Wenn der Alltag kein Ausnahmezustand mehr ist
Ein Jahr älter.
Ein neues Kapitel.
Und plötzlich ganz neue Dinge, die ich lernen, verlernen – und neu lernen darf.
Mit jedem neuen Lebensjahr kommen nicht nur Kerzen auf dem Kuchen dazu, sondern auch Erkenntnisse. Manche leise, manche unbequem, manche heilsam. Und weil Teilen verbindet, teile ich diese Gedanken heute mit euch. Vielleicht findet die eine oder der andere darin einen kleinen Gedankenanstoß – etwas zum Mitnehmen, Ablegen, Überdenken oder sanft Nachjustieren.
Für mich ganz besonders wichtig – und etwas, das ich in Zukunft wirklich bewusst und regelmäßig trainieren möchte – ist es, mein Nerven- und Stresssystem neu aufzusetzen. Es umzuprogrammieren. Neu einzustellen.
Ich befinde mich nicht mehr im Überlebensmodus.
Ich darf meine Kampf-oder-Flucht-Reaktion wieder dorthin zurückstellen, wo sie hingehört: in den Notfall. Nicht mehr dauerhaft aktiv, nicht mehr ständig auf der Hut.
Ich darf lernen, tief durchzuatmen, statt mich sofort zu stressen.
Ich darf mir Zeit lassen, statt mich selbst unter Druck zu setzen.
Ich bin die Autorin meines eigenen Lebens.
Und ich halte den Stift nun selbst in der Hand.
Termine dürfen wieder Normalität sein – kein Ausnahmezustand mehr.
Und ich darf sie mir selbst einteilen. Wann. Wo. Und so, wie es für mich tragbar ist.
Auch Verabredungen, Treffen oder andere Pläne sind kein
„Ich nehme mir vorsorglich den ganzen Tag Zeit, denn was wäre, wenn …“
mehr.
Sie dürfen Struktur haben. Grobe Pläne. Einen Rahmen.
Und auch diesen darf ich frei wählen – so, wie es sich für mein Gemüt am stimmigsten anfühlt.
Ganz langsam darf wieder mehr in einen Tag passen. Mehr als eine Sache.
Ohne daran zu verzweifeln.
Ohne danach zwei volle Ruhetage zu brauchen.
Für viele klingt das vielleicht nach nichts Großem.
Nach ganz normalen Alltagsdingen.
Für mich jedoch sind das Schritte, an die ich vor ein paar Jahren noch nicht einmal denken konnte.
Ich bin nun endlich an einem Punkt, an dem ich meine Schutzmechanismen – und die daraus entstandenen Vorsichtsstrategien und Verhaltensmuster – Stück für Stück ablegen darf. Nicht wegwerfen. Sondern verstauen. Denn sie waren nicht nur schlecht. Sie haben mich geschützt.
Aber jetzt ist es an der Zeit, wieder zu unterscheiden.
Zwischen einem Lebensmitteleinkauf und einer Massenkarambolage.
Zwischen einem Arzttermin und einer Verfolgungsjagd.
Zwischen einem Treffen mit Freund:innen und einer Marionettenshow.
Und vielleicht ist genau das Erwachsenwerden für mich:
Nicht härter zu werden – sondern feiner.
Nicht wachsamer – sondern vertrauensvoller.
Nicht ständig bereit zu fliehen –
sondern endlich bereit, anzukommen.