Zwischen Träumen und Tun

Irgendwie stecke ich gerade in einem Autoren-Stau.
In einer Schreiberblockade. Wobei ich nicht mal weiß, ob es für sowas überhaupt echte Begriffe gibt oder ob ich mir diese Wörter nur zusammensuche, damit dieses Feststecken einen Namen bekommt. Aber genau da hänge ich gerade.

Eigentlich ist es fast schon ein Wunder, dass ich überhaupt wieder tippe.
Vielleicht werden diese Zeilen nie etwas Fertiges. Vielleicht bleiben sie einfach eine Ansammlung aus Gedankenfetzen, lose, schief, ein bisschen wirr. Vielleicht sind sie aber auch einfach das Erste, was nach langer Zeit wieder aus mir heraus will. Kein großer Durchbruch. Eher ein erstes Lebenszeichen.

Im Auge des Sturms beginnt das Leben, sagt man doch manchmal.
Und vielleicht bin ich gerade einfach nur für einen Moment überwältigt davon, dass in mir so vieles gleichzeitig zieht, drückt, wachsen will und leise anklopft.

Gestern habe ich eine Serie angefangen, und eine bestimmte Phrase ist mir im Kopf hängen geblieben wie etwas, das sich festkrallt und nicht mehr verschwindet. Vielleicht schreibe ich genau deswegen gerade überhaupt.
„Wenn sich der richtige Weg, dein Weg, zu leicht anfühlt, wenn er dir zu einfach erscheint, dann ist es vielleicht nicht der richtige.“

Und vielleicht war genau das der Satz, der mir gerade gefehlt hat.
Nicht wie ein sanfter Zuspruch. Eher wie etwas, das mich einmal kurz wachgerüttelt hat.

Denn in mir ist gerade so viel.
So viele Gedanken, dass mein Kopf sich anfühlt wie ein Raum, in dem überall halbfertige Dinge herumliegen. Zu viele Ideen, zu viele Bilder, zu viele Möglichkeiten. Ich bin voller Inspiration, voller Motivation, voller Pläne — und gleichzeitig komme ich mir vor, als würde irgendetwas in mir immer wieder auf die Bremse treten.

Ich will loslaufen, aber irgendetwas hält mich zurück.
Ich will in Bewegung kommen, aber irgendetwas in mir läuft noch immer auf Sparmodus. Zurzeit sind Babysteps die einzigen Steps, die überhaupt passieren — und selbst die kosten mich manchmal mehr Kraft, als sie eigentlich sollten. Ich funktioniere für den Alltag. Ich erledige, was eben erledigt werden muss. Aber alles, was darüber hinausgeht, liegt gerade wie hinter einer beschlagenen Scheibe. Ich kann es sehen, aber nicht richtig greifen.

Manche würden das vielleicht Faulheit nennen.
Andere vielleicht eine depressive Phase. Und vielleicht haben Menschen ja immer schnell einen Namen für Dinge, die sie nur von außen betrachten. Aber eigentlich geht es gar nicht darum, wie andere meinen Stillstand oder meinen Fortschritt einordnen. Mein Tempo gehört mir. Mein Tun auch. Und manches lässt sich eben nicht erzwingen.

Vielleicht schreibe ich auch genau deshalb.
Nicht um etwas besonders Kluges zu sagen. Nicht um am Ende einen runden, perfekten Text zu haben. Sondern um mich selbst ein kleines Stück besser zu verstehen. Um herauszufinden, was diese Phase gerade mit mir macht und wie ich trotzdem weitergehen kann, ohne mir dabei ständig selbst im Nacken zu sitzen.

Denn auch wenn es sich nicht immer so anfühlt: Ich bewege mich ja.
Vielleicht nicht laut. Vielleicht nicht schnell. Vielleicht nicht auf eine Art, die von außen besonders sichtbar wäre. Aber irgendwo unter all dem passiert bereits etwas. Ich denke an Zukunft. Ich räume innerlich um und äußerlich gleich mit. Ich bereite mich mitten im ganz gewöhnlichen Alltag darauf vor, Stück für Stück aus diesem Hamsterrad auszubrechen und meine Wünsche nicht länger nur wie schöne Dinge anzusehen, die irgendwo außer Reichweite stehen.

Ich wünsche mir ein ruhiges, unkompliziertes Leben.
Eins, das nicht ständig nach „Du musst“ klingt. Eins, das sich weniger nach eng geschnürten Tagen anfühlt und mehr nach mir. Mehr nach Luft. Mehr nach Eigenraum. Mehr nach einer Zukunft, die nicht geschniegelt schön aussieht, sondern sich wirklich richtig anfühlt.

Und vielleicht ist genau das gerade das Seltsame und Schöne daran:
Ich bin noch immer ich. Nur erwachsener. Oder zumindest in dieser wilden, unfertigen Live-Version davon. Eine Version, die gleichzeitig erlebt, festhält und irgendwie auch erst begreift, was es eigentlich heißt, älter zu werden. Kein Wunder also, dass nicht alles ordentlich sortiert daherkommt. Erwachsenwerden ist kein sauberer Ablauf. Eher ein Stapel Notizzettel, ein kalter Kaffee, ein paar Tränen auf dem Badezimmerboden und dann trotzdem irgendwo wieder ein kleiner Funke.

Ein Teil von diesem Erwachsensein, von diesem Zukunft-Bauen, ist für mich Kreativität.
Nicht nur dann, wenn etwas in mir aufbricht. Nicht nur in diesen seltenen Momenten, in denen plötzlich alles fließt. Sondern möglichst regelmäßig. Als Teil meines Lebens. Als Sprache. Als Zuhause.

Ich wollte schon immer schreiben.
Bücher, Geschichten, Blogposts, Texte aller Art. Also muss ich wohl genau das tun: schreiben. Nicht irgendwann, wenn ich mich perfekt, inspiriert und bereit fühle. Sondern jetzt. Unordentlich. Ehrlich. So viel wie möglich. Vielleicht gerade dann, wenn ich mich festgefahren fühle. Vielleicht sollte ich in solchen Phasen nicht darauf warten, dass etwas Neues plötzlich über mich kommt, sondern lieber meine alten Notizen wieder aufschlagen wie kleine Spuren, die ich mir selbst irgendwann hinterlassen habe.

Ich wollte auch schon immer Künstlerin sein.
Zeichnen. Illustrieren. Gestalten. Dinge sichtbar machen, die vorher nur in meinem Kopf gewohnt haben. Also muss ich auch das tun. Den Stift in die Hand nehmen. Den Pinsel. Mich an den Tisch setzen, auch wenn heute vielleicht nichts Großartiges entsteht. Nicht jeder Tag muss etwas Wunderschönes hervorbringen. Manchmal reicht es, Farbe zu berühren. Manchmal reicht es, ein altes Werk wieder hervorzuholen und ihm das zu geben, was ihm noch gefehlt hat.

Ich möchte, dass die Welt meine Kunst sieht.
Egal in welcher Form sie auftaucht. Am liebsten in so vielen wie möglich. Nicht, weil ich irgendwem etwas beweisen will. Sondern weil auch ich Platz einnehmen darf. Weil ich sichtbar sein darf. Weil meine Stimme nicht erst dann wertvoll ist, wenn sie allen gefällt. Weil ich mich nicht kleiner machen muss, nur damit andere sich wohler fühlen.

Also muss ich vielleicht anfangen, mehr von mir zu zeigen.
Einfach mal veröffentlichen. Einfach mal posten. Einfach mal in die Welt geben, was durch mich hindurch möchte. Ohne jeden einzelnen Gedanken vorher bis ins Letzte zu zerdenken. Ohne dieses ewige:
Was, wenn es schiefläuft?
Was, wenn alle denken, ich bin komisch?
Was, wenn es niemanden interessiert?
Was, wenn ich zu viel bin?

Was, wenn nicht?

Was, wenn es mich glücklich macht?
Was, wenn es leichter wird, sobald ich aufhöre, alles im Vorhinein kaputtzudenken?
Was, wenn daraus Freiheit wächst?
Was, wenn genau dort, wo ich immer nur das Scheitern vermute, längst etwas Gutes auf mich wartet?
Was, wenn ich mit meinen Worten jemanden berühre?
Was, wenn meine Kunst jemanden aufatmen lässt?
Was, wenn ich nicht peinlich bin, sondern mutig?

Vielleicht sollte ich mir das Beste viel öfter erlauben.
Nicht als Naivität. Nicht als Zuckerguss über ernste Dinge. Sondern als Gegengewicht. Als bewusste Entscheidung gegen dieses ewige innere Katastrophendenken, das uns allen so vertraut geworden ist.

Denn wir sind so geübt darin, uns den Absturz auszumalen.
Was, wenn es scheitert.
Was, wenn es schiefläuft.
Was, wenn ich mich blamiere.
Was, wenn niemand bleibt.

Aber wie oft setzen wir uns mit derselben Ernsthaftigkeit hin und denken das Gute bis zum Ende?

Was, wenn Menschen meine Texte gern lesen?
Was, wenn sie sich darin wiederfinden wie in einem leicht beschlagenen Spiegel?
Was, wenn sie auf neue Worte von mir warten?
Was, wenn meine Kunst nicht nur gesehen, sondern wirklich gefühlt wird?
Was, wenn ich mit dem, was ich erschaffe, nicht nur mich selbst befreie, sondern auch anderen ein kleines Fenster öffne?

Vielleicht sind die Dinge, die ich mir ausmale, gar nicht bloß Träume.
Vielleicht sind sie keine Spinnereien, kein zu großes Wunschdenken, kein Unsinn. Vielleicht sind sie Wegweiser. Kleine Zeichen am Rand eines Weges, den ich noch nicht ganz kenne, der aber trotzdem meiner ist.

Vielleicht sollte ich meine Träume also nicht nur träumen.
Vielleicht sollte ich anfangen, ihnen hinterherzugehen. Nicht wie jemand, der verzweifelt nach etwas greift. Sondern wie jemand, der langsam versteht, dass Sehnsucht nicht grundlos da ist. Dass Wünsche manchmal keine Flucht sind, sondern eine Richtung.

Vielleicht gibt es irgendwo schon diese Version von mir, die all das lebt, wonach ich mich sehne.
Nicht in einer glattgebügelten Fantasiewelt. Sondern in einer echten Zukunft. Einer, die Ecken hat, Zweifel kennt und trotzdem mir gehört. Einer Zukunft, die nicht darauf wartet, dass ich plötzlich furchtlos werde — sondern vielleicht nur darauf, dass ich aufhöre, mich selbst zurückzuhalten.

Also darf ich nicht aufgeben.
Vor allem aber darf ich nicht für immer am selben Fleck verharren und so tun, als wäre Sehnsucht etwas, das man einfach aussitzen kann.

Vielleicht muss ich mich genau deshalb bemerkbar machen.
Mich zeigen. Mich hörbar machen. Der Welt, und vielleicht auch mir selbst, sagen: Ich bin hier. Ich bin noch da. Ich bin unterwegs. Auf meinem Weg.

Und ja, vielleicht werden Menschen versuchen, mir meine Träume auszureden.
Vielleicht werden sie ihre Zweifel wie kleine Steine vor meine Füße legen. Vielleicht werden manche mein Anderssein belächeln, meine Worte verdrehen, meine Art zu fühlen für zu viel halten.

Aber nur weil nicht jeder meine Sprache spricht, macht das sie noch lange nicht falsch.
Nur weil nicht jeder versteht, was ich meine, macht das es noch lange nicht bedeutungslos. Und nur weil ich missverstanden werde, heißt das noch lange nicht, dass ich mich geirrt habe.

Vielleicht bin ich nicht verloren.
Vielleicht bin ich einfach mitten in einer Verwandlung.

Vielleicht ist das hier kein Stillstand.
Vielleicht ist das hier der Moment kurz davor.

Der Wendepunkt.
Zwischen Träumen und Tun.
Zwischen Wünschen und Werden.

Warum redet fast niemand über diesen Teil des Lebens?

Manchmal schreibe ich nicht, weil ich Antworten habe.
Sondern weil meine Gedanken irgendwo hin müssen.
Heute ist so ein Tag.

Einer von denen, an denen ich merke, dass Erwachsensein sich manchmal anfühlt,
als würde man gleichzeitig laufen lernen und Verantwortung tragen.

Dieser Text soll kein Ratgeber sein.
Eher ein offenes Notizbuch. Für mich.
Und vielleicht für alle, die gerade auch irgendwo zwischen Werden und Durchhalten stehen.

Manches ist von innen schwer zu beschreiben.
Und von außen oft noch schwerer zu verstehen.

Um ehrlich zu sein:
Zurzeit finde ich es ein bisschen schwierig mit mir.

Ich navigiere mein Erwachsenendasein so gut ich kann.
Und gleichzeitig denke ich immer wieder an meine Jugend zurück.

Und ja, ich höre die Stimme schon beim Tippen: „Du bist doch noch jung.“
Vielleicht stimmt das sogar. Aber jung zu sein bedeutet nicht, dass das Leben weniger ernst wird.
Und auch nicht, dass Verantwortung erst später beginnt.

Und ganz ehrlich: Wenn ich zu jung bin – was ist dann zu alt?
Wo liegt diese Grenze eigentlich? Und wer bestimmt sie überhaupt?

Manchmal beginnt Erwachsensein einfach früher als geplant.
Bei jedem sieht das ein bisschen anders aus und passiert zu einem anderen Zeitpunkt.

Und genau da stehe ich gerade.
Irgendwo zwischen dem Versuch, mein Leben möglichst erwachsen zu navigieren
und dieser leisen Sehnsucht nach der Unbeschwertheit von früher.

Es fühlt sich ein bisschen an, als würde ich auf einem schmalen Balken balancieren.
Und jedes Mal, wenn ich zurückblicke, verliere ich kurz das Gleichgewicht.
Und trotzdem höre ich nicht damit auf.

Ich bin fast ein bisschen neidisch auf diese Zeit damals.

Nicht weil alles einfacher war – Verantwortung hatte ich auch da schon genug.
Aber ich hatte noch diesen Freiraum.

Einfach mal Pause drücken. Wegfahren. Ein paar Tage nichts tun.
Kein schlechtes Gewissen, wenn man am Ende der Woche noch keinen Plan für die nächste hat.

Einfach im Hier und Jetzt leben. Ohne Druck.
Ohne dieses leise Hintergrundrauschen von „du solltest eigentlich…“.

Jeder spricht über das innere Kind.
Aber nur wenige über den inneren Teenager.
Oder die junge Erwachsene in uns, die irgendwo unterwegs einfach stehen gelassen wurde.

Ich glaube, meine rebelliert gerade ein bisschen.
Vielleicht fühlt sich deshalb im Moment alles doppelt so anstrengend an.

Denn ich bin gerade sehr im Erwachsenenmodus.
Stress. Termine. Verantwortung.

In meinem Job habe ich über die Jahre – fast aus Versehen – eine immer wichtigere Rolle übernommen.
Mehr Aufgaben. Mehr Verantwortung. Nicht unbedingt mehr Entlohnung. Leider.

Trotzdem macht man weiter.
Denn der Luxus, einfach aufzuhören und etwas Neues zu suchen, fühlt sich plötzlich gar nicht mehr so leicht an,
wenn man eine eigene Wohnung bezahlt, Fixkosten hat, ein Auto, Versicherungen, einen vierbeinigen Mitbewohner.
Das Leben wird irgendwann erstaunlich konkret. Die meisten wissen ziemlich genau, was ich meine.

Dann ist da noch der Alltag. Der eigene Haushalt.
Einkaufen. Sauber machen. Wäsche waschen. Staubsaugen.
Diese ganzen kleinen Dinge, die sich leider immer noch nicht von selbst erledigen.
Anscheinend war das mit den Heinzelmännchen doch nur ein Mythos.

Und dann natürlich auch die eigenen Bedürfnisse. Sport. Gesundheit. Ernährung.
Der Körper erinnert einen ja irgendwann daran, wenn man ihn zu lange ignoriert.

Hobbys. Der Ausgleich zur Ernsthaftigkeit des Lebens.
Und irgendwo dazwischen versucht man auch noch zu leben.

Dann sitzt man irgendwann auf der Couch. Endlich ein paar freie Minuten.
Und man merkt: Die Freizeit fühlt sich gar nicht mehr nach Freizeit an.
Weil man bis dahin schon so erschöpft ist, dass einem die Energie fehlt, sie wirklich zu genießen.

Dann gibt es da noch das Umfeld. Menschen, die mich manchmal an meine eigene innere Teenagerin erinnern.
Die dauerhaft auf 110 % laufen. Für die der Tag zu wenig Stunden hat.
Die ihr Leben noch mit dieser Leichtigkeit leben können und trotzdem schon von Stress sprechen.

Ich war ja selbst einmal genauso. Jeder von uns kennt das.

Dazu kommen die Vergleiche. Die Bewertungen von außen.
Die Menschen, die angeblich noch mehr schaffen und trotzdem alles irgendwie hinbekommen.
Als ob’s ein Wettkampf wäre.

Und schließlich sind da noch die sozialen Kontakte.
So hart es vielleicht klingt: In solchen Phasen haben sie bei mir oft die niedrigste Priorität.
Für manche unvorstellbar. Für mich ist das einfach die gesündeste Entscheidung.
Ich war schon immer eher unabhängig und distanziert. Nicht persönlich gemeint.
Und ganz sicher nicht, weil mir Menschen egal sind.

Sondern weil soziale Energie eben auch Energie ist.

Und ich weiß, dass Begegnungen für mich erst wieder wirklich schön sind, wenn ich selbst wieder etwas ausgeglichener bin. Wenn das Leben wieder ein bisschen übersichtlicher wird. Klarer.

Ob ich heute alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe?
Weiß ich ehrlich gesagt noch nicht.
Ich lerne gerade, weniger streng mit mir selbst zu sein.

Mir weniger Druck zu machen. Denn Druck entsteht sowieso schnell genug von allein.
Also setze ich mir kleinere Ziele. Versuche stets die kleinsten Erfolge zu feiern.
Manchmal ist es ein Erfolg einfach nur aufzustehen und sich die Zähne zu putzen.

Wenn ich von drei Tageszielen eines erreiche, dann ist das eben das Ziel, das heute wichtig war.
Schritt für Schritt in meine eigene Richtung. Mein Weg bleibt mein Weg – egal ob ich laufe oder zwischendurch gehe.

Und heute freue ich mich über den Regen.
Auch wenn draußen gerade die Sonne scheint.
Der Regen, von dem ich rede, hat sowieso nichts mit dem Wetter zu tun.
Denn selbst wenn ich mich nicht darüber freue, regnet es ja trotzdem.
Und vielleicht ist das genau das Leben.
Es passiert sowieso.

Also lerne ich langsam, einfach darin zu stehen.
Den Regen zu genießen.
Vielleicht sogar darin zu tanzen.

Oder mich einfach kurz hinzusetzen und zuzuhören,
wie beruhigend Regen manchmal sein kann.

Ein kleiner Boxenstopp fürs Herz

Da ist nichts mehr, das ich sagen kann

Ein weiteres Gedankenflüstern aus meinem Journal, irgendwo zwischen Heilung und Kaffee.
Vielleicht findet sich auch diesmal wieder etwas darin, das jemandem ein kleines Stück Inspiration,
eine Stütze oder vielleicht einfach ein Kerzenschein im Dunkeln sein darf.

Und auf einmal sitze ich hier und die Worte
da ist nichts mehr, das ich tun oder sagen kann
sind mir einfach rausgerutscht.

Ein Satz, der mich selbst überrascht hat.

Von mir kommend – dem Mädchen, das immer alles gesagt hätte. Alles getan hätte.
Damit Dinge funktionieren.
Damit Menschen bleiben.
Damit andere glücklich sind. Oder zumindest bekommen, was sie wollen.

Ich war immer der Therapie-Mensch.

Der Mensch, zu dem andere kommen, wenn ihr Herz schwer ist.
Wenn sie über Probleme sprechen wollen. Über Sorgen.
Über Dinge, die ihnen auf der Seele liegen.

Bei mir scheint es leicht zu sein, sich anzuvertrauen.
Natürlich.

Ich bin die Freundin, mit der man über gebrochene Herzen spricht.
Über Probleme auf der Arbeit.
Über Familienkrisen oder existenzielle Fragen.

Die, die meistens einen guten Rat parat hat.
Die irgendwie die richtigen Worte findet.

Zu mir kommt man auch gerne zurück – mit Updates, mit Neuigkeiten,
mit Geschichten von Abenteuern, die passiert sind.

Und irgendwo zwischen all diesen Gesprächen bin ich auch die erwachsene Freundin geworden.

Die, die schon lange alleine lebt.
Die abends öfter zuhause bleibt.
Die ihren geregelten Alltag hat.

Mit gutem Kaffee. Meinem Hund.
Und meiner Arbeit.

Für mich gab es irgendwie immer schon Bezeichnungen. Labels. Rollen.

Und was sich früher angefühlt hat wie eine Lebensaufgabe, wie ein Sinn –
fühlt sich heute manchmal weniger nach Liebe an und mehr wie ein Käfig.

Oder ein Labyrinth.

In letzter Zeit versuche ich wieder mehr Spaß zu haben. Meinen Hobbys nachzugehen.
Mein soziales Umfeld zu genießen. Einfach mein Leben zu leben.

Und doch fällt mir auf, wie wenig Spaß ich manchmal wirklich habe.

Nicht weil die Welt langweilig geworden ist.
Sondern weil ich so fest in meiner Rolle hänge.

Manchmal möchte ich auch einfach die Freundin sein,
bei der man sich meldet, wenn man etwas erleben will.
Nicht nur, wenn es etwas zu besprechen gibt.

Manchmal vermisse ich diese Unbeschwertheit von früher.
Ich denke oft zurück an meine Teenagerjahre.

Als ich einfach gelebt habe.
Ohne über morgen nachzudenken.
Ohne Grübeln über Fixkosten oder Dienstpläne.

Spontane Reisen.
Roadtrips unter der Woche.
Das Leben im Moment.

Und dieses nostalgische Gefühl taucht immer wieder auf.
Eine Zeit zu vermissen, die nie wieder zurückkommen wird.

Manchmal frage ich mich,
ob ich nun offiziell erwachsen geworden bin.
Und ob das bedeutet, dass die Leichtigkeit mich nie mehr finden wird.

Oder ob ich vielleicht einfach nur vor einer neuen Tür stehe.
Eine Tür, hinter der neue Abenteuer warten.

Und vielleicht schaue ich gerade nur noch einmal zurück
auf eine Version von mir, die es früher einmal gab.

Denn eigentlich liebe ich es auch,
die weise Freundin zu sein.

Es berührt mich zu wissen,
dass Menschen mich als jemanden sehen mit emotionaler Tiefe.
Mit einem offenen Ohr. Mit einem sicheren Raum ohne Urteil.
Jemanden, zu dem man geht, um sich gesehen zu fühlen. Gehört.

Und wenn ich ganz ehrlich bin — ich mag mich, wie ich bin.
Ich mag mich mittlerweile sogar wirklich gerne.

Ich liebe es, dieser Therapie-Mensch zu sein.
Für die Menschen, die ich liebe.
Für Bekannte oder Kollegen, die einfach kurz jemanden brauchen, der zuhört.

Und manchmal auch für Fremde, die ich vielleicht nie wieder sehen werde –
aber für einen kleinen Moment darf ich der Mensch sein,
der ihnen ein bisschen Licht mitgibt.

Ich mag es, Licht zu sein. Wärme.

Menschen ein gutes Gefühl mitzugeben,
egal wie schwer und dunkel ihr eigenes Leben gerade ist.
Ich würde das nicht anders wollen.

Manchmal dürfte es für mich einfach ein bisschen leichter sein.
Vielleicht zwischendurch einfach kurz eine Pause.
Ein kleiner Boxenstopp nur für mich, bevor es wieder weitergeht.

Und gleichzeitig weiß ich auch,
dass das Leben so nicht funktioniert.

Vielleicht schreibe ich genau deswegen.

Vielleicht brauche ich zwischendurch einfach kurz eine Pause.
Einen kleinen Boxenstopp für mein Herz.
Und das ist vollkommen okay.

Vielleicht gehört Erwachsenwerden nicht dazu, die Leichtigkeit zu verlieren.
Vielleicht lernen wir nur, sie neu zu finden.

Mit Mondlicht auf der Haut

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, vielleicht sogar zum ersten Mal überhaupt —
fühle ich mich wie die Alchemistin, die ich schon immer war.

Nicht im Sinne von Zaubertränken und Gold aus Blei.
Sondern in diesem leisen, sturen, unaufhaltsamen Sinn:
Ich habe immer genommen, was mir das Leben vor die Füße gelegt hat.
Schönes. Schweres. Unfertiges.
Und habe daraus trotzdem etwas gebaut.

Mich.
Meinen Weg.
Mein kleines, eigensinniges Universum.

Vielleicht habe ich nie auf Rettung gewartet.
Vielleicht habe ich die Dinge immer schon verwandelt.

Heute ist Vollmond.
Und ich merke, wie mich das unruhig und gleichzeitig ruhig macht.

Ich habe kein großes Konzept für diesen Text. Nur viele Eindrücke im Kopf.
Ein bisschen Räucherduft in der Luft. Das Fenster gekippt.
Und dieses helle Licht draußen, das alles ein kleines bisschen ehrlicher wirken lässt.

Ich bin müde vom Funktionieren. Vom Starksein auf Abruf.
Vom Gefühl, jeden Tag wissen zu müssen, wo es hingeht.

Das klappt nicht. Zumindest nicht bei mir.

Und trotzdem liegt etwas Neues in der Luft.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Aber spürbar.

Als würde sich mein Weg formen, während ich ihn gehe.
Als würden Gedanken, die ich jahrelang nur vorsichtig gedacht habe, plötzlich Substanz bekommen.

Ich schaue auf mein Visionboard und lächle. Nicht, weil schon alles da ist.
Sondern weil ich merke, dass es sich bewegt.

Gute Dinge finden ihren Weg zu mir.
Nicht, weil ich alles kontrolliere oder alles im Griff habe.
Sondern weil ich begonnen habe, mir selbst zu glauben.

Manchmal fühlt es sich an, als würde ich mich nicht nur wiederfinden.
Sondern verwandeln.

Und trotzdem trage ich noch Dinge mit mir herum.
Alte Muster. Alte Schwere.
Gefühle, die sich in meine Hände legen, obwohl ich sie längst absetzen möchte.

Ich frage mich heute:
Was darf gehen? Was halte ich fest, nur aus Gewohnheit?

Denn wenn meine Hände voll sind mit Vergangenem,
wie soll ich greifen nach dem, was kommt?

Während ich hier sitze, hüpft wieder diese kleine Meise vor meinem Fenster herum.
So leicht. So wach. So selbstverständlich im Moment.

Und ich frage mich, wann ich mir zuletzt erlaubt habe, genauso leicht zu sein.
Nicht effizient. Nicht produktiv.
Einfach nur lebendig.

Vielleicht ist das mein eigentliches Ritual heute.
Nicht manifestieren im großen Stil.
Nicht das Universum überzeugen.

Sondern anerkennen, dass ich glauben möchte.

An das, was noch nicht da ist. An Wünsche ohne Beweis.
An ein Werden, das Zeit braucht.

In die eigene Seele zu investieren wirkt manchmal seltsam in einer Welt, die nur Ergebnisse zählt.
Aber für mich ist es kein Umweg. Und auch keine Nebensache.
Es ist Verwandlung.
Der leise Kern, zu dem ich immer wieder zurückkehre —
und aus dem ich neu wachse.

Vielleicht haben Sternschnuppen nicht den Job, Wünsche zu erfüllen.
Vielleicht erinnern sie uns nur daran, erst einmal zu überlegen, was wir uns wirklich wünschen.

Und ich wünsche weiter.

Mit Mondlicht auf der Haut und diesem neuen, vorsichtigen Vertrauen, dass ich nichts suchen muss.
Dass ich längst unterwegs bin.

Mit einer Magie,
die nie irgendwo draußen auf mich gewartet hat.
Sondern in mir gewachsen ist.

Still. Hartnäckig. Unübersehbar.

Vielleicht war es nie meine Aufgabe, etwas zu finden.
Vielleicht ging es immer darum, aus allem, was mir begegnet,
mein eigenes Gold zu machen.

Und es nicht für mich zu behalten.
Sondern es zu teilen.
Wie Funken.Wie Konfetti, im richtigen Moment.

Weil die eigentliche Magie nicht im Himmel lebt.
Sondern in uns.

Und sie wächst — wenn wir uns trauen, wir selbst zu sein.

Blumen ohne Grund

Stell dir mal vor, du wärst heute jemand, den du über alles liebst.
Was würdest du dann heute alles für dich tun?

Vielleicht ist dieser Text heute einfach ein kleiner Selbstversuch.
Wie sich ein Montag anfühlt, wenn ich mich selbst nicht bekämpfe.
Wie sich eine Woche anfühlt, wenn ich sie nicht schon im Voraus überlebe, sondern wirklich beginne.

Mit diesem Gedanken starte ich in meine Woche. Noch bevor Alltagsstress und Termine zu viel Platz in meinem Kopf einnehmen können. Noch bevor Frust und Unzufriedenheit sich breitmachen.

Heute starte ich mit dem Mantra:
Ich sorge für mich, als wäre ich die Liebe meines Lebens.
Denn schließlich – und eigentlich als Allererstes – bin ich das ja auch.
Zumindest sollte das jeder von uns sein, bevor wir andere lieben.

Heute will ich Optimismus in den Tag bringen. Positive, schöne Gedanken.
Zum Beispiel den, dass Schmetterlinge – eine der schönsten Wesen auf dieser Erde – ihre eigenen Flügel nie betrachten können. Nie sehen werden, wie schön sie wirklich sind. Und genauso geht es den meisten Menschen auch.

Statt Kritik und Selbstzweifeln möchte ich heute mit Leichtigkeit und Selbstfreundlichkeit durch den Tag gehen.
Um mir selbst zu zeigen, dass man Dinge leben und aussprechen muss, damit sie überhaupt werden können.

Ich habe Lust, meiner eigenen Wahrnehmung neue Perspektiven zu geben. Meinem Selbstbild neue Seiten zu öffnen. Mir die Chance zu geben, meiner Body Dysmorphia ein Stück mehr Realität zu zeigen – oder zumindest Frieden mit der Unsicherheit zu schließen, statt ständig zu rätseln, was nun wahr ist und was nicht.
Und vielleicht muss ich heute auch gar nicht alles glauben, was mein Kopf mir zeigt.

Zurzeit erinnere ich mich oft daran, nicht nur die schlimmsten Szenarien zu überdenken – sondern auch die besten.
Man ist so an sich selbst gewöhnt, dass man oft gar nicht sieht, wie beeindruckend oder außergewöhnlich man auf andere wirken kann. Stattdessen denkt man eher: Was, wenn andere mich komisch finden? Oder seltsam.
Oder unsympathisch. Eigentlich traurig.

Ich mag Menschen, die anders sind.
Die Belächelten. Die schwarzen Schafe. Die, die aus der Reihe tanzen und an ihre Visionen glauben. Die Träumerinnen und Träumer, die in dieser Welt ein bisschen Magie versprühen. Die kreativen Köpfe. Die Gegen-den-Strom-Schwimmenden. Die Gedankentief­taucher und Vielfühler.
Die Einzelgänger, die eigentlich gar keine sind – die sich nur gegen Drama, Neid und Hetzerei entschieden haben.

Oft sind genau das die Menschen mit den schönsten Seelen.

Heute weiß ich auch, dass ich genau so ein Mensch bin.
Und dass ich genau solche Menschen mag. Ganz egal, wie sie aussehen.

Ich halte nicht weniger aus, nur weil ich mehr spüre.
Nichts an mir ist perfekt – aber alles an mir ist gut genug.

Vor längerer Zeit habe ich mal ein Zitat gelesen. Neulich bin ich wieder darüber gestolpert und habe gemerkt:
Erst wenn man das versteht, beginnt vieles Sinn zu machen.

Ich bat das Universum um Blumen, und es gab mir Regen.

Wenn man immer nur schaut, was fehlt, übersieht man schnell, was bereits da ist.
Und bemerkt es oft erst, wenn es schon weg ist.
Manchmal ist schon „ein bisschen besser als gestern“ mehr als gut genug für heute. Das wird viel zu selten gesagt – und noch seltener gedacht.

Vielleicht bedeutet heilen nicht, dass alles gut ist.
Vielleicht bedeutet es nur, dass auch das Gute wieder Platz bekommt.

Das Fazit dieses Textes ist simpel:
Auch die positiven Gedanken dürfen im Kopf bleiben. Sie dürfen Raum bekommen. Sie dürfen gefühlt werden.
Mit all der Empathie, die ich so leicht in die Welt hinaustrage, darf ich auch Positives in mir selbst fühlen.
Ich darf zwischendurch genauso sanft mit mir sein, wie ich es mit allen anderen bin.

Da draußen wird es auch nach diesen Tagen noch genug geben, was gefühlt werden will.
Daran ändert ein Tag mit mir selbst nichts.
Und um ehrlich zu sein, ist auch egal, ob irgendjemand außer mir das versteht.
Niemand steckt in meinen Schuhen. Niemand lebt mein Leben für mich.

Und an alle da draußen, die auch anders sind:

Ich hoffe, man schenkt dir Blumen. Ganz ohne Grund.
Und auch dann, wenn du selbst dieser jemand bist
.

Notizen einer ehemaligen People Pleaserin

Heilen ist manchmal einfach nur unbequem

Ich glaube, ich bin gerade dabei, eine neue Version von mir selbst kennenzulernen.
Nicht die perfekte. Nicht die fertige.
Aber eine ehrliche.

In den letzten Jahren bin ich unglaublich aufgeblüht. Ein großer Teil davon liegt an meiner Arbeit. Ich habe einen sehr menschenbezogenen, extrovertierten Job. In Kombination mit meiner offenen Persönlichkeit fühlt sich das oft an wie eine Dauer-Sozialisierung. Als wäre meine soziale Batterie ständig geladen und ich würde permanent unter Menschen sein.

Und ich liebe das. Meistens.
Ich liebe den Kontakt, dieses familiäre Gefühl, die Abwechslung. Kein Tag gleicht dem anderen. Ich darf dort einfach ich sein – ein kleiner sozialer Schmetterling, der sich nicht verstellen muss.

Was ich dabei nur manchmal vergesse:
Am Ende des Tages bin ich ein introvertierter Mensch.

Ich liebe Ruhe. Frieden. Stille.
Am glücklichsten bin ich zuhause mit einem Buch auf der Couch.
In meiner Küche, wenn ich ein neues Rezept ausprobiere.
Vor einer Leinwand oder einem Skizzenblock, wenn ich einfach meiner Kreativität freien Lauf lassen kann.
Meine Zeit alleine erfüllt mich auf eine Weise, die kaum etwas anderes erreicht.

Und gerade weil ich im Alltag so viel unter Menschen bin, brauche ich diese Zeit dringend. Zum Auftanken. Zum Runterkommen. Zum Ich-sein.

Nur kommt sie in letzter Zeit immer wieder zu kurz.

Manchmal sitze ich da, ein Treffen im Kalender, und ich merke: Ich will eigentlich nicht.
Nicht, weil ich die Menschen nicht mag.
Sondern weil ich mich selbst gerade mehr brauche.

Früher hätte ich sofort Ja gesagt. Ohne nachzudenken.
Heute spüre ich zumindest, dass ich eine Wahl habe.

Manchmal sage ich trotzdem noch Ja – aber bewusst.
Und manchmal sage ich Nein.

In meinem Tempo. In kleinen Schritten.

Ich darf bestimmen. Meine Meinung zählt. Mein Wohlbefinden auch.

Und trotzdem fühlt es sich oft noch ungewohnt an.
Nach Jahren des ständigen Jasagens ist das Aufhören damit alles andere als elegant. Es ist unbequem. Anstrengend. Manchmal fühlt es sich sogar egoistisch an, obwohl es das nicht ist.

Ich arbeite noch daran, nicht immer sofort verfügbar zu sein. Nicht jede Nachricht innerhalb von Minuten beantworten zu müssen. Nicht ständig abrufbar zu sein. Und ehrlich? Das fällt mir noch ziemlich schwer.
Dieses alte Muster sitzt tief. Dieses Gefühl, sofort reagieren zu müssen, damit niemand enttäuscht ist.

Aber ich lerne.
Langsam, aber bewusst.

Ich lerne, dass Wachstum nicht bedeutet, überall gleichzeitig mitzuhalten.
Ich muss nicht jedes Tempo mitgehen.
Nicht jede Einladung annehmen.
Nicht immer mehr geben, um wertvoll zu sein.

Ich glaube, es ist nicht immer leicht, mit Menschen befreundet zu sein, die gerade lernen,
sich selbst neu ernst zu nehmen. Mit jemandem, der plötzlich Grenzen setzt. Der absagt. Der sich zurückzieht.
Der nicht mehr alles mitmacht.

Aber jeder Mensch verdient es, geliebt zu werden – nicht in seiner angepassten Version, sondern in seiner echten.
Und echte Verbindungen halten auch Entwicklungsphasen aus. Mit Nachsicht. Auf beiden Seiten.

Gleichzeitig merke ich in letzter Zeit etwas, das mich selbst überrascht.
Ich stelle langsam fest, dass ich als Mensch gar nicht so unsympathisch bin. Dass Leute mich mögen. Dass sie sich für mich interessieren. Dass da neue, leichte Verbindungen entstehen können – ohne große Erwartungen, ohne Druck.

Und trotzdem vergesse ich manchmal, dass ich noch immer ich bin.
Mit meinen Eigenheiten. Mit meinen stillen Tagen. Mit dieser Seite in mir, die lange sehr allein war.

Es ist ein merkwürdiges, wunderschönes Hin und Her:
endlich gesehen zu werden – und mich selbst erst noch an diese Version von mir gewöhnen zu müssen.

Vielleicht besteht ein Teil meines Heilens gerade genau darin.
Nicht nur zu lernen, Grenzen zu setzen.
Sondern auch zu lernen, dass ich gemocht werden darf, ohne mich dafür zu verbiegen.

Und ganz ehrlich?
Nach jahrelangem People Pleasing fühlt sich das Aufhören damit oft einfach nur beschissen an.
Anders kann man es kaum sagen. Es fühlt sich falsch an. Unbequem. Anstrengend.

Aber im Vergleich zu dem, was vorher war – dem ständigen Übergehen meiner eigenen Bedürfnisse – ist das hier ein gutes, notwendiges Unwohlsein.

Vielleicht ist das gerade mein Luxus-Leiden.
Nicht mehr darum kämpfen zu müssen, gemocht zu werden.
Sondern lernen zu dürfen, mich selbst ernst zu nehmen.

Ich halte diesen Fortschritt fest. In Echtzeit. Unfertig. Unperfekt.
Wie ein kleines Forschungstagebuch über mich selbst.

Und vielleicht liest es jemand und erkennt sich ein bisschen wieder.
Vielleicht fühlt sich jemand weniger allein damit.
Oder vielleicht ist es einfach nur eine Erinnerung an mich:

Es ist besser, diesen unbequemen Weg jetzt zu gehen,
als für immer in einem Leben zu bleiben, in dem ich mich selbst vergesse.

Zwillingsflammen verlieren sich nicht

Ein stiller „Liebes“-Brief an dich — meine beste Freundin, jenseits von Zeit und Kontakt

Du warst der erste Sonnenstrahl nach meinem längsten Winter.

Damals, als mein Leben sich nur noch grau angefühlt hat und ich mich selbst kaum wiedererkannte, bist du einfach aufgetaucht. Kein großes Ereignis, kein dramatischer Moment.
Nur du — mit deiner ruhigen, warmen Art — und plötzlich war da wieder Licht.
Das erste freundliche Gesicht nach Monaten der Isolation. Nach Jahren, in denen mein Leben sich mehr nach Überleben als nach Leben angefühlt hat.

Mit dir kam die Leichtigkeit zurück.
Ganz langsam. Ganz selbstverständlich.

Ich denke oft an unsere ersten kleinen Abenteuer.
Wie wir am See auf einer Decke saßen und stundenlang über Gott und die Welt gesprochen haben, bis die Zeit bedeutungslos wurde und alles plötzlich leicht war. Wie unbeschwert sich das Leben in diesen Momenten neben dir angefühlt hat.
Die ersten Abende, an denen wir uns wieder gemeinsam fertig gemacht haben, Musik im Hintergrund, dieses leise Aufgeregtsein, wieder hinauszugehen. Wieder Teil der Welt zu sein.
Mit dir habe ich gelernt, dass Freundschaften nicht weh tun müssen. Dass Frauen nicht gegeneinander stehen müssen. Dass Nähe nicht automatisch Gefahr bedeutet.

Ich erinnere mich daran, wie wir durch Menschenmengen gelaufen sind und du ganz nebenbei meine Hand genommen hast.
So selbstverständlich, dass mein Nervensystem gar nicht erst auf die Idee kam, sich zu fürchten.
Du hast mich zurückgewöhnt an Umarmungen. An Nähe. An dieses ruhige, sichere Gefühl, wenn jemand einfach da ist, ohne etwas von mir zu wollen.
Neben dir durfte ich wieder weich werden, ohne mich schwach zu fühlen.

Mit dir habe ich meine Weiblichkeit neu entdeckt.
Nicht als Rolle. Nicht als etwas, das ich darstellen oder beweisen muss.
Sondern als etwas, das einfach existieren darf.
Dieses sanfte „Girlhood“, das ich so lange von mir weggeschoben hatte. Du hast es mir nie erklärt. Du hast es einfach gelebt. Und damit hast du mir erlaubt, es auch wieder in mir zu finden.

Und heute weiß ich, dass nicht nur du mich damals gerettet hast.
Wir haben uns gegenseitig gebraucht. Und vielleicht genau deshalb zueinander gefunden.
Irgendwie haben wir uns auf leise Weise gegenseitig gerettet.
Zwei Menschen, die heilen wollten — und es miteinander getan haben, ganz nebenbei. Ohne große Worte, ohne große Gesten. Einfach, indem wir füreinander da waren.

Wir wollten nie gleich sein. Im Gegenteil: Unser Verschiedensein war unser perfekter Ausgleich.
Solange wir zu zweit waren, hat sich alles erstaunlich vollständig angefühlt. Wie eine kleine Insel, auf der wir beide kurz ausruhen konnten vom Rest der Welt.
Dieses stille „Wie schön, dass wir beide hier sind“.

Aber vielleicht haben wir uns genau dort irgendwann verloren.

Denn auch wenn es anfangs nur wir zwei waren, weil wir es beide so gebraucht haben, konnte es nie für immer nur wir zwei bleiben.
Das Leben wurde größer. Unsere Welten auch. Andere Menschen, andere Wege, andere Versionen von uns selbst.
Vielleicht haben wir einander irgendwann als zu selbstverständlich gesehen. Vielleicht kam leise die Angst dazu, einander zu verlieren, sobald sich unsere Leben erweitern.
Dieses Gleichgewicht zu halten — einander treu zu bleiben, ohne sich gegenseitig festzuhalten — war nicht unsere Meisterklasse.
Wir wollten einander gerecht werden und gleichzeitig frei sein. Und irgendwo dazwischen haben wir aufgehört, uns wirklich zu sehen.

Die Euphorie vom Anfang hat uns vielleicht ein wenig blind gemacht.
Und irgendwann war selbst unsere ehrliche Liebe und Freundschaft nicht mehr genug, um alles zusammenzuhalten.
Nicht, weil sie zu wenig war.
Sondern weil wir in unterschiedliche Richtungen gewachsen sind. Unterschiedliche Prioritäten. Unterschiedliche Wege. Unterschiedliche Versionen von Zukunft.

Wenn ich heute zurückblicke, muss ich lächeln.
Unterm Strich waren wir einfach zwei verletzte Mädchen, die heilen wollten — planlos, ehrlich, voller Hoffnung.
Und für eine Zeit hat das miteinander erstaunlich gut funktioniert.

Und irgendwann waren wir einfach keine guten Freundinnen mehr füreinander.

Kein lauter Knall. Kein klarer Bruch.
Nur dieses leise Auseinanderdriften, das man erst versteht, wenn man schon mittendrin steht.
Wir beide waren Teil davon.
Wir beide haben losgelassen.
Und heute kann ich das aussprechen, ohne Bitterkeit, ohne Schuld, ohne dieses schwere „Was wäre gewesen, wenn“.
Nur als Wahrheit.
Eine ruhige Wahrheit. Mit Verständnis. Mit Frieden.

Ich bin dir nicht böse. Ich war es nie wirklich.
Ich wünsche mir nicht, dass etwas anders gelaufen wäre. Ich würde nichts umschreiben, nur damit sich unsere Wege nicht getrennt hätten. Denn ich glaube zutiefst, dass alles genau so geschehen ist, wie es für uns bestimmt war.
Du hast mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin — und ironischerweise hat auch dein Gehen mich zu dieser Version von mir werden lassen.

Ich wäre nicht diese freie, selbstständige und aufrecht stehende Frau geworden, wenn du geblieben wärst. Und genau deshalb weiß ich auch: Ich werde wahrscheinlich nie wieder eine beste Freundin finden wie dich.
Nicht, weil andere Menschen weniger bedeuten.
Sondern weil niemand deine Form hat.

Du bist tief in meinem Herzen verwurzelt.
Ein Teil von dir lebt in mir weiter.
Und ich weiß, dass auch ein Teil von mir immer in dir existieren wird — egal, wie weit unsere Leben sich voneinander entfernt haben.

Du bist meine Zwillingsflamme.
Nicht im dramatischen Sinn.
Sondern in dieser stillen Gewissheit, dass manche Seelen einander erkennen und sich für immer wiedererkennen — selbst wenn sie nicht Seite an Seite durchs Leben gehen.

Heute vermisse ich dich.
Aber nicht auf eine schmerzhafte Weise.
Nicht mit dem Wunsch, dich zurückhaben zu müssen.
Nicht mit Bedauern.

Ich vermisse dich auf die ruhigste und reinste Art.

Ich vermisse dich, weil es unwahrscheinlich ist, noch einmal jemanden zu treffen, der so selbstverständlich zu mir passt wie du.
Jemand, der mich versteht, ohne dass ich mich erklären muss.
Jemand, der an meinen schweren Tagen nichts reparieren will.
Der nicht versucht, mich zu retten oder aufzumuntern, sondern einfach neben mir existiert und versteht, dass ich gerade kämpfe.
Du wusstest, dass man manchmal einfach durch muss.
Und dass es reicht, wenn jemand dabei ist.
Ein Video zum Lachen.
Eine Nachricht aus deinem Alltag.
Gesellschaft ohne Lösungen.

Es ist schwer zu erklären.
Genau so schwer, wie es selten ist.

Ich vermisse nicht unsere Vergangenheit.
Ich vermisse deine Art, in meiner Welt zu existieren.

Und trotzdem halte ich nichts fest, das gehen wollte.
Ich habe keine Angst mehr vor Abschieden. Gerade durch dich habe ich gelernt, dass nichts für immer bleiben muss, um für immer wichtig zu sein. Dass Verbindungen nicht an Bedeutung verlieren, nur weil sie sich verändern.

Wenn das Universum eines Tages beschließt, unsere Wege noch einmal zu kreuzen, werde ich bereit sein.
Ohne Erwartungen. Ohne Druck.
Ich würde dich mit offenen Armen empfangen und mich einfach freuen, dich wieder in meinem Leben zu wissen — egal in welcher Form, egal für wie lange.

Und wenn nicht, dann bleibt trotzdem alles, was war.
Unberührt. Unverloren. Unvergleichbar.

Manche Menschen gibt es nur einmal im Leben.
Und doch begleiten sie uns für immer.

Zwillingsflammen verlieren sich nicht.
Sie leben in unterschiedlichen Welten weiter —
und erkennen sich trotzdem für immer.

Wo meine Geschichte beginnt

Heute möchte ich für ein Stück mehr Ehrlichkeit und Authentizität sorgen – auch wenn es nur hier auf meinem kleinen, bescheidenen Blog ist.

Ich habe überlegt, was ich diese Woche noch schreiben soll. Welches Thema sich gerade am natürlichsten zum Tippen und Teilen anfühlt. Und irgendwie passt es diese Woche gut dazu, ein Stück mehr persönliche Geschichte von mir preiszugeben. Ein Schwank aus meinem Leben, wenn man es so nennen möchte.
Ein kurzer Einblick in die Frage: Wie kam es eigentlich dazu, dass ich so bin, wie ich heute bin?

Kein Muss. Kein Aufruf nach Aufmerksamkeit oder Mitgefühl.
Einfach ein Stück Authentizität in Zeiten einer digitalen Scheinwelt, die uns so oft umgibt.

Manche Geschichten beginnen nicht mit einem ersten Kapitel, sondern mitten im Lärm.

Ich wurde nämlich nicht vom Storch sanft in diese Welt getragen.
Ich wurde eher mitten ins Schlachtfeld hineingeboren.

Kein Wunschkind, nicht geplant – und trotzdem war ich dann einfach hier.
Inmitten von Chaos und Lärm.

Meine Familie war nie dazu bestimmt, glücklich gemeinsam zu sein. Und mittlerweile glaube ich, dass es genau mich noch gebraucht hat – als Knackpunkt, um diese toxische Konstellation irgendwann aufzubrechen.

Ich bin das jüngste von drei Kindern. Die Nachzüglerin. Die Unkomplizierte.
„Um Ines müssen wir uns keine Sorgen machen.“

So wie ich generell nirgends wirklich hineingepasst habe, war auch nie ein passender Platz in meiner Familie frei für mich. Außer vielleicht an der Seite meiner Mama – doch auch das kam erst später.

Eigentlich war ich, seit ich geschlüpft bin, immer alleine unterwegs.
Kindergarten, Volksschule, aber auch zuhause in meiner Freizeit. Ich war fast immer draußen in der Natur, umgeben von Tieren – in der besten Gesellschaft, nämlich meiner eigenen. Und genauso war es auch am schönsten für mich. So fühlte ich mich wohl.

Draußen war es leiser als in mir – und genau deshalb blieb ich.
Der Wald war der einzige Ort, der keine Fragen stellte.

Das Chaos um mich herum war sowieso nicht zu vermeiden. Zwischendurch zog es mich immer wieder hinein in den Sturm. Mein soziales Umfeld war auch nicht gerade einfacher – aber oft einfach Teil meines Alltags. Also genoss ich jede Sekunde, die ich für mich selbst hatte, anstatt von einem Leben zu träumen, in dem alles anders wäre.

Unser Golden Retriever war damals mein absoluter Lieblingsbegleiter. Vermutlich, weil wir uns auch ohne Worte verstanden haben. Weil wir beide irgendwie das gleiche Schicksal teilten – nicht erwünscht, einfach da.
Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, denke ich immer als Erstes an ihn.

Dann waren da noch Oma und Opa, die ebenfalls im Haus wohnten. Auch an sie denke ich regelmäßig zurück.
Meine Zeit mit ihnen war eher kurz, und der Raum zwischen uns nie wirklich frei für tiefe Verbindungen.
Wir hatten unsere Momente, die ich bis heute warm in mir trage – aber so richtig kennenlernen konnten wir uns nie.

Ich weiß, dass ich meine musikalische Leidenschaft meinem Opa zu verdanken habe – leider nicht den starken Willen, dieser Leidenschaft wirklich nachzugehen. Ein Echo von ihm lebt in mir, denn so etwas geht nie ganz verloren, selbst wenn es nur leise weiterlebt.

Meine künstlerischen Ursprünge habe ich von Oma. Auch wenn ich mir heute oft denke, dass ich damals beim Stricken und Häkeln besser hätte aufpassen sollen. Ich frage mich manchmal, ob und wann ich mit dem Zeichnen begonnen hätte, wenn es meine Oma nicht gegeben hätte.

Und auch wenn ich die Erinnerungen an beide immer warm in mir tragen werde, haben wir uns nie wirklich gut gekannt. Auch für sie war ich eher ein gelegentlicher Zeitgenosse – manchmal hier, manchmal da.

Dadurch, dass ich nie wirklich eingeplant war in unserem Familienkonstrukt, habe ich es schon sehr früh genossen zu wissen, wie es ist, frei zu sein.
Oder unsichtbar.

Ich war oft stundenlang unterwegs im Wald oder auf den Feldern – und keiner wusste, wo ich war, weil es keinem auffiel, dass ich überhaupt weg war. Ich verbrachte mehr Zeit draußen auf eigenen Erkundungstouren und Abenteuern als zuhause. Für mich war jede Minute außerhalb unseres Hauses schöner als das, was man „Zuhause“ nannte.

Zwischen mir und meiner Schwester stand von Anfang an eine Mauer. Eine, an der ich mir noch Jahre später immer wieder den Kopf anstieß. Erst im Erwachsenenalter habe ich sie wirklich verstanden. Für uns war es nie bestimmt, Schwestern zu sein. Wir wurden einfach in dasselbe Elternhaus geboren – verbunden durch Blut, sonst nichts. Keine Liebe. Kein Zusammenhalt.

Mein Bruder war anfangs noch öfter zuhause, an seinen Rollstuhl gebunden. Mama musste oft mit ihm von Arzt zu Arzt, von Schule zur Betreuung. Die meiste Aufmerksamkeit brauchte nun einmal er. Dafür war ich nie neidisch oder wütend. Für mich war das einfach normal.

Ich habe früh gelernt, mich selbst fertig zu machen.
Nicht, weil es mir bewusst beigebracht wurde – sondern weil es einfach niemanden gab, der Zeit dafür hatte.
Zähne putzen, anziehen, Haare irgendwie bändigen. Vieles habe ich mir selbst beigebracht, Schritt für Schritt.
Meine ersten kleinen Erfolge, die niemand wirklich bemerkte.

Meinen Bruder konnte ich dabei oft nur beiläufig beobachten. Was er gezeigt bekam, nahm ich still mit und fand meinen eigenen Weg, die Dinge zu verstehen.

Zwischendurch, manchmal, war ich auch dran.
Dann bekam ich von Mama die Haare geflochten oder einen kurzen Moment Aufmerksamkeit.
Und anstatt verbittert zu werden, habe ich diese Augenblicke umso mehr genossen. War dankbar.
Für mich war es schon als Kind das Normalste der Welt, mich selbst zurückzustellen, um anderen Platz zu lassen.

Ich sah das nie als etwas Negatives. Es war einfach meine Aufgabe. Mein Platz in dieser Familie. Mein Platz in diesem Leben lag lange irgendwo hinter den anderen. So konnte ich wenigstens das tun, was ich am besten konnte: verschwinden.

Meine Mama war seit ich denken kann gestresst und gefangen in einem Leben voller Arbeit. Arbeit im Job, Arbeit zuhause – wahrscheinlich sogar Arbeit in ihrem Kopf, wenn sie eigentlich hätte schlafen sollen. Sie war diejenige, die unsere Familie zusammenhalten wollte und gleichzeitig die, die für uns sorgen musste. Das Gewicht der Welt lag gefühlt allein auf ihren Schultern. Und trotzdem konnte man ihr gutes Herz immer spüren, egal wie schlecht der Tag war.

Ich war immer dafür bestimmt, irgendwann an ihrer Seite zu stehen. Wenn sie bereit war, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Mit diesem unausgesprochenen Verständnis habe ich auf sie gewartet. Habe versucht, so unkompliziert und selbstständig wie möglich zu sein. So wenig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen wie nur möglich.
Ihr Raum zum Atmen zu lassen.

Und natürlich war da auch er.
Der wütende Mann in unserem Haus.

Mein Vater laut Geburtsurkunde. Niemals mein Papa.

Liebe war dort ein Wort ohne Bedeutung.
Ich lernte früh, dass Nähe nicht immer Sicherheit bedeutet.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von einem Vater geliebt zu werden.
Was ich kenne, sind andere Formen von Nähe. Härtere. Lautere. Schmerzhaftere.
Dinge, die ein Kind nicht kennen sollte.

Lange Zeit dachte ich, genau so fühlt sich Familie an.

Ich kann Geschichten erzählen von Dingen, über die man viel zu lange geschwiegen hat.
Bei Liebe und Zusammenhalt werde ich still.

Vielleicht gibt es da draußen gute Väter. Papas. Für mich fühlt sich diese Vorstellung manchmal fremder an als jedes Märchenwesen.

Mittlerweile ist es fast ein Jahrzehnt her, dass ich Kontakt zu meinem Vater hatte. Und auch schon Jahre, seit ich meine Geschwister gesehen habe.
Meine Familie ist meine Mama.
Und genauso ist es gut.

Denn Familie bedeutet nicht, auf Zwang Kontakt zu Menschen zu halten, nur weil man blutsverwandt ist. Familie bedeutet nicht, Verhalten zu entschuldigen oder zu ertragen, nur „weil es halt Familie ist“.

Familie darf neu definiert werden.
Familie darf selbst gewählt sein.
Manchmal beginnt sie genau dort, wo man endlich Frieden spürt.

Manchmal ist das größte Glück kein großes Leben, sondern ein friedliches.
Eines ohne ständigen Kampf. Ohne lauten Sturm. Ohne das Gefühl, überleben zu müssen.

Überleben ist nichts Romantisches.
Es ist nichts, das Applaus braucht.
Es ist einfach etwas, das passiert ist.

Man kann sich nicht aussuchen, wo man beginnt.
Aber man kann entscheiden, wie man weiterschreibt.

Irgendwann habe ich angefangen, selbst den Stift in die Hand zu nehmen.
Meine eigene Geschichte zu schreiben – leise, Stück für Stück.
Nicht schöner, als sie ist.
Aber ehrlicher.

Vielleicht ist genau das das Einzige, was wir wirklich selbst bestimmen können.
Und vielleicht liegt genau darin so etwas wie Freiheit.

Ein ganz normaler Arbeitstag

Manche Tage enden nicht mit dem Feierabend.
Sie gehen einfach mit nach Hause.
Setzen sich irgendwo zwischen Brustkorb und Gedanken und bleiben dort, während man versucht, normal weiterzumachen.

Gestern war so ein Tag.

In meinem Arbeitsbereich sind Männer in allen Altersklassen deutlich in der Überzahl – Kollegen, Kunden, jede Schicht, jeder Tag. Das ist keine Wertung. Nur Realität. Eine, an die man sich gewöhnt. Man erlebt vieles dadurch häufiger. Manches wird schneller normal. Anderes schluckt man herunter, bevor es überhaupt richtig Form annehmen darf.

Man funktioniert.
Macht weiter. Lächelt. Arbeitet.

Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie viel man eigentlich gewohnt ist.

Als mir gestern ein älterer Mann leise geraten hat, ich solle in nächster Zeit „etwas aufpassen“, vielleicht Pfefferspray oder etwas zur Selbstverteidigung bei mir tragen, weil Ereignisse wie gestern längst keine harmlosen Faxen mehr seien und Frauen für solche Leute nichts mehr wert seien, ist sogar mir kurz das Herz in die Hose gerutscht.

Und ich bin wirklich einiges gewohnt.

Nicht alle Männer.
Aber es sind tatsächlich immer Männer.

Und dann passiert etwas, das fast genauso verlässlich ist:
Es wird schnell wieder leicht gemacht. Runtergespielt.
Mit einem Lachen überspielt, damit bloß nicht zu viel Ernst im Raum stehen bleibt.

Während das eigene Adrenalin noch lange nicht abgeklungen ist.

Erst als es langsam nachließ, habe ich gemerkt,
dass sich zwischen all der Anspannung eine leise Panikattacke versteckt hatte.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Einfach da.

Weil man ja trotzdem weiterarbeitet.
Weil man ja trotzdem professionell bleibt.
Weil es ja weitergehen muss.

Und weil es eben doch nicht lustig war.

Obwohl ich von Menschen umgeben war, habe ich mich in diesem Moment ziemlich allein gefühlt.
In einem Raum voller Menschen zu stehen und trotzdem komplett auf sich gestellt zu sein — das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Alle schauen. Manche murmeln.
Ein paar lachen unsicher.
Aber niemand greift ein.
Niemand sagt etwas.
Niemand hilft.

Eine seltsame Stille zwischen all den Geräuschen.
Und mittendrin das eigene Herz, das viel zu laut schlägt.

Ich frage mich, in was für einer Zeit wir eigentlich leben.
In einer Zeit, in der man als Frau mit Pfefferspray in der Tasche zur Arbeit geht.
Mehr noch: in der man überhaupt mit dem Gedanken an Selbstschutz zur Arbeit gehen muss.

Es ist eine Sache, wenn man nachts nicht mehr alleine durch die Stadt gehen kann, ohne angesprochen oder angepöbelt zu werden. Wenn einem tagsüber nachgerufen oder nachgepfiffen wird.
Aber mittlerweile reicht selbst der Arbeitsplatz nicht mehr als sicherer Ort.

Und am Ende wird doch wieder gelächelt.
Man übertreibt. Man steigert sich hinein.
Sind ja noch Kinder. Ist doch nur Spaß.
Die reden halt blöd. Das meint doch keiner ernst.

Was wird denn schon sein. Was wird schon passieren.

Dieser Satz bleibt länger im Raum, als er sollte.
Denn die meisten dieser Geschichten beginnen nicht laut. Sie beginnen leise. Beiläufig.
Mit Momenten, die schnell wieder vergessen werden, weil es einfacher ist, sie als harmlos abzutun.

Bis irgendwann jemand vor Panik davonläuft.
Bis man sich irgendwann verstecken muss.
Bis aus Worten Handlungen werden.
Und plötzlich war es doch kein Spaß mehr.

So lange nicht ernst genommen, bis es zu spät ist.
Wieder einmal.

Heute ist wieder ein Arbeitstag.
Ein ganz normaler Tag.

Heute wird kaum noch darüber gesprochen.
Und wenn doch, dann eher spöttisch als ernst.
Ein kurzer Kommentar. Ein Schulterzucken. Dann geht es weiter.

Und ich stehe mittendrin und tue so, als wäre nichts gewesen.
Als würde ich mir keine Gedanken machen.
Als würde ich nicht überlegen, ob heute jemand hinter der nächsten Ecke wartet.

Vielleicht ist das Beunruhigendste nicht einmal das, was passiert ist.
Sondern wie schnell danach wieder alles normal wirkt.

Denn genau so beginnen die Geschichten, von denen man später sagt, man hätte sie nicht kommen sehen.

Dabei waren sie die ganze Zeit da.

Gedanken zwischen Montag und Valentinstag

Eigentlich hatte ich heute gar nicht vor, einen Text zu schreiben.

Ich war irgendwo zwischen Homeoffice, halb getrunkenem Kaffee und diesem langsamen Ankommen im Montag. Gedanklich noch nicht ganz da, emotional irgendwo dazwischen. So ein Morgen, der nichts Besonderes verspricht und sich trotzdem ein kleines bisschen aufgeladen anfühlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Valentinstag vor der Tür steht.
Was irgendwie ironisch ist, wenn man bedenkt, wie lange ich meine innere hoffnungslose Romantikerin ziemlich gut im Hintergrund gehalten habe. Nicht, weil ich nicht mehr an Liebe glaube. Sondern weil ich gelernt habe, vorsichtiger zu sein mit dem, was ich mir wünsche. Mit dem, was ich sehe. Mit dem, was ich in Menschen hineinlese.

Und trotzdem merke ich gerade, wie sich etwas leise zurückmeldet.
Kein großes Comeback. Kein dramatisches „neues Ich“.
Eher ein vorsichtiges Auftauchen von etwas, das immer schon da war.

Ich merke, dass ich wieder aufmerksamer werde. Nicht im Sinne von Suchen. Eher im Sinne von Wahrnehmen.
Ich beobachte mich selbst dabei, wie ich Menschen wieder anders anschaue. Wie ich Dynamiken genauer spüre. Wie ich innerlich abwäge, ohne dabei hart zu werden.

Hat das hier wirklich Potenzial — oder fühlt es sich nur vertraut an, weil ich ähnliche Muster schon kenne?
Ist da echte Verbindung — oder nur ein bekanntes Fragezeichen in neuem Gewand?
Lohnt es sich, weiter zu erkunden, weiter zu investieren, Raum zu lassen?
Oder ist es eines dieser leisen Echos aus der Vergangenheit, das sich nur deshalb so echt anfühlt, weil es vertraut ist?

Ich will nicht alles aus meiner Vergangenheit verwerfen.
Nicht jede Verbindung neu bewerten, als wäre alles davor falsch gewesen.
Manches darf bleiben. Manches darf sich neu zeigen. Manches darf wachsen.

Aber ich möchte mich auch nicht mehr selbst in vertraute Illusionen zurückführen.
Nicht mehr Verwirrung mit Tiefe verwechseln.
Nicht mehr gemischte Signale romantisieren, nur weil sie sich vertraut anfühlen.

Vielleicht ist genau das die Veränderung:
dass ich mich wieder öffne — und gleichzeitig ehrlicher hinschaue, wem und was ich diesen Raum überhaupt gebe.

Nicht hart. Nicht misstrauisch.
Nur bewusster.

Vielleicht ist es auch nicht gerade die einfachste Zeit, um wieder an Liebe zu glauben.
Der Standard von Beziehungen wirkt heute oft mehr wie ein Spuk als wie eine Romanze, wenn man ehrlich ist. So vieles fühlt sich schnelllebig an, austauschbar, halb gemeint. Verbindungen werden benannt, bevor sie überhaupt Tiefe bekommen dürfen. Gefühle versteckt, bevor sie wachsen können.

Wenn ich mich umschaue, motivieren mich viele Beziehungen um mich herum eher dazu, mich zu verstecken als wirklich hervorzutreten. Nicht aus Überheblichkeit. Eher aus dieser leisen Ernüchterung heraus, die sich einschleicht, wenn man merkt, wie selten echte Nähe geworden ist.

Und trotzdem möchte ich mich davon nicht entmutigen lassen.

Ich war schon immer eine alte Seele.
Romantisch auf eine Weise, die sich manchmal anfühlt, als käme sie aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der Liebe mehr war als ein Titel, den man trägt. Mehr als ein scheinbares Bild nach außen. Mehr als ein Status, der gut klingt, aber nichts trägt.

Eine Zeit, in der man sich wirklich begegnet ist.
Mit Aufmerksamkeit.
Mit Ehrlichkeit.
Mit dem Wunsch, einander wirklich zu sehen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich gerade wieder etwas in mir regt.
Nicht, weil die Welt plötzlich romantischer geworden ist.
Sondern weil ich es wieder zulassen möchte, es zu sein.

Ich spüre, wie sich etwas in mir zurück in die Weichheit bewegt.
In eine Version von mir, die lange sehr vorsichtig war.
Nicht verschwunden — nur leiser geworden.

Und mit dieser leisen Öffnung kommt auch eine neue Klarheit.

Ich merke, dass ich mir jemanden wünsche, der Initiative zeigt.
Nicht als große Geste. Nicht als überwältigender Beweis.
Sondern in diesen ruhigen, ehrlichen Bewegungen, die zeigen: Ich fühle etwas, also handle ich auch danach.

Jemand, der nicht wartet, bis ich den ersten Schritt mache.
Der spürt, wenn zwischen uns etwas entsteht, und es nicht ignoriert.
Der Dinge aussprechen kann, ohne sie zu dramatisieren.
Der aufmerksam ist, ohne aufdringlich zu sein.

So in der Art von:
Da ist etwas zwischen uns. Ich kann es nicht ganz greifen, aber ich merke es.
Und weil du mir wichtig bist und ich Teil davon bin, möchte ich ehrlich damit umgehen.

Ich sehne mich nach Verbindungen, die ruhig sind. Klar. Echt.

Kein Heiß-Kalt mehr.
Keine gemischten Signale, die man entschlüsseln muss.
Keine emotionale Verwirrung, die man als Spannung verkauft.

Ich brauche keine Perfektion.
Aber Präsenz.
Keine großen Versprechen.
Aber ehrliche Bewegungen.

Ich bin nicht naiv.
Ich weiß, woher ich komme.
Ich weiß, wie sehr mich Dinge geprägt haben, die ich mir nie ausgesucht hätte. Und ich weiß auch, dass Heilung nicht bedeutet, plötzlich angstfrei zu sein.

Es wird Momente geben, in denen mich selbst schöne Dinge kurz erschrecken.
In denen Ruhe ungewohnt wirkt, weil ich lange anderes gewohnt war.
In denen mein erster Impuls vielleicht noch Rückzug ist, obwohl ich längst weiter bin.

Aber ich möchte mich davon nicht mehr zurückhalten lassen.

Ich setze neue Standards.
Nicht aus Härte.
Sondern aus Selbstachtung.

Und vielleicht ist genau das meine neue Ära.
Keine laute Transformation. Kein radikal neues Ich.
Eher ein Wiederaufblühen der ehrlichsten Version von mir.

Der weichen.
Der romantischen.
Der hoffnungsvollen.
Der klaren.

Ich glaube nicht mehr, dass Liebe kompliziert sein muss, um echt zu sein.
Ich glaube nicht mehr, dass Verwirrung Tiefe bedeutet.
Ich glaube, dass sie ruhig sein darf. Schön sein darf. Leicht sein darf, ohne oberflächlich zu sein.

Und vielleicht ist es kein Zufall, dass ich das ausgerechnet jetzt spüre.
Mitten im Februar.
Mit Valentinstag vor der Tür.
Mit dieser leisen, schüchternen Romantikerin in mir, die sich langsam wieder nach vorne traut.

Nicht naiv. Nicht kopflos.
Aber bereit.

Bereit für etwas Echtes, das nicht nur in Büchern existiert.
Nicht nur in Filmen.
Nicht nur in Gedanken.

Sondern auch hier.
Im echten Leben.
Mit jemandem, der bleibt, wenn er sagt, dass er bleibt.

Und vielleicht beginnt alles genau so:
Nicht mit einem großen Knall.
Sondern mit einem leisen inneren Aufblühen.