Wenn Liebe im Türrahmen steht

Über einen stillen Beobachter, der vielleicht nie ganz fort war

Als ich vierzehn oder fünfzehn war, besuchte mich mein Opa regelmäßig.

Was eigentlich unmöglich war.
Denn ich hatte ihn nie kennenlernen dürfen.
Er war schon fort, bevor ich ihn hätte lieben können.

Und trotzdem kam er damals vorbei.

Meistens, wenn ich von der Schule nach Hause kam, Mama noch in der Arbeit war und die Wohnung ganz mir allein gehörte. Wenn draußen noch der Lärm des Tages an mir klebte und drinnen diese besondere Stille wartete, die man nur kennt, wenn man als Kind oder Teenager allein nach Hause kommt und plötzlich alles ein bisschen größer wirkt als sonst.

Ich war schon immer ein magisches Köpfchen gewesen.
Eines von denen, die zu viel spüren.

Stimmungen in Räumen.
Energien an Orten.
Unsichtbare Fäden zwischen Menschen.
Türen, wo andere nur Wände sehen.

Auch in meiner Familie gab es immer wieder dieses Gefühl, dass die Welt nicht ganz dort aufhört, wo wir glauben, dass sie aufhört. Dass manche Dinge durchlässiger sind. Dass es Risse gibt im Gewöhnlichen, kleine Spalten im Alltag, durch die manchmal etwas hindurchschimmert.

Und trotzdem erschrak sogar ich ein wenig, als Opa das erste Mal in unserer Wohnung auftauchte.

Dabei gab er sich solche Mühe, mich nicht zu erschrecken.

Er stand nicht plötzlich vor mir.
Er kam nicht direkt auf mich zu.
Er sah mich nicht einmal richtig an.

Er zog einfach durch den Vorhausflur, wie ein harmloser Schatten, der kurz vergessen hatte, dass er eigentlich nicht mehr zu den Lebenden gehört.

Und dann kam er wieder.

Nicht nur einmal.
Nicht als flüchtiger Spuk, den man später vielleicht als müden Kopf oder Lichtspiel hätte abtun können.

Er kam fast jeden Tag vorbei.

Nach einer Weile musste ich gar nicht mehr aufschauen. Ich wusste, wann er da war. Ich spürte ihn, bevor ich ihn sah. Diese leise Veränderung in der Luft. Dieses kaum merkliche Anderswerden des Raumes. Als hätte jemand ein Fenster zu einer anderen Welt einen Spaltbreit geöffnet.

Gesprochen haben wir nie miteinander.

Ich weiß auch nicht, ob ich damals überhaupt gewusst hätte, was ich ihm erzählen soll.
Was erzählt man jemandem, der aus einer Welt kommt, über die man selbst nur rätseln kann?

Mein Leben fühlte sich damals nicht besonders erzählenswert an. Die Schulzeit war keine schöne Zeit für mich. Freunde gab es kaum. Ich war die merkwürdige Außenseiterin, das Mädchen, das irgendwie nicht richtig in die Pausenhöfe passte, nicht in die Gruppen, nicht in diese laute, harte Welt da draußen.

Also kam ich nach Hause und verschwand in meinem Zimmer.

Dort schloss ich die Tür zur Außenwelt und öffnete dafür tausend andere.

Ich schrieb Geschichten.
Ganze Skripte.
Ich spielte Szenen vor, als würde irgendwo ein unsichtbares Publikum sitzen.
Ich sang vor mich hin, lernte Tänze, erfand Figuren, Dialoge, Dramen, Welten.

Ich sprang federleicht durch mein Zimmer, als könnte mein Teppichboden zur Bühne werden, mein Kleiderschrank zur Kulisse und mein Spiegel zu einem Portal in ein anderes Leben.

Draußen war ich vielleicht einsam.
Aber drinnen war ich alles.

Schauspielerin. Sängerin. Tänzerin. Autorin. Prinzessin. Hexe. Hauptfigur.
Ein ganzes Theater in einem einzigen Kinderzimmer.

Und Opa sah mir dabei zu.

Manchmal frage ich mich, was er wohl gedacht hat.
Was für eine verrückte Enkelin er da bekommen hatte.
Dieses kleine Wesen, das durch sein Zimmer wirbelte, mit imaginären Menschen sprach, vor unsichtbaren Kameras spielte und sich Welten baute, weil die echte manchmal zu weh tat.

Aber ich schämte mich nicht.

Nicht vor ihm.

Es war seltsam, aber nie unangenehm. Ich hatte kein Bedürfnis, mich zu verstecken oder plötzlich still zu werden. Irgendetwas an seiner Anwesenheit fühlte sich vertraut an. Nicht wie ein Eindringen. Mehr wie ein stilles Danebensitzen.

Als wäre da jemand, der nichts von mir wollte.
Der mich nicht bewertete.
Der einfach nur da war.

Vielleicht war das damals schon Liebe.
Nicht die laute, erklärbare.
Sondern diese leise, die sich in Türrahmen stellt und aufpasst.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie lange er mich besuchte. Wochen vielleicht. Vielleicht länger. Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal. Es gab keinen Abschied, kein großes Zeichen, kein dramatisches Verschwinden.

Irgendwann war er einfach nicht mehr da.

Oder vielleicht war er nur nicht mehr so sichtbar.

Ich weiß noch, wie verwundert Mama mich ansah, als ich ihr erzählte, dass ihr Papa, mein Opa, in letzter Zeit regelmäßig bei uns gewesen war.

Ich glaube, für sie war dieser Satz größer, als ich damals verstehen konnte.

Warum er genau damals kam, weiß ich bis heute nicht.

Vielleicht war es Neugierde.
Vielleicht wollte er wissen, was aus seiner Enkelin geworden ist, die er im Leben nie kennenlernen konnte.

Vielleicht war er aber auch gar nicht auf der Suche nach mir.

Vielleicht suchte er seine Tochter.
Vielleicht kam er in diese Wohnung, weil dort noch etwas von ihr leuchtete.
Vielleicht hat er uns im ersten Moment verwechselt, Mama und mich, zwei Spuren derselben Liebe, zwei Gesichter aus derselben Geschichte.

Und vielleicht blieb er dann einfach ein bisschen.

Als stiller Beobachter.
Als Besucher zwischen den Welten.
Als Großvater, der zu spät kam und trotzdem noch einen Platz fand.

Ich glaube daran, dass Körper vergehen, aber Energien bleiben.

Dass wir nicht einfach verschwinden, nur weil man uns nicht mehr anfassen kann. Dass Liebe nicht an Haut gebunden ist. Nicht an Stimmen. Nicht einmal an gemeinsame Erinnerungen.

Manchmal bleibt etwas.

In Räumen.
In Familien.
In Gesten.
In Augen, die denen ähneln, die vor uns da waren.
In Liedern, die plötzlich im Kopf auftauchen.
In einem Lichtflackern.
In einem Luftzug.
In dem Gefühl, nicht ganz allein zu sein, obwohl niemand neben einem sitzt.

Vielleicht gibt es direkt neben dieser Welt noch andere.
Ebenen, Frequenzen, Zwischenräume.
Vielleicht stehen die Türen näher beieinander, als wir glauben.

Und vielleicht gibt es Zeiten, in denen die dort Drüben kurz herüberwandern. Nicht, um Angst zu machen. Nicht, um große Botschaften in die Tapete zu schreiben.

Sondern nur, um nachzusehen.

Ob wir essen.
Ob wir lachen.
Ob wir noch singen.
Ob wir die schwere Welt manchmal für einen Moment vergessen und barfuß durch unsere kleinen Zimmer tanzen.

Und vielleicht gibt es unter uns Menschen, die solche Besuche leichter bemerken.
Die Botschafterinnen. Die Lichtmenschen. Die viel Gefühlten. Die oft Belächelten.
Die, die zwischen den Welten stehen und nicht immer wissen, wohin mit all dem, was sie wahrnehmen.

Vielleicht war ich damals genau so ein Kind.

Ein kleines magisches Köpfchen mit zu vielen Antennen und zu wenig Schutz vor der Welt.
Aber vielleicht war genau das auch der Grund, warum ich ihn sehen konnte.

Vielleicht besucht mich Opa irgendwann wieder.

Vielleicht ist er manchmal längst da und bleibt nur im Hintergrund, weil er weiß, dass ich inzwischen erwachsen bin und nicht mehr jeden Geist im Flur brauche, um mich weniger allein zu fühlen.

Vielleicht kommen eines Tages auch andere vorbei. Menschen aus der Vergangenheit. Menschen, die ich geliebt habe. Menschen, die mich geliebt haben, bevor ich überhaupt wusste, wie sich ihre Stimmen anhören.

Für heute ist das Erinnern schön genug.

Es ist seltsam, wie manche Geschichten jahrelang irgendwo in einem schlafen und dann plötzlich wieder aufwachen. Wie kleine Glühwürmchen in einer Schublade. Man öffnet sie nur kurz, und auf einmal leuchtet der ganze Raum.

Und sollte Opa jetzt gerade über meine Schulter schauen, während ich diese Zeilen schreibe, dann möchte ich ihm sagen:

Uns geht es gut.
Wir halten zusammen.
Wir sind glücklich.

Und falls er dabei wieder nur still im Türrahmen steht, wie damals, dann hoffe ich, dass er lächelt.

Vielleicht knarzt ja gleich irgendwo der Boden.
Vielleicht flackert kurz das Licht.
Vielleicht war es auch nur der Wind.

Ich werde trotzdem kurz hochschauen.

Nur für den Fall.

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