gemeinten Ratschläge, die sich anfühlen wie zusätzliche blaue Flecken. Dieses Reden über meine Situation von Menschen, die gar nicht in meinen Schuhen stehen. Dieses Belächeln. Als hätte ich es doch so schön. Als würde ich ja „eh nichts machen“. Als wäre das, was Kraft kostet, nur dann echt, wenn man es sehen kann. Gerade dieses Nicht-Ernst-genommen-Werden schneidet tiefer, als viele ahnen.

Und ich merke, wie viel Frust da in mir wohnt. Wie viel Wut auch.

Ich bin eigentlich ein froher, heller, lebensliebender Mensch. Einer mit Funken in den Taschen und Sonne im Blick. Aber gerade fühlt es sich an, als hätte sich ein riesiger Dementor in mein Feld gesetzt und würde still meine ganze Lebensenergie aussaugen. Da, wo sonst Licht ist, ist gerade viel Leere. Keine große Dramatik, kein lautes Spektakel. Eher so ein stumpfes Grau. Ein Funktionieren. Gerade so. Weil es eben muss.

Und trotzdem: Da ist noch etwas in mir, das nicht aufgegeben hat. Kein Feuerwerk, eher ein kleiner, hartnäckiger Funke. Mein Wille. Mein Vertrauen. Dieses tiefe Wissen, dass ich schon durch so viele „Ich schaff das nicht“-Momente gegangen bin und am Ende trotzdem da durchgewachsen bin. Dass aus jedem „Ich weiß nicht wie“ irgendwann ein „Irgendwie ging es doch“ geworden ist. Nicht immer schön. Nicht immer leicht. Aber wahr.

Mein Weg war noch nie der einfache. Ich kenne die Dornen. Aber ich kenne eben auch die Blumenwiesen, die irgendwann wieder auftauchen. Ich weiß, dass der Sturm sich bisher immer verzogen hat. Ich weiß, dass mein Licht schon oft zurückgekommen ist – manchmal sogar strahlender als vorher. Nicht, weil das Dunkle schönzureden wäre. Sondern weil ich inzwischen weiß, dass beides existieren darf: die Erschöpfung und die Hoffnung. Die Schattenseite und die Mondmarmelade.

Vielleicht gehört genau das auch zu dieser neuen Phase: nicht immer nur vom Davor und Danach zu erzählen. Nicht nur von der Erkenntnis am Ende, nicht nur vom hübsch verpackten Heilungsbogen. Sondern auch mal vom Mittendrin. Vom Rohen. Vom Ungebügelten. Von den Tagen, an denen man nicht inspirierend ist, sondern einfach nur da. Atmend. Tragend. Überlebend.

Denn die Wahrheit ist: Gerade geht es mir nicht gut. So ehrlich darf es gesagt werden. Ich bin körperlich und mental ziemlich am Limit und schaue meinen Grenzen gerade aus nächster Nähe in die Augen. Nicht theoretisch. Nicht poetisch verklärt. Sondern im Nahkampf. Ich kämpfe im Moment jeden Tag damit, weiterzumachen, zu funktionieren, mir möglichst wenig anmerken zu lassen und mich selbst durch diese Tage zu boxen.

Und inzwischen merke selbst ich: Der Akku ist leer. Richtig leer. Ich schaue mir manchmal selbst beim Überleben zu und warte still auf die Sonne.

Ich bin müde. Nicht diese Müdigkeit, die man mit einer guten Nacht und zwei freien Tagen wegschläft. Sondern diese tiefe, zähe Müdigkeit vom Zu-viel-Tragen. Vom Daueranspannen. Vom innerlichen Wachbleiben, auch wenn alles in mir längst nach Pause ruft. Ich bin so erschöpft, dass selbst Gespräche manchmal zu viel sind, dass Worte sich schwer anfühlen, dass meine Gedanken nicht tanzen, sondern eher irgendwo in der Ecke sitzen und die Knie anziehen.

Und selbst meine Gefühle scheinen gerade im Notfallmodus zu laufen. Ich kann nicht richtig weinen, nicht richtig lachen, nicht richtig Luft ablassen. Alles ist da, aber wie hinter Milchglas. Meine Freizeit fühlt sich nicht nach Freizeit an, weil ich so genau weiß, wie begrenzt sie ist. Weil da tausend Dinge wären, die ich gern für mich tun würde – und ich am Ende trotzdem nur daliege, weil einfach keine Energie mehr da ist.

Mein Körper ruft schon eine Weile nach Pause. Nach Aufmerksamkeit. Nach einem Innehalten, das mehr ist als nur kurz die Augen zu schließen. Und selbst wenn er schmerzt und streikt und mich warnt, trägt er mich trotzdem noch durch diese Tage. Auch dafür bin ich dankbar. Für dieses tapfere, müde, wundervolle Körperwesen, das noch da ist, auch wenn alles in mir gerade leiser geworden ist.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass das hier mein Dauerzustand ist. Ich glaube nicht, dass ich für immer an diesem Rand stehen werde. Ich glaube, dass auch das hier eine Phase ist. Eine Prüfung vielleicht. Eine enge, unbequeme Kurve auf meinem Weg. Nichts, was ich mir ausgesucht hätte – aber vielleicht etwas, das mich auf eine Weise formt, die ich erst später verstehen werde.

Vielleicht werde ich in ein paar Wochen oder Monaten zurückblicken und sehen, wie viel größer ich in all dem geworden bin. Vielleicht werde ich erkennen, dass selbst diese zähe Zeit nicht umsonst war. Aber heute muss ich das noch gar nicht schön finden. Heute reicht es, dass ich da bin.

Heute bleibe ich noch ein bisschen am Rand meiner Kraft stehen. Ruhig. Leise. Ich schaue mir selbst beim Durchboxen zu, ohne mich dafür zu verurteilen. Ich muss daraus heute noch keine Lektion machen. Kein Zitat. Kein Triumph. Nur Wahrheit.

Und die Wahrheit ist auch: Ein schlechter Tag ist kein schlechtes Leben. Eine schwere Woche ist nicht das Ende meiner Geschichte. Gerade fühlt sich vieles eng an, aber Enge ist nicht für immer. Jeder Tag trägt die Möglichkeit eines kleinen Neustarts in sich. Manchmal kommt er nicht mit Pauken und Trompeten, sondern einfach nur als ein etwas weicherer Morgen. Als ein Atemzug, der tiefer geht. Als ein Gedanke, der nicht mehr ganz so dunkel ist.

Also warte ich nicht passiv. Ich halte auf meine Weise durch. Ich atme. Ich gehe weiter, auch wenn es gerade eher Zentimeter als Sprünge sind. Und ich teile auch das hier, weil zu meinem echten Leben nicht nur Licht gehört, sondern auch diese Schattenzeiten. Nicht als Bitte um Mitleid. Nicht als Jammern. Sondern einfach, weil auch das existiert. Auch das bin ich. Auch das ist Leben.

Sogar bei Mondmarmelade gibt es Tage, an denen der Himmel nicht glitzert,
sondern schwer auf den Schultern liegt.
Und trotzdem bleibt irgendwo darüber der Mond.

Und ich wäre nicht ich, wenn nicht gerade die dunkelsten Zeiten in mir auch etwas zum Leuchten bringen würden.
Ich wäre ja keine Alchemistin, wenn ich Schatten nicht irgendwann wieder in Licht und Sterne verwandeln würde – auch wenn das manchmal länger dauert.

Und nun ganz bewusst an mich selbst:
Halt noch ein bisschen durch, du Sternschnuppenmensch.
Atme tief durch – das nächste Kapitel ist vielleicht wirklich nur noch ein paar Zeilen entfernt.

Alles, was ich nie gut sagen konnte

Gestern, bei meinem Nageltermin, sind mir ein paar Gedanken in den Kopf geschossen.
Nicht in einer schönen Reihenfolge. Nicht so, dass man sagen könnte: Ah, daraus wird jetzt ein runder Text.
Eher wie immer eigentlich. Ein paar lose Sätze. Ein Ziehen irgendwo zwischen Brustbein und Kehle. Ein inneres Notizbuch, das sich plötzlich von allein aufklappt.

Und seitdem trage ich diese Gedanken mit mir herum wie kleine, unruhige Dinge in der Jackentasche.
Mal pieksen sie. Mal wärmen sie.
Mal tun sie so, als wären sie längst wieder weg, und dann sitzen sie plötzlich doch wieder mit am Tisch.

Ich war noch nie besonders gut darin, zu bitten.

Nicht um Hilfe.
Nicht um Liebe.

Nicht darum, dass einfach mal jemand ein bisschen länger bleibt.

Irgendwie war es für mich schon immer leichter, alles mit mir selbst auszumachen. So zu tun, als bräuchte ich nichts. Als wäre das eine Stärke. Als wäre es bewundernswerter, still zu sein, als ehrlich. Als müsste man möglichst pflegeleicht wirken, damit einen auch ja niemand für zu viel hält.

Die Wahrheit ist nur: Ich brauche.
Mehr, als ich je laut sagen würde.

Und vielleicht ist genau das einer der widersprüchlichsten Orte in mir. Dieses gleichzeitige Ich-kann-das-schon-alleine und Bitte-sieh-doch-trotzdem, dass ich gerade nicht atmen kann wie sonst. Dieses Bedürfnis nach Nähe, das sofort die Koffer packt, sobald es ernst wird. Dieses innere Zucken, sobald ich etwas von mir zeigen müsste, das nicht geschniegelt, nicht fertig, nicht harmlos genug ist.

Ich weiß bis heute nicht so genau, wie man um etwas bittet, ohne sich dabei wie eine Last zu fühlen.
Ohne sich klein zu machen, noch bevor jemand überhaupt reagieren konnte.
Ohne sich für die eigene Menschlichkeit zu entschuldigen.

Also bleibe ich still.
Wie so oft.

Selbst dann, wenn die Luft schwer in meinen Lungen liegt. Wenn mein Herz drückt, als hätte es sich in die Magengrube verirrt. Wenn alles in mir nach Ausdruck ruft und ich trotzdem nur nicke und sage, dass schon alles geht. Selbst dann, wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass mich jemand wirklich wahrnimmt.

Nicht nur anschaut.
Nicht nur kurz fragt.

Sondern merkt.

Vielleicht ist das Einzige, was noch schlimmer ist als etwas zu brauchen, dieses Gefühl, sich zu öffnen und dann ins Leere zu fallen.

Und ich glaube, genau deshalb schweigen so viele von uns an den Stellen, an denen wir eigentlich gehalten werden müssten. Nicht weil da nichts ist. Sondern weil da zu viel ist. Zu viel, das man nicht noch einmal mit kalten Händen angefasst sehen will.

Ein anderer Gedanke kam gleich hinterher, fast ohne anzuklopfen.

Ich glaube nämlich, Menschen, die viel denken, lieben auch anders.

Vielleicht anstrengender für manche.
Vielleicht tiefer, als ihnen lieb ist.
Vielleicht nicht immer leichter – aber deshalb noch lange nicht falsch.

Sie erinnern sich an Kleinigkeiten, die andere längst vergessen haben. An Nebensätze. An einen Blick. An ein Zögern in der Stimme. Sie speichern Wörter ab, als wären es Fundstücke. Spüren sofort, wenn etwas nicht stimmt, auch wenn niemand etwas sagt. Nicht, weil sie Drama suchen. Sondern weil sie fein hören. Weil ihnen Zwischentöne nicht entgehen. Weil sie oft schon an der Art merken, wie jemand ein “passt schon” sagt, ob es wirklich passt oder ob gerade innerlich etwas auseinanderfällt.

Schwer zu lieben bin ich nicht.
Ich liebe einfach nur nicht oberflächlich.

Und vielleicht liegt genau da manchmal das Missverständnis.

Denn Tiefe wird so oft behandelt, als sei sie ein Problem. Als müsste man sich entschuldigen, wenn man Dinge nicht nur streift, sondern fühlt. Als wäre es bequemer, Menschen zu mögen, die nichts hinterlassen. Die keine Fragen stellen. Die nicht zwischen den Zeilen wohnen.

Aber ich glaube, ich liebe gar nicht kompliziert.
Ich liebe nur mit Gewicht.
Mit Erinnerung.
Mit Seele.
Mit offenen Innenräumen.

Und leicht werde ich darin nur bei Menschen, die meine Tiefe nicht wie einen Defekt betrachten, sondern wie einen Ort. Wie etwas, in das man nicht fällt, sondern ankommt.

Dann musste ich an etwas denken, das ich mir selbst wahrscheinlich öfter sagen sollte:

Man darf alles denken.
Wirklich alles.

Keiner darf dir vorschreiben, welche Gedanken durch deinen Kopf gehen dürfen und welche nicht.
Das Innere ist kein sauber sortierter Ausstellungsraum. Da drin ist manchmal Gerümpel. Manchmal Sternenstaub. Manchmal völliges Chaos. Manchmal etwas sehr Wahres, das sich erst tagelang als Unruhe tarnt.

Entscheidend ist vielleicht gar nicht, was auftaucht.
Entscheidend ist, was dich am Ende lenken darf.

Du darfst dir die Welt schwarz malen.
Und du darfst sie im nächsten Moment wieder ganz bunt sehen.
Du darfst losgehen und dich umentscheiden.
Du darfst fliegen und fallen und aufstehen.
Und du darfst auch liegen bleiben, wenn deine Seele gerade kein Weiter kennt.

Du darfst auf dir bestehen.
Auf deiner Sicht.
Auf deiner Art, Dinge zu fühlen.

Du darfst deine Gedanken erzählen, auch wenn niemand sie vollständig versteht. Vielleicht müssen sie das auch gar nicht. Vielleicht reicht es manchmal schon, dass sie gesagt wurden. Dass sie einmal draußen sind. Unter freierem Himmel als in dir.

Du darfst nachts Sterne zählen, statt vernünftig zu schlafen.
Du darfst die Zeit anhalten wollen, obwohl sie nie fragt, ob es gerade passt.
Du darfst suchen, was dir fehlt, und du darfst selbst entscheiden, wann du es gefunden hast. Oder wo. Oder mit wem. Oder ob das Gefundene am Ende gar kein Mensch war, sondern eine Version von dir selbst, die du viel zu lange irgendwo zurückgelassen hast.

Und vielleicht – der Gedanke kam leise, aber blieb
ist der Sinn des Lebens wirklich nicht, etwas zu werden.

Vielleicht geht es viel eher darum, alles abzulegen, was du nie warst.

So vieles in dieser Welt tut ja so, als müssten wir irgendwohin. Als gäbe es einen richtigen Zeitpunkt, einen sauberen Plan, ein vernünftiges Tempo, in dem man bitteschön vollständig zu werden hat. Als läge das Glück immer knapp hinter dem Nächsten. Hinter der nächsten Beförderung. Dem nächsten Ziel. Der nächsten Liebe. Der nächsten Version von dir, die endlich ordentlicher, produktiver, erfolgreicher, leichter zu erklären ist.

Aber was, wenn es gar nicht ums Ankommen geht?
Was, wenn da keine Ziellinie ist?
Was, wenn niemand am Ende einen Pokal verteilt?

Was, wenn dieses ganze Leben hier gar kein Wettrennen ist, sondern eher ein Erinnern?

Ein Erinnern an das Kind in dir, das immer schon wusste, wie Staunen geht.
Wie man sich begeistert.
Wie man in Pfützen ein Weltwunder sieht.
Wie man lacht, ohne zu prüfen, ob es elegant wirkt.

Ein Erinnern an die Seele in dir, die nie nach Applaus gesucht hat. Die kein Publikum brauchte, um echt zu sein. An die Stille in dir, die schon genug war, lange bevor irgendwer dir eingeredet hat, du müsstest erst noch mehr werden, schöner werden, ruhiger werden, erfolgreicher werden, weniger werden oder doch mehr.

Keiner ist hier, um perfekt zu sein.
Was für ein entlastender, fast schon frecher Gedanke eigentlich.

Und trotzdem verbringen so viele von uns ihr Leben damit, an einer Version von sich herumzufeilen, die möglichst wenig aneckt. Möglichst niemanden stört. Möglichst gut konsumierbar ist. Glatt genug, um gemocht zu werden. Stark genug, um nichts zu brauchen. Hübsch genug, um bewundert zu werden. Erfolgreich genug, um Respekt zu verdienen.

Aber echt sein ist etwas ganz anderes.

Echt sein heißt manchmal, mitten in einem schönen Tag plötzlich traurig zu werden und nicht genau zu wissen, warum. Echt sein heißt, alte Wunden an neuen Orten wiederzuerkennen. Heißt, sich selbst nicht immer elegant zu finden. Heißt, zu fühlen, zu lernen, zu wachsen und trotzdem zwischendurch komplett verwirrt auf dem Küchenboden zu sitzen, als hätte einem niemand erklärt, wie das alles hier eigentlich funktioniert.

Vielleicht sind wir genau dafür hier.
Nicht, um perfekt zu glänzen.
Sondern um wirklich da zu sein.

Und immer wieder den Mut zu finden, uns selbst zu wählen. Nicht die hübschere Version. Nicht die bequemere. Nicht die, die besser in fremde Erwartungen passt. Sondern die echte.

Denn ich glaube nicht, dass wir am Ende gefragt werden, was wir erreicht haben.
Ich glaube eher, dass wir irgendwann fühlen werden, wie wir gelebt haben.

Und ich möchte dann sagen können:
mit offenen Augen.
Mit offenen Armen.
Mit offenem Herzen.

Mutig will ich sein.

Nicht in dieser lauten, heldenhaften Art, die so oft verkauft wird. Eher in der echten. In der, die zittert und trotzdem bleibt. In der, die die Wahrheit sagt, obwohl sie die Stimme kostet. In der, die etwas wagt, das nicht abgesichert ist. In der, die losgeht, obwohl sie keine Garantie bekommt, dass das Ende schön wird.

Mutig genug, laut zu sagen, was mich nachts wachhält.
Mutig genug, das zu tun, was die Welt mir vielleicht nicht zutraut.
Mutig genug, zu vergeben, was nicht vergessen werden kann.
Mutig genug, weiterzugehen, obwohl mein Plan sich oft erst beim Gehen zeigt.

Mutig genug, einzufordern, was jedes Herz verdient.
Und mutig genug, von heute an nicht mehr so zu tun, als müsste ich mich erst beweisen, um froh darüber sein zu dürfen, dass es mich gibt.

Ich habe Angst vor Nähe.
Aber noch mehr Angst vor keiner.
Ich bin gern allein.
Aber nur ungern einsam.

Vielleicht liegt das halbe Leben genau dort, in diesem Dazwischen. Zwischen Wunsch und Schutzmechanismus. Zwischen Komm her und Bitte nicht zu nah. Zwischen Ich schaffe das selbst und Ich wünschte, ich müsste es nicht immer.

Mit dem Ende jedes Anfangs beginnt ja meistens schon etwas Neues.
Das Verrückte ist nur, dass uns selbst der Anfang eines Anfangs oft Angst macht.
Vielleicht, weil wir so gerne vorher wüssten, ob sich das alles lohnt.
Ob uns gefallen wird, wo wir landen. Ob wir das Ende mögen werden.

Aber wie ein Ende endet, hat noch kein Anfang je verraten.
Vielleicht wäre es auch gar kein Anfang mehr, wenn er schon alle Antworten hätte.

Und dann dachte ich an Jahreszeiten.

Daran, wie jede vergeht. Wie jede wiederkehrt. Und wie trotzdem keine je dieselbe ist. Derselbe Frühling und doch nicht derselbe. Dasselbe Licht und doch ein anderes Ich, das darunter steht. Vielleicht ist genau das die ehrlichste Form von Sicherheit, die es gibt: nicht, dass alles bleibt. Sondern dass alles sich bewegt. Dass Wandel nicht gegen uns arbeitet, sondern mit uns. Dass das Leben uns nicht immer festhalten will, sondern manchmal gerade durchs Verändern trägt.

Wer das wirklich versteht, tief innen, der weiß vielleicht auch:
Veränderung ist nicht die Störung. Sie ist der Takt.
Vielleicht ist sie sogar der eigentliche Sinn.

Nicht das Festhalten.
Nicht das Fertigwerden.
Nicht das Ankommen mit Schleife drum.

Sondern dieses immer wieder neue Häuten, Lernen, Loslassen, Wiederfinden.
Dieses leise, wilde, wunderschön anstrengende Menschsein.

Und vielleicht geht es am Ende wirklich nie darum, anzukommen.

Vielleicht geht es darum, sich unterwegs nicht zu verlieren.
Oder, wenn doch, sich mit neuen Augen wiederzufinden.

A lot can change on a Monday morning

On losing and finding your muchness

Now that I have finally started writing in English too, it feels as though I am constantly playing hide and seek with my own thoughts.

Which is almost beautifully ironic, really.

Artists, I think, are people driven by two opposite desires at once: the desire to be seen, and the desire to disappear. To communicate, and to conceal. I just happen to stretch that tension across two languages, as well as through the other forms of art I create.

And maybe that is why writing in English feels strange right now.
Not unnatural — if anything, English has always been the place where my thoughts arrived most easily. In many ways, it has felt more natural to me than German ever did.
Just shy.
Shy, because now I know it is no longer only me reading these words. To write in English like this is to open another door entirely — to let the world meet this side of me, too.
Maybe that is why it feels so tender.
Maybe English was my last hiding place.

I have this quiet belief that poetry happens to a poet long before it is ever written down. It lives in the body first. In the throat. In the chest. In all the places where feelings wait before they learn how to become language.

So maybe all those years of bottled-up thoughts and emotions are simply experiencing stage fright now.
And who am I to rush them?

So today, I am letting this text become something other than what I first intended. I am changing the subject halfway through. Or maybe I am just finally arriving at the real one.

Because above all else, I have to write for myself. Not for the version of me that wants to sound polished. Not for what I think people might want to read. Just for the truth of where I am, on this particular day, in this particular moment.

After all, art was never meant to sit there and look pretty.
It was meant to make you feel something.

And lately, what I have been feeling most is this quiet but undeniable need to return to myself.

This week, more than anything, I want to keep my mental health afloat. I want to keep my stress levels as low as I can manage. Because the lesson last week taught me — very clearly, and very personally — is that if I do not give myself rest, my body will take it on my behalf.
And it does not ask gently.

The last few weeks have been loud inside me. So much thinking. So much questioning. So much circling around what I want for myself, what no longer feels right, what needs to change, and what I want that change to look like.

And none of that is bad. I think dreaming, imagining, longing — all of that matters. The universe cannot meet us halfway if we never dare to name where we want to go. Everything begins as a thought. As a possibility. As something fragile and invisible, before someone becomes brave enough to speak it aloud.

But somewhere between all that stress and all that wanting, I feel like I lost the plot a little.

Because the point of life, at least to me, is not to constantly optimize it.
It is to be happy.

And a huge part of happiness is excitement.
Not the grand, cinematic kind, necessarily.
Just the everyday kind.

A cup of tea or coffee in the morning.
The next episode. The next chapter.
Buying yourself something small after a long stretch of saving.
Sunsets.
Short trips.
Tiny adventures.
A weekend away, or even just a day that feels different from the rest.
Dancing in the kitchen.
Sitting under the stars.
Standing somewhere in the mountains and remembering how small you are in the best possible way.
Loving the people around you.
Loving yourself enough to stay.

That is the life I want.
A life I am excited to wake up to.

Everything else comes after that.

And somehow, despite all the chaos, I have this almost irrational feeling that things will work out for me. Maybe that is optimism. Maybe it is delusion. Maybe the line between the two has always been thinner than people like to admit.

In moments like this, I always think of one of my favourite quotes from Alice in Wonderland:

“You’re not the same as you were before. You were much more… muchier. You’ve lost your muchness.”

And maybe that is something worth remembering.
To not lose our muchness completely.

Maybe growing up is not just about becoming more responsible, more disciplined, more resilient. Maybe part of it is also about protecting the part of yourself that still feels delighted by things. The part that still knows how to be enchanted. The part that has not made a personality out of exhaustion.

Because joy is not a place you arrive at.
It is a garden you tend to daily.
And the day we plant the seeds is not the day we get to eat the fruit.

I think the first half of life, for many of us, is about becoming who we needed to be in order to survive. That has certainly been true for me. For a long time, survival was the deepest pattern running through everything.

But I do not want survival to be the most honest thing about my life forever.

Maybe the second half is about unraveling. About peeling away the versions of ourselves that were built in fear, built in grief, built in necessity. About returning to whatever feels most true underneath all of that.

Not a crisis. A rebirth.
A phoenix heart, through and through.

And now that this text has wandered so far away from where I first thought it would go, maybe there is only one thing left to say:

A lot can change in a year.
Or a month.
Or a week.

Or on a Monday morning.

Wie Worte in Menschen wohnen

Heute ist so ein Sonntag, der sich anfühlt, als würde die Welt ein kleines bisschen leiser atmen.
Als hätte selbst der Himmel beschlossen, nicht zu drängeln.
Und vielleicht ist genau das die beste Zeit, um über Worte zu reden.

Über diese unscheinbaren kleinen Worte, die so harmlos daherkommen, als wären sie bloß Luft mit Bedeutung.
Sind sie aber nicht.
Worte können streicheln. Worte können nachhallen.
Worte können sich in einen Menschen legen wie eine warme Decke oder wie ein Stein im Schuh,
den man noch Wochen später bei jedem Schritt spürt.

Und ich glaube, wir tun oft so, als wäre das alles halb so wild.
Als könnte man alles sagen, solange man danach einmal lässig mit den Schultern zuckt und murmelt:
War doch nicht böse gemeint.“

Ja gut.
Und der Regen meint es ja vielleicht auch nicht böse, wenn er dir die frisch gewaschenen Haare ruiniert.
Trotzdem stehst du nass da.

Vielleicht sollten wir uns einfach mal wieder ein kleines bisschen bewusster machen, wie viel Gewicht Worte eigentlich haben. Wie schnell sie ausgesprochen sind und wie lange sie trotzdem in jemandem wohnen können.
Manche Sätze gehen vorbei wie ein Windstoß.
Andere bleiben hängen wie Rauch in Vorhängen.
Und irgendwann riecht das ganze Innere noch danach, obwohl das Feuer längst aus ist.

Vor allem diese seltsame Angewohnheit, ständig etwas über andere sagen zu müssen.
Über ihr Aussehen. Ihr Auftreten. Ihre Art.
Zu laut.
Zu still.
Zu viel.
Zu wenig.

Als wären Menschen offene Flächen für fremde Urteile.

Dabei sind wir mit uns selbst doch meistens schon streng genug.
Ich zumindest kenne diese Morgenmomente vorm Spiegel nur zu gut, in denen diese kleine Stimme im Kopf schon wieder bereitsteht und genau weiß, was heute angeblich nicht passt.
Hier etwas zu viel. Da etwas zu wenig. Dort etwas, das anders sein könnte.
Als hätte man diese Stimme nie eingeladen und trotzdem taucht sie zuverlässig immer wieder auf.

Jeder bewertet sich selbst oft schon härter, als irgendwer von außen es je müsste.
Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum manche trotzdem noch meinen, noch etwas obendrauflegen zu müssen.
Als wäre das hilfreich.
Als wäre ein fremder Kommentar das fehlende Puzzleteil zu einem ohnehin schon wackligen Selbstbild.

Es gibt Dinge, die man in drei bis fünf Minuten ändern kann.
Ein Fleck auf der Hose.
Ein verdrehtes T-Shirt.
Ein offener Schnürsenkel.

So etwas darf man ruhig mal ansprechen.
Leise. Freundlich. Ohne Vorführung.
Wie man eben jemandem einen kleinen Fussel von der Schulter nimmt, nicht gleich die ganze Würde.

Aber alles, was sich nicht mal eben über Nacht beheben lässt, gehört nicht in fremde Münder.
Nicht jede Beobachtung ist ein Beitrag.
Nicht jede Meinung ein Geschenk.

Und nicht alles, was dir auffällt, braucht auch eine Bühne.

Man darf Dinge übrigens auch einfach mal für sich behalten.
Ganz verrücktes Konzept, ich weiß.

Denn Worte hinterlassen Spuren.
Und kein anderer Mensch darf entscheiden, wie tief sie gehen.
Nur weil etwas schnell dahingesagt wurde, heißt das nicht, dass es sich auch schnell wieder abschütteln lässt.
Manche Bemerkungen setzen sich fest wie kleine Splitter unter der Haut.
Kaum sichtbar vielleicht — und trotzdem bei jeder Berührung wieder da.

Und dann dieses ewige Gerede von „zu sensibel“.
Vielleicht bin ich nicht zu sensibel.
Vielleicht ist die Welt nur an manchen Stellen zu grob geworden.
Vielleicht ist es nichts Falsches, tief zu fühlen.
Vielleicht ist es sogar eine verdammt schöne Art, durch diese Welt zu gehen, auch wenn sie nicht immer bequem ist.

Was, wenn das Mädchen, das immer lacht und ein bisschen aussieht, als hätte sie morgens Sonnenlicht statt Highlighter aufgelegt, gar nicht fake ist?
Was, wenn sie einfach weiß, wie dunkel es in einem Menschen werden kann, und deshalb lieber Licht verteilt, wo sie kann?
Nicht, weil sie keine Schatten kennt. Sondern gerade, weil sie weiß, wie dunkel es werden kann.

Was, wenn der Junge, der laut ist, zu viel redet, zu viel Raum einnimmt, gar nicht bloß anstrengend ist?
Was, wenn er einfach nie einen sicheren Ort für seine Worte hatte?
Wenn er zu oft übersehen wurde, zu oft nicht ernst genommen, zu oft das Gefühl hatte, man hört ihm nur halb zu?
Vielleicht ist seine Lautstärke gar keine Show.
Vielleicht ist sie nur die Rüstung eines Herzens, das nicht anders gelernt hat, sich bemerkbar zu machen.

Was, wenn die ruhige Person mit den Kopfhörern früher einmal ein offenes, aufgeschlossenes Kind war, dem nur ein paar Mal zu oft gesagt wurde, es sei zu laut?
Was, wenn sie irgendwann beschlossen hat, lieber still zu werden, bevor sie noch einmal das Gefühl bekommt, zu viel zu sein?
Was für eine traurige kleine Zauberei eigentlich, wenn Menschen sich selbst kleiner falten, nur damit sie für andere leichter zu ertragen sind.

Und was, wenn der Mensch, der so kalt wirkt, dem alles egal zu sein scheint, gar nicht gefühllos ist?
Was, wenn ihm nur zu oft gesagt wurde, dass er zu viel fühlt?
Zu weich ist. Zu empfindlich.
Vielleicht hat er seine Gefühle nicht verloren.
Vielleicht hat er sie nur weggeschlossen wie wertvolle Dinge, die ständig mit schmutzigen Händen angefasst wurden.

Wir wissen so wenig voneinander.
Und tun trotzdem oft so, als könnten wir Menschen mit einem Blick fertig lesen.
Einmal drüberschauen, kurz urteilen, Schublade auf, Mensch rein, fertig.
Aber so funktioniert kein Herz.
Und ehrlich gesagt nicht mal ein guter Roman.

Ich mag Menschen nicht besonders, die überall etwas suchen, das sie stört.
Diese Menschen, die für alles einen Kommentar haben, aber nur selten Wärme.
Nicht alles, was wahr sein könnte, muss gesagt werden.
Und nicht alles, was gesagt wird, ist deshalb wertvoll.

Ich mag Menschen, die staunen können.
Die überall etwas finden, das sie fasziniert.
Die zwischen Rissen noch Licht sehen.
Die fühlen, was andere nicht einmal bemerken.
Die schöne Menschen erkennen, ohne dass sie dafür perfekt, glatt oder angepasst sein müssen.

Schöne Menschen sind für mich sowieso selten die glattesten.
Es sind die, die Wärme mitbringen.
Die mit Seele in der Stimme.
Mit Tiefe im Blick.
Mit einer Art, die bleibt.

Ich setze mich jedenfalls viel lieber an Tische, an denen über Ideen gesprochen wird.
Über Träume.
Über Kunst.
Über Sehnsucht, Wachstum, Pläne und diesen wilden, wundervollen Versuch, aus einem Leben etwas Echtes zu machen.
Ich mag Tische, an denen man miteinander lacht, ohne dass irgendwer dafür kleiner gemacht werden muss.

Nicht diese Tische, an denen Menschen zerpflückt werden, nur damit andere sich für einen kurzen Moment größer fühlen.
Zu laut.
Zu still.
Zu dick.
Zu weich.
Zu schwierig.
Zu emotional.
Zu viel.
Zu wenig
.
Wie müde einen das machen kann.

Vielleicht ist genau das eine der stillsten Formen von Stärke:
nicht überall seinen Kommentar abladen zu müssen.
Nicht ständig Richter spielen zu wollen.
Nicht aus jeder Beobachtung gleich ein Urteil zu schnitzen.
Vielleicht ist wahre Größe ohnehin viel sanfter, als man uns immer erzählen wollte.

Vielleicht zeigt sie sich nicht darin, wer am härtesten austeilen kann.
Sondern darin, wer trotz eigener Narben noch behutsam mit anderen umgeht.
Wer nicht überall Wunden hinterlässt, nur weil er selbst welche trägt.
Wer begriffen hat, dass man nicht größer wird, indem man andere kleiner spricht.

Und vielleicht schreibe ich genau deshalb.
Weil Worte für mich nie einfach nur Worte waren.
Sie waren immer schon kleine Zauber mit Nebenwirkungen.
Konnten tragen oder treffen.
Konnten ein Zuhause sein oder ein Echo, das man nachts nicht loswird.

Ich schreibe, weil manche Sätze mich mein Leben lang begleitet haben.
Die guten wie die schlechten.
Weil ich weiß, wie es ist, wenn Worte nachhallen.
Wenn sie trösten. Wenn sie weh tun.
Wenn sie bleiben.

Und vielleicht ist das heute alles, was ich sagen will, hingeschrieben zwischen Kaffee, Herz und einer kleinen Portion Sternenstaub: Sei vorsichtig mit dem, was du in andere Menschen hinein sprichst.
Du weißt nie, was dort gerade kämpft.
Du weißt nie, welche alte Wunde dein Satz zufällig wieder aufreißt.
Du weißt nie, ob deine Worte heute Salz sind oder Salbe.

Und wenn wir schon etwas hinterlassen in dieser Welt,
dann vielleicht lieber Wärme statt Wunden.
Ein bisschen mehr Herz.
Ein bisschen mehr Menschlichkeit.

Ein bisschen weniger Urteil in fremden Stimmen.

Denn ich glaube, am Ende erinnern sich Menschen nicht nur daran, was man zu ihnen gesagt hat.
Sondern vor allem daran, wie sie sich in deiner Nähe gefühlt haben.

Vielleicht ist der Nachhall, den wir in anderen hinterlassen, die eigentliche Sprache unserer Seele.
Vielleicht liegt genau darin auch unsere schönste Form von Menschlichkeit,
nicht in dem, was man auf den ersten Blick sieht,
sondern in den Spuren aus Wärme, Echtheit und leiser Magie,
die noch bleiben, wenn wir längst wieder gegangen sind.

The Tragedy of What Remains Unsaid

I feel like I have been putting off publishing anything in English for the longest time. Which is ironic, because as a bilingual person who grew up with English and German in equal measure, English has always been the language that felt most natural to me. The one I think in. Dream in. Return to. My comfort language, in every possible sense.

And still, I love that I started this blog in German.

Writing in German challenged me in a way English never did. It asked something rawer of me. Something more vulnerable. It made me express thoughts and emotions in a language I had rarely ever allowed them to fully exist in before. English, for the longest time, felt like an escape. German felt like exposure.

The real reason I never published in English, though, is much simpler than all of that.

My mum would not be able to fully understand those texts.
And because she has always been my number one supporter, it somehow felt selfish — almost wrong — to write in a language that would leave her outside of something so personal to me.

But lately, life has been shifting. Quietly, deeply, irreversibly. And with that shift has come the feeling that I do want to start posting in English too. Because otherwise, I think I would be hiding a part of myself that is far too essential to keep tucked away.

So for my first English post, I thought I would write about something very dear to me:
a book-to-film adaptation.

Yesterday, one of my close girlfriends and I went to the cinema, and as the chronic bookworm that I am, of course I had read the book before watching the film. In fact, I read it a long time ago.

“Whatever our souls are made of, his and mine are the same.”

That line has lived in the back of my mind ever since I first read it.

Wuthering Heights.

Before I talk about my own experience with the film, I want to say something about the way the general public has reacted to it — because yes, I am exactly the kind of person who reads people’s thoughts and feelings about books and films for fun. That is, in fact, how nerdy I am. I am deeply fascinated by the way people consume stories, and even more by the things they project onto them.

And I truly feel like a lot of people missed the point.
Or maybe they entered the cinema expecting a sweeping, heart-wrenching, old-fashioned period romance.
Which this very much is not.

Despite the way it is so often framed, Wuthering Heights is not a love story in the soft, dreamy, comforting sense people often want it to be. With its faint echoes of Romeo and Juliet, it is, first and foremost, a tragedy.
A romantic drama, if you like.
But a tragedy above all else.

To me, it is a story about miscommunication from beginning to end. About what happens when love is left to rot inside pride, fear, silence, and woundedness. It shows, in almost theatrical extremes, how miscommunication can slowly intoxicate a relationship, poison it from within, and break it down until the ending becomes inevitable.

Because love alone is almost never enough.

And although yearning certainly exists between Cathy and Heathcliff, this is not a story about beautiful, hopeless romantic longing. Not really.

It is a story about obsession.
About an almost unbearable emotional dependence.
About a bond forged in pain, horror, loneliness, and trauma.

The kind of bond that feels less like fate and more like a wound that never learned how to close.

And while that may sound like I am condemning the story, I am not. I did enjoy reading the book the first time I picked it up, and I did enjoy watching the film as well.

What I take issue with is not the story itself, but the way it is so often marketed, softened, and misread — the way people insist on highlighting its romance while overlooking the far darker truths at its center.

Because to me, the loudest message in this story is not romance.
It is the tragedy of what remains unsaid.

If they had simply spoken to one another — truly spoken — they could have had everything. Against all odds. Against society. Against circumstance. Then, and only then, maybe love could have conquered it all.

But it did not.
And that is exactly the tragedy of it.

Spoiler alert.

Catherine dies never fully knowing how deeply Heathcliff loved her. Never knowing that he wrote her letter after letter, only waiting for her to see him, to understand that he had only ever wanted her. He waits for her on the moors, not knowing she is dying. He is always waiting, always aching, always arriving a moment too late.

And she dies thinking he hated her.
Thinking he had forgotten her.
Thinking he had truly moved on from the violent emotional pull between them.

She never fully understood that his love for her had rooted itself so deeply inside him that it had become inseparable from his very being — that she was, in so many ways, the air he needed to breathe.

And still, in her final moments, she thinks of him.

It becomes a lover’s waiting game that was always doomed to end in pain.
They were damned from the very beginning.

And although romance is not the main thing this story leaves behind, I still remember the goosebumps on my skin when I first read his confession to her:

“Catherine Earnshaw, may you not rest as long as I am living. You said I killed you – haunt me, then. The murdered do haunt their murderers. I believe — I know that ghosts have wandered the earth. Be with me always — take any form — drive me mad. Only do not leave me in this abyss, where I cannot find you.”

After all the toxicity, all the damage, all the unbearable cruelty they inflict on one another, the truest thing still remains this: From the moment they met, Cathy and Heathcliff loved each other.

Never in a way that was healthy.
Never in a way that could save them.
But never falsely, either.

And maybe that is what makes their story so haunting.

Not that their love was pure.
Not that it was gentle.
Not that it was enough.

But that it was real.