Manchmal überrasche ich mich selbst damit, aus wie vielen Schichten ich eigentlich bestehe.
Aus wie vielen Räumen, in denen ich noch nie das Licht angemacht habe.
Und vielleicht sind genau das die spannendsten Orte in mir: die, in denen noch alles möglich ist.
Aus Alltag und alten Geschichten. Aus Heilung und Humor. Aus Schwere, die ich tragen gelernt habe, und aus kleinen Lichtmomenten, die mir trotzdem immer wieder durchs Herz fallen.
Und vielleicht ist dieser Text heute genau das: eine weitere Schicht. Ein neuer Raum.
Kein Themenwechsel. Kein „Mir sind die Ideen ausgegangen“. Im Gegenteil. Vielleicht tauchen wir heute noch ein Stück tiefer in meine Essenz und öffnen eine Tür, hinter der ich selbst noch nicht ganz weiß, was auf mich wartet.
Denn ich merke, dass Schreiben für mich gerade in eine neue Phase kommt. Eine Phase, in der ich nicht nur festhalten möchte, was passiert ist, sondern auch, wie es sich angefühlt hat.
In der ich mich selbst herausfordern möchte, noch tiefer hinzuschauen, noch abstrakter zu denken und noch furchtloser zu fühlen.
Also dachte ich mir: Fangen wir doch mal mit etwas an, das eigentlich ständig um uns herum ist und trotzdem viel zu selten wirklich angeschaut wird.
Farben.
Der Frühling macht es einem aber auch wirklich schwer, nicht über Farben nachzudenken. Das Gras wird wieder grüner, die Blumen bunter, die Haut langsam sonnengeküsster und die Welt tut so, als hätte sie heimlich über Nacht ihre Sättigung hochgedreht.
Aber was, wenn man diese Farben gar nicht sehen kann?
Was, wenn der Frühling kommt, ohne dieses bunte Farbenspiel vor den Augen?
Genau da kam mir ein Gedanke:
Wie würde ich einem Menschen, der nicht sehen kann, erklären, was Gelb ist? Oder Blau? Oder Rot?
Ich schlafe gerne mit offenem Fenster. Ohne Vorhang, ohne Jalousie, ohne vollständige Abgrenzung zur Welt da draußen. Vielleicht, weil ich gerne mit Mondlicht und Sternenfunkeln einschlafe und mit der Morgensonne wieder munter werde. Vielleicht auch, weil ich das Gefühl mag, dass die Welt nicht ganz ausgesperrt ist, während ich träume.
Und wenn ich nun genau dieses Morgen-Sonnen-Gelb beschreiben müsste, würde ich sagen:
Gelb fühlt sich für mich an wie der erste Moment, bevor der Tag etwas von einem will.
Wie dieses warme Licht am Morgen, das noch keine Fragen stellt.
Noch keine Nachrichten, keine Aufgaben, keine Erwartungen. Nur ein leises: Du darfst nochmal anfangen.
Vielleicht ist Gelb der erste tiefe Atemzug nach einem Sturm.
Der Moment, in dem man sich an den Satz erinnert, den man schon so oft gehört hat: Morgen ist ein neuer Tag.
Und dann kommt dieser erste Sonnenstrahl durchs Fenster und beweist einem, dass dieses Versprechen gehalten hat.
Gelb ist Hoffnung, aber nicht laut. Eher wie ein kleines Licht, das sagt: Auch heute darfst du wieder versuchen, das Schönste daraus zu machen. Oder einfach weiter stark zu bleiben.
Blau ist schwieriger.
Weil Blau für mich nie nur eines ist. Blau ist Himmel und Wasser. Ferne und Tiefe. Freiheit und Sehnsucht. Ein Pendel, das ständig zwischen Trost und Überforderung hin und her schwingt.
An manchen Tagen ist Blau zu groß. Zu weit. Zu endlos. Dann fühlt sich der Himmel nicht frei an, sondern wie etwas, in dem man sich verlieren könnte. Dann ist das Meer nicht romantisch, sondern eine Tiefe ohne Boden. Dann erinnert mich Blau daran, wie klein ich bin.
Aber an anderen Tagen ist genau das tröstlich. Dass alles größer ist als ich. Größer als meine Sorgen, größer als meine Gedanken, größer als die Dinge, die sich in meinem Kopf manchmal viel zu wichtig machen.
Blau sagt: Du bist nicht allein hier.
Du bist Teil von etwas Riesigem. Und du musst nicht alles tragen, nur weil du es fühlen kannst.
Und dann ist da Rot.
Rot war für mich lange keine einfache Farbe. Rot war Alarm. Panik. Etwas, das zu laut war, bevor ich überhaupt verstanden habe, warum.
In Filmen rennen Stiere auf Rot los, und vielleicht hat sich Rot für mich lange genau so angefühlt: wie etwas, das alles in Bewegung setzt, obwohl man eigentlich nur stehen bleiben und atmen möchte.
Ich selbst sehe selten rot. Aber Rot war trotzdem immer um mich herum. Wie ein Panikraum. Wie ein Warnschild. Wie ein Gefühl, das sofort „schlecht“ bedeutet hat.
Und dann wurde Rot mit der Zeit weicher. Vielleicht auch durchs Zeichnen.
Weil ich plötzlich gesehen habe, dass Rot nicht nur schreit. Rot mischt sich. Rot verändert andere Farben.
Rot kann Wärme sein, ein Hinweis, ein Wegweiser, ein Begleiter.
Rot ist eine Farbe, mit der man sich erst anfreunden muss. So wie mit Teilen von sich selbst.
Rot braucht Eingewöhnung, Vertrauen und Geduld.
Vielleicht ist Rot am Ende nicht nur Wut. Vielleicht ist Rot Potenzial, das jeder von uns in sich trägt.
Während ich das schreibe, merke ich, wie eng Farben und Gefühle miteinander verwoben sind. Wie sehr wir die Welt nicht nur sehen, sondern übersetzen. In Erinnerungen. In Körperempfindungen. In Geschichten, die wir uns selbst über das Leben erzählen.
Vielleicht würde jemand anderes Gelb nicht als Hoffnung empfinden, sondern als Unruhe. Vielleicht wäre Blau für jemand anderen nicht Freiheit, sondern Furcht. Vielleicht denkt jemand bei Rot sofort an Liebe, während ich erst lernen musste, mich dieser Farbe vorsichtig anzunähern.
Und genau das finde ich schön.
Dass wir dieselbe Welt ansehen können und trotzdem alle etwas anderes darin fühlen.
Vielleicht reicht es für heute mit den Farben. Vielleicht schreibe ich irgendwann darüber, wie ich jemandem Geschmack erklären würde, der nichts schmeckt. Oder Düfte einem Menschen, der nichts riecht. Vielleicht wird aus solchen Gedanken irgendwann eine ganze Sammlung kleiner Versuche, die Welt anders zu betrachten.
Und um ehrlich zu sein, ging es heute vielleicht nicht einmal darum, Farben zu erklären.
Vielleicht ging es darum, mich selbst daran zu erinnern, dass ich die Welt nicht nur sehen, sondern fühlen möchte. Dass ich nicht nur über das schreiben will, was passiert ist, sondern auch darüber, wie es sich in mir angefühlt hat.
Vielleicht ist das hier also keine neue Richtung. Vielleicht ist es nur eine weitere Schicht. Eine weichere. Eine poetischere. Eine, die schon länger in mir war und heute endlich ein bisschen Licht bekommen hat.
Und vielleicht ist genau das Schreiben für mich:
nicht nur Worte finden, sondern mich selbst immer wieder ein Stück ehrlicher erkennen.
Immer wieder Neues ausprobieren. Nicht stehen bleiben.
Nicht so tun, als müsste man für immer dieselbe Version von sich selbst bleiben, nur weil andere sie schon kennen.
Das Leben soll nie langweilig werden.
Und ich glaube, ich auch nicht.
Niemals nur schwarzweiß. Immer irgendwo Farbe im Herzen.