Heute möchte ich für ein Stück mehr Ehrlichkeit und Authentizität sorgen – auch wenn es nur hier auf meinem kleinen, bescheidenen Blog ist.
Ich habe überlegt, was ich diese Woche noch schreiben soll. Welches Thema sich gerade am natürlichsten zum Tippen und Teilen anfühlt. Und irgendwie passt es diese Woche gut dazu, ein Stück mehr persönliche Geschichte von mir preiszugeben. Ein Schwank aus meinem Leben, wenn man es so nennen möchte.
Ein kurzer Einblick in die Frage: Wie kam es eigentlich dazu, dass ich so bin, wie ich heute bin?
Kein Muss. Kein Aufruf nach Aufmerksamkeit oder Mitgefühl.
Einfach ein Stück Authentizität in Zeiten einer digitalen Scheinwelt, die uns so oft umgibt.
Manche Geschichten beginnen nicht mit einem ersten Kapitel, sondern mitten im Lärm.
Ich wurde nämlich nicht vom Storch sanft in diese Welt getragen.
Ich wurde eher mitten ins Schlachtfeld hineingeboren.
Kein Wunschkind, nicht geplant – und trotzdem war ich dann einfach hier.
Inmitten von Chaos und Lärm.
Meine Familie war nie dazu bestimmt, glücklich gemeinsam zu sein. Und mittlerweile glaube ich, dass es genau mich noch gebraucht hat – als Knackpunkt, um diese toxische Konstellation irgendwann aufzubrechen.
Ich bin das jüngste von drei Kindern. Die Nachzüglerin. Die Unkomplizierte.
„Um Ines müssen wir uns keine Sorgen machen.“
So wie ich generell nirgends wirklich hineingepasst habe, war auch nie ein passender Platz in meiner Familie frei für mich. Außer vielleicht an der Seite meiner Mama – doch auch das kam erst später.
Eigentlich war ich, seit ich geschlüpft bin, immer alleine unterwegs.
Kindergarten, Volksschule, aber auch zuhause in meiner Freizeit. Ich war fast immer draußen in der Natur, umgeben von Tieren – in der besten Gesellschaft, nämlich meiner eigenen. Und genauso war es auch am schönsten für mich. So fühlte ich mich wohl.
Draußen war es leiser als in mir – und genau deshalb blieb ich.
Der Wald war der einzige Ort, der keine Fragen stellte.
Das Chaos um mich herum war sowieso nicht zu vermeiden. Zwischendurch zog es mich immer wieder hinein in den Sturm. Mein soziales Umfeld war auch nicht gerade einfacher – aber oft einfach Teil meines Alltags. Also genoss ich jede Sekunde, die ich für mich selbst hatte, anstatt von einem Leben zu träumen, in dem alles anders wäre.
Unser Golden Retriever war damals mein absoluter Lieblingsbegleiter. Vermutlich, weil wir uns auch ohne Worte verstanden haben. Weil wir beide irgendwie das gleiche Schicksal teilten – nicht erwünscht, einfach da.
Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, denke ich immer als Erstes an ihn.
Dann waren da noch Oma und Opa, die ebenfalls im Haus wohnten. Auch an sie denke ich regelmäßig zurück.
Meine Zeit mit ihnen war eher kurz, und der Raum zwischen uns nie wirklich frei für tiefe Verbindungen.
Wir hatten unsere Momente, die ich bis heute warm in mir trage – aber so richtig kennenlernen konnten wir uns nie.
Ich weiß, dass ich meine musikalische Leidenschaft meinem Opa zu verdanken habe – leider nicht den starken Willen, dieser Leidenschaft wirklich nachzugehen. Ein Echo von ihm lebt in mir, denn so etwas geht nie ganz verloren, selbst wenn es nur leise weiterlebt.
Meine künstlerischen Ursprünge habe ich von Oma. Auch wenn ich mir heute oft denke, dass ich damals beim Stricken und Häkeln besser hätte aufpassen sollen. Ich frage mich manchmal, ob und wann ich mit dem Zeichnen begonnen hätte, wenn es meine Oma nicht gegeben hätte.
Und auch wenn ich die Erinnerungen an beide immer warm in mir tragen werde, haben wir uns nie wirklich gut gekannt. Auch für sie war ich eher ein gelegentlicher Zeitgenosse – manchmal hier, manchmal da.
Dadurch, dass ich nie wirklich eingeplant war in unserem Familienkonstrukt, habe ich es schon sehr früh genossen zu wissen, wie es ist, frei zu sein.
Oder unsichtbar.
Ich war oft stundenlang unterwegs im Wald oder auf den Feldern – und keiner wusste, wo ich war, weil es keinem auffiel, dass ich überhaupt weg war. Ich verbrachte mehr Zeit draußen auf eigenen Erkundungstouren und Abenteuern als zuhause. Für mich war jede Minute außerhalb unseres Hauses schöner als das, was man „Zuhause“ nannte.
Zwischen mir und meiner Schwester stand von Anfang an eine Mauer. Eine, an der ich mir noch Jahre später immer wieder den Kopf anstieß. Erst im Erwachsenenalter habe ich sie wirklich verstanden. Für uns war es nie bestimmt, Schwestern zu sein. Wir wurden einfach in dasselbe Elternhaus geboren – verbunden durch Blut, sonst nichts. Keine Liebe. Kein Zusammenhalt.
Mein Bruder war anfangs noch öfter zuhause, an seinen Rollstuhl gebunden. Mama musste oft mit ihm von Arzt zu Arzt, von Schule zur Betreuung. Die meiste Aufmerksamkeit brauchte nun einmal er. Dafür war ich nie neidisch oder wütend. Für mich war das einfach normal.
Ich habe früh gelernt, mich selbst fertig zu machen.
Nicht, weil es mir bewusst beigebracht wurde – sondern weil es einfach niemanden gab, der Zeit dafür hatte.
Zähne putzen, anziehen, Haare irgendwie bändigen. Vieles habe ich mir selbst beigebracht, Schritt für Schritt.
Meine ersten kleinen Erfolge, die niemand wirklich bemerkte.
Meinen Bruder konnte ich dabei oft nur beiläufig beobachten. Was er gezeigt bekam, nahm ich still mit und fand meinen eigenen Weg, die Dinge zu verstehen.
Zwischendurch, manchmal, war ich auch dran.
Dann bekam ich von Mama die Haare geflochten oder einen kurzen Moment Aufmerksamkeit.
Und anstatt verbittert zu werden, habe ich diese Augenblicke umso mehr genossen. War dankbar.
Für mich war es schon als Kind das Normalste der Welt, mich selbst zurückzustellen, um anderen Platz zu lassen.
Ich sah das nie als etwas Negatives. Es war einfach meine Aufgabe. Mein Platz in dieser Familie. Mein Platz in diesem Leben lag lange irgendwo hinter den anderen. So konnte ich wenigstens das tun, was ich am besten konnte: verschwinden.
Meine Mama war seit ich denken kann gestresst und gefangen in einem Leben voller Arbeit. Arbeit im Job, Arbeit zuhause – wahrscheinlich sogar Arbeit in ihrem Kopf, wenn sie eigentlich hätte schlafen sollen. Sie war diejenige, die unsere Familie zusammenhalten wollte und gleichzeitig die, die für uns sorgen musste. Das Gewicht der Welt lag gefühlt allein auf ihren Schultern. Und trotzdem konnte man ihr gutes Herz immer spüren, egal wie schlecht der Tag war.
Ich war immer dafür bestimmt, irgendwann an ihrer Seite zu stehen. Wenn sie bereit war, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Mit diesem unausgesprochenen Verständnis habe ich auf sie gewartet. Habe versucht, so unkompliziert und selbstständig wie möglich zu sein. So wenig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen wie nur möglich.
Ihr Raum zum Atmen zu lassen.
Und natürlich war da auch er.
Der wütende Mann in unserem Haus.
Mein Vater laut Geburtsurkunde. Niemals mein Papa.
Liebe war dort ein Wort ohne Bedeutung.
Ich lernte früh, dass Nähe nicht immer Sicherheit bedeutet.
Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von einem Vater geliebt zu werden.
Was ich kenne, sind andere Formen von Nähe. Härtere. Lautere. Schmerzhaftere.
Dinge, die ein Kind nicht kennen sollte.
Lange Zeit dachte ich, genau so fühlt sich Familie an.
Ich kann Geschichten erzählen von Dingen, über die man viel zu lange geschwiegen hat.
Bei Liebe und Zusammenhalt werde ich still.
Vielleicht gibt es da draußen gute Väter. Papas. Für mich fühlt sich diese Vorstellung manchmal fremder an als jedes Märchenwesen.
Mittlerweile ist es fast ein Jahrzehnt her, dass ich Kontakt zu meinem Vater hatte. Und auch schon Jahre, seit ich meine Geschwister gesehen habe.
Meine Familie ist meine Mama.
Und genauso ist es gut.
Denn Familie bedeutet nicht, auf Zwang Kontakt zu Menschen zu halten, nur weil man blutsverwandt ist. Familie bedeutet nicht, Verhalten zu entschuldigen oder zu ertragen, nur „weil es halt Familie ist“.
Familie darf neu definiert werden.
Familie darf selbst gewählt sein.
Manchmal beginnt sie genau dort, wo man endlich Frieden spürt.
Manchmal ist das größte Glück kein großes Leben, sondern ein friedliches.
Eines ohne ständigen Kampf. Ohne lauten Sturm. Ohne das Gefühl, überleben zu müssen.
Überleben ist nichts Romantisches.
Es ist nichts, das Applaus braucht.
Es ist einfach etwas, das passiert ist.
Man kann sich nicht aussuchen, wo man beginnt.
Aber man kann entscheiden, wie man weiterschreibt.
Irgendwann habe ich angefangen, selbst den Stift in die Hand zu nehmen.
Meine eigene Geschichte zu schreiben – leise, Stück für Stück.
Nicht schöner, als sie ist.
Aber ehrlicher.
Vielleicht ist genau das das Einzige, was wir wirklich selbst bestimmen können.
Und vielleicht liegt genau darin so etwas wie Freiheit.