Heute schreibe ich nicht, um eine perfekte Lösung zu präsentieren.
Ich schreibe, um ehrlich hinzusehen.
Um dem Aussprechen die Angst zu nehmen. Um Dinge beim Namen zu nennen, die gerade nicht mehr wirklich in mein Leben passen. Ohne großen Schock. Ohne dramatische Inszenierung. Ohne die Fantasie, dass morgen plötzlich alles anders ist.
Einfach nur, weil Worte Kraft tragen.
Und weil Veränderung manchmal genau dort beginnt:
bei einem ehrlichen Satz darüber, wie es gerade ist — und wohin es gehen soll.
Was passt nicht mehr zu mir?
Heute ist wieder einmal so ein Tag. Kein Weltuntergang. Kein dramatischer Tiefpunkt. Einfach einer dieser Tage, an denen man morgens aufwacht und sofort merkt: Da sitzt etwas nicht richtig.
Etwas in mir ist unruhig. Nicht laut, nicht zerstörerisch, aber deutlich genug, dass ich es nicht ignorieren kann. Negative Gedanken im Kopf, Frust in der Magengrube, dieses leise Gefühl von: So wie es gerade ist, soll es nicht bleiben.
Also habe ich meinen Morgenspaziergang kürzer gehalten als sonst. Habe währenddessen frische Luft in meine Wohnung gelassen, mich kurz im Garten geerdet, meine Pflanzen gegossen und mich dann mit einer Tasse Kaffee und einer Schüssel Schokocornflakes vor meinen Laptop gesetzt.
Zum Schreiben.
Denn nur weil ein Tag nicht leicht beginnt, heißt das noch lange nicht, dass er komplett verloren ist.
Solche Tage gehören dazu.
Deswegen muss ich ja nicht den ganzen Tag im Miesepeter-Kostüm verbringen.
Manchmal reicht es nicht, sich abzulenken.
Manchmal muss man hinsehen.
Manchmal muss man aussprechen, was längst in einem arbeitet.
Und heute ist genau so ein Tag.
Ich möchte aufschreiben, was ich nicht mitnehmen möchte. Nicht ins nächste Monat. Nicht in mein nächstes Kapitel. Nicht weiter in mein Leben, nur weil ich mich daran gewöhnt habe.
Ein großer Teil davon ist meine derzeitige berufliche Situation.
Schock. Wie kann man nur so etwas aussprechen?
Tja. Hier nehmen wir nun mal kein Blatt vor den Mund.
Man kann dankbar sein und trotzdem merken, dass man irgendwo nicht alt werden möchte. Und ich vermute stark, dass ich mit diesem Gedanken nicht ganz allein bin.
Ich möchte nicht für immer dort bleiben, wo ich gerade bin. Möchte dort nicht alt werden.
Ich möchte dieses Kapitel abschließen. Nicht impulsiv. Nicht von heute auf morgen. Nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Aber definitiv in absehbarer Zukunft.
Und das sage ich nicht aus Undankbarkeit.
Genau solche Einsichten gehören nun mal zum Leben dazu. Zur Veränderung. Zum Weiterwachsen. Zu diesem ehrlichen Moment, in dem man merkt: Etwas, das einmal gepasst hat, passt heute nicht mehr.
Und das darf man aussprechen.
Man darf sich weiterentwickeln. Man soll es sogar. Nicht alles, woraus man herauswächst, war falsch.
Manchmal hat es einfach seinen Zweck erfüllt.
Ich bin dankbar für die Zeit, die ich dort hatte. Für die Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Für die Möglichkeiten, die sich mir durch diese Arbeit eröffnet haben. Für den Raum, den sie mir gegeben hat, auch anderweitig Dinge aufzubauen, mich auszuprobieren und mich selbst wiederzufinden.
Aber ich merke schon länger:
Ich bin über dieses Kapitel hinausgewachsen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, den wir oft vergessen:
Nicht jede Phase, aus der man herauswächst, war Zeitverschwendung.
Manchmal sind genau diese Erfahrungen Stufen auf dem Weg zum eigentlichen Ziel. Manchmal brauchen wir bestimmte Kapitel, um überhaupt zu erkennen, was wir nicht mehr wollen. Was nicht zu uns passt. Was uns klein hält. Was uns müde macht. Was uns nicht mehr nährt.
Es ist genauso wichtig zu wissen, wo man nicht bleiben will, wie zu wissen, wohin man gehen möchte.
Und ich weiß mittlerweile sehr genau, wo ich nicht bleiben will.
Lange habe ich die negativen Seiten unter den Teppich gekehrt. Immer wieder ein Auge zugedrückt. Dann das andere. Immer wieder geschluckt, durchgehalten, funktioniert.
Mir gesagt: Es ist ja nicht so schlimm. Es geht schon noch. Andere haben es schlimmer. Reiß dich zusammen.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem „durchhalten“ nicht mehr nach Stärke klingt, sondern nach Selbstverrat.
In letzter Zeit ist oft das Einzige, was mir in dieser Situation bleibt, ein Haufen negativer Emotionen. Ich merke, wie sich in mir etwas in den Selbstzerstörermodus schaltet, sobald ich nur daran denke, dort zu sein.
Und trotzdem gehe ich wieder hin.
Weil Erwachsensein manchmal auch heißt, noch ein Stück weiter durchzubeißen, obwohl man innerlich schon längst bereit für den nächsten Schritt ist.
Weil Veränderung nicht von heute auf morgen passiert.
Weil Fixkosten nicht plötzlich verschwinden, nur weil man eine Vision hat.
Weil Verantwortung nicht einfach kurz Pause macht, nur weil die Seele müde ist.
Weil Zukunftspläne Zeit brauchen. Und Vorbereitung. Und manchmal auch diese unangenehme Zwischenphase, in der man schon weiß, dass man gehen wird, aber noch nicht ganz gehen kann.
Und genau da bin ich gerade.
Ich weiß vielleicht noch nicht jeden einzelnen Schritt. Ich weiß vielleicht noch nicht, wo ich meinen neuen Anker am Ende wirklich setzen werde. Aber ich habe mittlerweile eine klare Vision davon, wohin es gehen soll. Ich weiß, wie sich mein Leben anfühlen soll. Ich weiß, worauf ich hinarbeite.
Gerade passiert vieles noch hinter den Kulissen.
Gerade boxe ich mich noch ein bisschen durch. Nehme mehr auf mich, als ich eigentlich möchte, und versuche aber gleichzeitig, mich dabei nicht selbst zu überarbeiten. Es ist ein Balanceakt zwischen Geduld und Aufbruch, zwischen Durchhalten und Loslassen, zwischen Verantwortung und dem tiefen Wunsch, endlich freier zu atmen.
Aber der Unterschied zu früher ist: Ich halte nicht mehr einfach nur aus.
Ich arbeite auf etwas hin. Und das verändert alles.
Auch mein soziales Umfeld beschäftigt mich zurzeit immer wieder.
Nicht, weil plötzlich alle falsch sind oder ich mein gesamtes soziales Umfeld in einer dramatischen Vollmond-Zeremonie aussortieren möchte. Sondern weil ich merke, dass sich etwas in mir verändert hat.
Manche Dynamiken fühlen sich nicht mehr so passend an wie früher. Nicht zwingend schlecht. Nicht automatisch toxisch. Einfach nur nicht mehr ganz stimmig.
Ich habe mein Leben lang oft Menschen um mich gehabt, die mich in irgendeiner Art und Weise gebraucht haben. Menschen, die bei mir weich landen konnten. Die sich etwas von meiner Energie nehmen konnten. Von meiner Geduld. Meinem Verständnis. Meiner Fähigkeit, Dinge auszuhalten, einzuordnen und aufzufangen.
Der klassische Bilderbuch-Empath.
Oder, weniger poetisch ausgedrückt: der gute Trottel mit offenem Herzen.
Und ich meine das nicht einmal nur negativ. Denn ein Teil davon bin einfach ich.
Ich bin gern ein sicherer Ort für Menschen, die ich liebe. Ich mag es, wenn Menschen sich bei mir fallen lassen können. Ich mag es, Halt zu geben. Da ist nichts falsch daran.
Aber irgendwo zwischen „sicherer Ort“ und „selbstverständliche Notbatterie“ wird es schwierig.
Irgendwann merkt man, dass Menschen nicht nur bei einem auftanken, sondern manchmal auch den letzten Saft aus einem herausnuckeln, ohne überhaupt zu merken, dass man selbst längst auf Reserve läuft.
Und genau da liegt der Unterschied.
Ich war oft die Große. Die Vernünftige. Die Mutter der Gruppe. Die, die mitdenkt. Die, die Verantwortung übernimmt. Die, die zuhört, sortiert, beruhigt, auffängt. Die Starke. Ines halt einfach. Die macht schon. Die hält schon aus.
Die Stütze.
Der Rückzugsort.
Der Notfallkontakt.
Aber selten jemand, der selbst entlastet wird.
Und ich glaube, genau das suche ich mittlerweile mehr.
Nicht verzweifelt. Nicht, weil ich ohne diese Menschen unvollständig wäre. Ganz im Gegenteil.
Ich suche nicht aus Mangel.
Ich suche aus Selbstachtung.
Weil ich langsam verstehe, dass ich nicht nur ein sicherer Ort für andere sein darf, sondern selbst auch Menschen verdient habe, bei denen ich weich landen kann.
Menschen, die meine Energie nicht nur nehmen, sondern auch halten können. Menschen, die Tiefe nicht als anstrengend empfinden. Menschen, bei denen ich nicht performen, erklären oder mich rechtfertigen muss. Menschen, bei denen ich nicht automatisch in die Rolle rutsche, alles zusammenhalten zu müssen.
Ja, für einen People Pleaser ist das fast schon ein revolutionäres Statement.
Und ich will das gar nicht komplett schlechtreden. Es hat auch schöne Seiten. Ich mag leichte Momente. Ich mag simple Gespräche zwischendurch. Ich mag Menschen, die mich aus meiner eigenen Ernsthaftigkeit herausholen. Manchmal brauche ich genau das: kurz lachen, kurz abschalten, kurz nicht alles so tief analysieren.
Aber ich merke immer deutlicher, dass ich daneben auch etwas anderes brauche:
Menschen mit weniger Drama und mehr Tiefe.
Gespräche, die mir keine Energie rauben, sondern mich nähren. Räume, in denen ich nicht performen, erklären oder mich rechtfertigen muss. In denen ich nicht ständig übersetzen muss, wer ich bin und warum ich so bin.
Einfach sein.
Existieren.
Ohne Druck. Ohne Zuständigkeit. Ohne dieses ständige Gefühl, mich kleiner, leichter, einfacher oder verständlicher machen zu müssen, damit andere mitkommen.
Ich will Verbindung, die mich nicht auslaugt. Ich will Tiefe, ohne jedes Mal darum bitten zu müssen.
Ich will nicht mehr dauerhaft in Umfeldern sitzen, in denen mein Kopf unterfordert ist und meine Seele sich langweilt.
Und vielleicht versteht das nicht jeder. Muss man auch nicht.
Ich glaube einfach, wir reden viel zu selten ehrlich darüber, dass man aus Umfeldern herauswachsen darf, ohne jemanden dafür direkt vor ein inneres Gericht stellen zu müssen.
Nicht alles braucht einen großen Skandal, einen dramatischen Abgang oder eine dreiteilige Netflix-Doku über den Bruch. Manchmal ist es einfach nur ein menschliches: Wir passen nicht mehr zusammen.
Und das darf reichen.
Man darf Menschen mögen und trotzdem merken, dass man nicht mehr auf derselben Frequenz lebt.
Man darf dankbar sein und trotzdem gehen wollen.
Man darf eine Zeit lang irgendwo dazugehört haben und irgendwann spüren: Für mich gibt es jetzt andere Prioritäten.
Das bedeutet nicht, dass alles davor falsch war. Es bedeutet nur, dass man sich weiterentwickelt hat.
Und vielleicht ist genau das gerade der rote Faden in all dem:
Ich merke, was nicht mehr passt.
Nicht aus Drama. Nicht aus Arroganz. Nicht aus Undankbarkeit.
Sondern weil ich langsam ehrlicher mit mir werde.
Weil ich aufhöre, Dinge nur deshalb weiterzuführen, weil sie vertraut sind.
Weil ich nicht mehr alles unter den Teppich kehren möchte, nur damit es nach außen friedlich aussieht.
Wir tun das so oft. Wir spüren, dass etwas in uns arbeitet, aber statt es in den Raum zu holen, sperren wir es weg. Wir verschließen die Tür, stellen ein Möbelstück davor und tun so, als wäre nichts.
Als würden sich Gefühle magisch auflösen, wenn man sie nur lange genug ignoriert.
Aber das tun sie nicht. Sie werden nur größer.
Unzufriedenheit ist nicht immer Undankbarkeit.
Manchmal ist sie einfach das ehrlichste Zeichen dafür, dass man weitergewachsen ist.
Und vielleicht darf sie genau deshalb Raum haben.
Auch das Unzufriedensein gehört dazu. Das Meckern. Das Jammern. Das Sich-Beschweren. Das innere Augenrollen. Der Frust. Die Müdigkeit. Der Wunsch nach mehr. Nach anders. Nach echter.
Nicht, um darin zu versinken. Nicht, um sich für immer in dieser Schwere einzurichten. Sondern damit der Dampf irgendwo raus kann.
Damit wieder Platz entsteht.
Damit man sich selbst hört.
Ich glaube, wir brauchen viel mehr Ehrlichkeit in diesen Zwischenräumen. In diesem Noch-nicht-da-Sein. In dieser Phase, in der man schon spürt, dass etwas Neues kommen soll, aber noch mitten im Alten steht. In dieser unbequemen Lücke zwischen Erkenntnis und Veränderung.
Denn genau dort passiert oft mehr, als man sieht.
Dort formt sich die Richtung.
Dort sortiert sich das Innere.
Dort entsteht Klarheit.
Und vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht mit einem großen Schritt, sondern damit, ehrlich auszusprechen, was nicht mehr zu einem passt.
Heute war kein Tag, an dem ich alles gelöst habe.
Aber heute war ein Tag, an dem ich hingesehen habe.
An dem ich mutig war.
Ich habe ausgesprochen, was in mir gedrückt hat. Ich habe den Dingen Namen gegeben. Arbeit. Umfeld. Erschöpfung. Sehnsucht. Veränderung. Vision. Grenze. Wachstum.
Und allein dadurch fühlt es sich schon leichter an.
Nicht perfekt. Nicht fertig. Nicht komplett befreit.
Aber leichter.
Vielleicht war heute gar nicht alles schwer. Vielleicht war heute einfach nur einer dieser Tage, an denen ich gespürt habe: Da sitzt etwas nicht mehr richtig. Da will etwas raus. Da will etwas weiterziehen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich schreibe.
Nicht, weil ich schon angekommen bin.
Sondern weil ich den Weg dorthin festhalten möchte.
Auch das Noch-nicht-da-Sein.
Auch das Unzufriedensein.
Auch die Zwischenräume, über die kaum jemand spricht.
Denn sie gehören genauso dazu.