Das Leben nach dir

Ein persönlicher Journaleintrag

Man spricht oft darüber, wie es ist, mit einem narzisstischen Menschen zu leben. Über die Dynamiken, die Verwirrung, die emotionale Abhängigkeit. Viel seltener spricht man darüber, wie es sich danach anfühlt. Wenn der Mensch längst nicht mehr Teil des eigenen Lebens ist, die Auswirkungen aber geblieben sind. Wenn man gegangen ist, geheilt hat – und trotzdem merkt, dass gewisse Begegnungen Spuren hinterlassen, die nicht einfach verschwinden.

Dieser Text ist ein persönlicher Journaleintrag. Kein klassisches Storytelling, keine detaillierte Aufarbeitung. Sondern ein ehrlicher Blick darauf, wie sich das Leben nach einem Narzissten anfühlen kann. Wie Erinnerung, Körper und Verstand nicht immer gleichzeitig loslassen. Und wie Klarheit oft sehr still wird, wenn sie echt ist.

Er richtet sich an Menschen, die Ähnliches erlebt haben. An jene, die weitergegangen sind und sich trotzdem manchmal fragen, warum sich etwas in ihnen zusammenzieht, ohne dass sie zurückwollen. Und ja – er enthält auch eine leise, klare Botschaft an den Menschen, der gemeint ist. Nicht als Einladung. Nicht als Angriff. Sondern als Grenze.
Als deutliches Ende für den, der es bis heute nicht verstanden hat.

Und genau dort zeigt sich, was Nähe zurücklässt.

So lange ist unsere Zeit mittlerweile her, und trotzdem suchst du mich noch immer regelmäßig heim. Nicht in meinem Leben, sondern in Gedanken, in Momenten, in diesem kurzen Zusammenziehen irgendwo tief in mir. Und jedes Mal frage ich mich, was das Universum mir damit sagen will. Denn das Einzige, das ich fühle, wenn ich an dich denke, ist kein Schmerz mehr, keine Wut, keine Trauer – sondern Ekel. Ein stiller, klarer Ekel, der nichts mehr will außer Abstand.

Mit der Zeit habe ich mich gefragt, ob du mein Fluch in diesem Leben warst. Und was ich getan habe, um dieses ständige Wiederauftauchen zu verdienen. Warum du dir nie ein anderes Ziel gesucht hast – offenbar bis heute nicht.
Warum du glaubst, dass du mich bis heute nicht loslassen kannst.
Vielleicht, weil du damals nie wirklich da warst.
Anwesend, in deinen Augen fehlerfrei – und ohne Verantwortung für dein Verhalten. Für die Zerstörung, die du brachtest. Weil du gesehen hast, ohne wahrzunehmen, gehört hast, ohne zuzuhören.
Weil du so sehr mit dir selbst beschäftigt warst, dass alles andere nur Kulisse war.

Manchmal wirkt es, als wäre es für dich immer noch ein Spiel. Deine eigene Show, die einfach weiterläuft, egal, wer dabei zu Schaden kommt.

Und ja, ich bin längst fertig mit dir. Ich habe dich überlebt. Ich habe geheilt. Ich bin weit entfernt von diesem fieberhaften Zustand der Vergangenheit. Und trotzdem gibt es Momente, in denen sich etwas in mir zusammenzieht, allein beim Gedanken an dich. Nicht aus Angst – sondern aus Abscheu. Weil mein Körper sich erinnert, auch wenn mein Kopf längst abgeschlossen hat.

Es interessiert mich nicht, wie oft du erklärst, dass du „jetzt anders bist“. Dass du verstanden hast. Dass du heute ein besserer Mensch sein willst. Denn nichts davon ändert, wie du zu mir warst. Nichts macht ungeschehen, wie sehr du mich gebrochen hast. Wie viel du zerstört hast, während du nach außen eine schöne Fassade getragen hast. Egal, wie oft man es dreht und wendet: Du warst ein schlechter Mensch. Und ein noch schlechterer Freund. Damals, heute, und auch in jeder Version, die sich weigert, wirklich hinzusehen.

Ich habe kein Interesse daran, dich wiederzusehen. Dich wiederzuhören. Dich wieder in mein Leben zu lassen.
Nie mehr.

Du wirst wahrscheinlich nie verstehen – und vielleicht auch nie verstehen wollen –, was ich wegen dir durchmachen musste. Nicht, weil es zu kompliziert wäre, sondern weil es einfacher ist, wegzusehen.
Mein Herz war zu gut, zu loyal, zu hoffnungsvoll. Ich wollte zu lange nicht erkennen, wer du wirklich bist.
Und auch das muss ich dir nicht mehr erklären.

Du hast von Anfang an nie einen Menschen wie mich verdient.
Und so wie du mein Fluch warst, trägst du deinen eigenen längst in dir.
Mit ihm wirst du leben müssen –
mich nie wieder zu finden und mich doch immer wieder in anderen zu suchen.

Und trotz allem wünsche ich dir nichts Schlechtes. Wirklich nicht. Ich wünsche dir nur das, was für dich bestimmt ist. Denn alles, was wir in die Welt geben, kehrt irgendwann zu uns zurück – leise oder laut, sanft oder hart.

Ich habe längst verstanden, dass sich unsere Wege endgültig getrennt haben.
Dass es kein „uns“ mehr gibt, kein „wir“.
Nicht in diesem Leben. Und auch nicht in den nächsten.

Nach all dem Chaos und der Zerstörung wünsche ich dir trotzdem Heilung. Für dich selbst. Und für all die Menschen, die dir noch begegnen werden. Für all jene, die du schneiden wirst mit deiner Unsicherheit, deiner Angst, dir selbst ehrlich zu begegnen. Ob du noch immer der von damals bist oder eine neue Version mit anderen Mechanismen – wirklich anders wirst du nicht, solange du deine Maske trägst.

Ich habe dich lange genug vorm Ertrinken bewahrt. Nun liegt es an dir, selbst zu schwimmen – oder unterzugehen.
Ich bin nicht mehr da, um dich zu retten. Was passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand.

Und selbst wenn die Welt untergehen würde und wir beide die Letzten wären, die diesen Moment erleben – nicht einmal dann würde ich deine Hand nehmen. Nicht einmal dann würde ich deine Nähe wählen.
Nicht aus Hass, sondern aus Klarheit.

Du hast keinen Platz mehr in meinem Leben.
Und das ist keine Strafe. Das ist eine Konsequenz.
Nicht jeder versteht den Unterschied – und das muss ich nicht ändern.

Nichts von dem, was passiert ist, war umsonst. Auch nicht das Dunkelste. Ich habe Frieden geschlossen mit meinem Teil der Verantwortung: Mit der Angst, allein zu sein. Mit der Hoffnung auf Nähe. Ich habe an einem Menschen festgehalten, für den ich viel zu lange da sein wollte – bis ich mich dabei selbst verloren habe.
Mit dem Übersehen von Warnungen, dem Aushalten von Verletzungen, nur um mir am Ende selbst zu beweisen,
dass ich stärker bin, als du es je gedacht hättest – und stärker, als ich es mir selbst zugetraut habe.

Ich brauche dich nicht, um glücklich zu sein. Habe ich nie. Die guten Dinge waren nicht wegen dir da.
Sie waren da, weil ich selbst fähig war, Licht zu sehen – sogar dort, wo es eigentlich dunkel war.

Manchmal tut es mir fast leid, dass du durch deine eigenen Entscheidungen nicht der Mensch bist, der du gern wärst. Für dich. Für andere. Vielleicht bringt dich das eines Tages dazu, dankbarer zu sein. Ehrlicher. Herzlicher gegenüber den Menschen, die dir nahe stehen.
Und vielleicht wirst du dann verstehen, dass das Leben mit den Konsequenzen des eigenen Handelns oft anders aussieht, als man es sich ausmalt.

Danke, dass du mir so deutlich gezeigt hast, was ich nie wieder sein will:
Kollateralschaden. Retterin.
Diejenige, die bleibt – und sich dabei selbst verliert.

Ich wünsche dir ein Leben. Kein gutes. Kein schlechtes. Einfach ein Leben.
Ohne mich. Ohne uns.

Auf nie mehr Wiedersehen.

Menschen, die bleiben

Vielleicht ist das der Wendepunkt

In letzter Zeit fällt mir etwas auf, das ich selbst nie erwartet hätte:
Wie sehr mir weibliche Freundschaften fehlen.
Und noch mehr als das – wie sehr mir tiefgründige, spannende Verbindungen fehlen.
Diese Art von Nähe, bei der man nicht an der Oberfläche bleibt, sondern gemeinsam darunter abtaucht.

Das soll nicht heißen, dass ich meine Entscheidungen bereue.
Ich habe mich bewusst von lockeren Verbindungen und halbherzigen Beziehungen getrennt.
Von einseitigen Freundschaften und Bekanntschaften, die mehr geraubt als gegeben haben.
Ich werde immer der Meinung sein – und bleiben –, dass ich lieber alleine bin,
als mich jemals wieder für andere zu verlieren, mich ausnutzen zu lassen oder falsche Menschen um mich zu haben.

Ich habe definitiv gute Bekanntschaften um mich.
Menschen, mit denen man reden kann, die es gut meinen, die ablenken und mit denen man lachen kann.
Aber niemanden, mit dem ich auch unter die Wasseroberfläche tauchen kann.

Aber wirklich tiefe Verbindungen sind in meinem privaten Leben gerade nicht vorhanden.
Nicht in meinem engen Kreis.
Und vor allem fehlt mir dieser weibliche Ausgleich.

Was irgendwie ironisch ist.
Weil für mich schon immer Freundschaften mit Männern einfacher waren. Unkomplizierter.
Nicht immer das, was man unter klassischer Freundschaft versteht, und auch nicht immer gut – aber möglich.
Und definitiv den Aufwand wert, den es braucht, um eine gesunde Freundschaft zwischen den Geschlechtern aufzubauen und zu halten – vor allem, weil sie mir lange einfacher erschienen sind als Freundschaften mit Frauen. Zumindest zu einer Zeit, in der ich noch anders auf Freundschaft geblickt habe.

Doch selbst ich durfte vor einigen Jahren feststellen, dass es auch Frauen gibt, bei denen sich dieser Aufwand lohnt.
Wie schön eine echte Freundschaft zwischen Frauen ist. Wie bereichernd.
Wie wichtig diese Verbindungen werden, je älter man wird, je mehr man bei sich ankommt.

Gesunde Freundschaften sind auch hier möglich – auf meinem Weg zwar seltener und schwerer zu finden, aber genau deshalb umso wertvoller.
Freundschaften, in denen man gemeinsam wächst, sich gegenseitig hält und miteinander wird.

Die wenigen Rohdiamanten, die ich bisher entdecken durfte, waren jeden Aufwand wert.

Abgesehen vom Geschlecht kann ich heute ehrlich sagen, dass ich die besonderen Menschen, die wirklich tief in mein Herz verknüpft sind – auch wenn der Kontakt längst fehlt – an einer Hand abzählen kann.

Vielleicht ist das auf eine Art mein persönlicher Fluch und Segen zugleich.
Diese besonderen Menschen zu finden, sie aber nie halten zu können.
Vielleicht ist das so gedacht. Vielleicht soll es gar nicht anders sein.
Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob nicht auch jemand für mich zum Bleiben bestimmt ist.

Eine dieser Personen ist so tief in mir verankert, dass ich glaube, niemals ganz ohne sie leben zu können. Auch wenn wir kein Teil mehr im Leben der anderen sind. Auch wenn unsere Wege vielleicht nie wieder zueinanderfinden.
Der Abdruck in meinem Herzen bleibt. Und ihre Essenz wird mich nie ganz verlassen.

Heute geht es aber um einen ganz anderen Menschen.
Kein Stück weniger wertvoll, aber komplett anders.
Eine völlig anderen Epoche meiner Geschichte. Ein ganz neues Kapitel.

Ein ganz anderer Mensch – und doch genauso prägend.
Beides aber Menschen, die mir gezeigt haben, wie schön und wie intensiv platonische Liebe in Freundschaften sein kann. Und wie viel heller sie das Leben macht.
Vielleicht ist genau das die Heilung, die mein Herz braucht.

Beides sind Menschen, die wie Sternschnuppen auftauchen:
unerwartet, ungeplant und auf eine ganz eigene Art magisch.
Ein stilles Zeichen dafür, das Herz immer einen Spalt offen zu lassen.
Man weiß nie, wer als Nächstes in unser Leben tritt.

Heute geht es um einen Menschen, den ich mit niemandem vergleichen kann – außer mit mir selbst.

Irgendwie vollkommen gleich. Und doch vollkommen anders als die andere.

Man kennt sich weder lange noch besonders gut (bis jetzt), und trotzdem ist da von Anfang an eine tiefe Verbindung. Ein Verstehen ohne große Worte. Ohne Zeitdruck.

Eine bunte Mischung aus erwachsener Freundschaft – zwei starke Persönlichkeiten mit großen Zielen, Alltag, Arbeitsstress – und diesem stillen Einverständnis,
dass kein Druck besteht, ständig präsent sein zu müssen, damit eine Freundschaft lebt.
Ein Verständnis für Verschwinde-Phasen. Und eine ehrliche Freude auf die euphorischen Momente dazwischen.

Und dann doch diese klassische Mädels-Freundschaft: Raum für Hobbys und Interessen, für Kunst und Abenteuer.
Für das Teilen der Dinge, die uns erfüllen – und jener, für die andere uns belächeln würden.
Ohne Wertung. Ohne Schuldgefühle. Kein Wettbewerb, sondern ein Leben miteinander.

Und dann ist da dieses besondere Band zwischen uns.
Nicht offensichtlich, nicht vollständig erklärbar – aber immer da.
Egal in welcher Phase. Ein Band, das uns hält. Und immer wieder zueinander zieht.

Dieser klare Unterschied zu anderen Freundschaften.
Eine Person für all meine Phasen.

Ein Verständnis, das sich mit nichts vergleichen lässt.
Keine konstante Bühnenvorstellung. Keine Angst vor Verurteilung oder Bewertung.
Keine Scham davor, verrückt zu klingen. Kein Verstecken, wenn es einem schlecht geht.

Ein Raum zwischen zwei Herzen, in dem alles Platz hat.
Und zu dem man immer wieder zurückfindet – egal, wie weit man reist.
Egal, wohin das Leben uns führt.

Vielleicht ist das der Moment, in dem sich etwas verschiebt.
Ein leises Umkehren der Rollen.

Nicht mehr nur ich, die vermisst.
Nicht mehr nur ich, die kämpft.

Sondern Menschen, die bleiben.
Die mich sehen. Die mich nicht loslassen, nur weil es einfacher wäre. „Weil es halt einfach so ist“

Mein größter Herzenswunsch und meine größte Angst zugleich –
stehen plötzlich nebeneinander. Und bleiben.

Und nein, ich bereue es nicht, halbherzige Verbindungen bewusst beendet zu haben.
Menschen losgelassen zu haben, die mich nie wirklich gesehen haben.
Tote Pflanzen nicht weiter gegossen zu haben.

Auch wenn ich lange an dem Punkt war, an dem es sich anfühlte,
als könnte ich wertvolle Menschen nie wirklich halten, wusste ich immer:
Es muss da draußen Menschen geben, die mich halten. Die bleiben.

Vielleicht ist genau das hier der Wendepunkt.
Vielleicht bin ich jetzt endlich bereit, diese neue Erfahrung nicht nur zu hoffen –
sondern sie zuzulassen.

Und vielleicht begann all das in dem Moment,
in dem jemand einen Schritt auf mich zuging,
als ich mich selbst noch nicht getraut habe.

Ein leiser Dank an dich
und an all das, was durch dich nun kommen darf.

Neues Jahr, altes Muster

Manchmal hängt’s mir wieder wie ein nasser Mantel an den Schultern.
Nicht dramatisch.
Nur schwer.

Und eigentlich weiß ich’s ja längst.
Das hier ist kein neues Kapitel.
Das ist eher so ein Klassiker aus meiner persönlichen Dauerausstellung:
dieses Ich-mach-es-allen-gut-Ding.

Ich bin diese Person, die einfach macht.
Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich kann.
Weil ich zuverlässig bin. Weil ich mitdenke. Weil ich mich für nichts zu schade fühle.

Und ja – das ist eine Stärke. Manchmal.
Und manchmal ist es einfach nur eine Einladung:
„Mach du mal, du schaffst das schon.“

Und ich? Ich nicke freundlich.
Ich lächle professionell.
Ich trage noch eine Sache extra. Und noch eine.

Weil es ja tragbar ist.
Weil ich’s ja irgendwie hinbekomme.

Nur weil ich’s kann, heißt das nicht, dass es fair ist.
Und nur weil ich gern helfe, heißt das nicht, dass ich zur Ein-Frau-Lösung werde.

Manchmal bin ich am Ende nicht mal die, die hilft.
Ich bin der Boxsack.
Für schlechte Launen. Für Unzufriedenheit.
Und manchmal sogar der Buhmann für Fehler, die andere machen.

Und selbst dann bin ich die, die nickt.
Die sich entschuldigt.
Die den Schlag annimmt, als wär’s ganz normal.

Weil ich mit Kritik umgehen kann.
Anscheinend sogar dann, wenn sie nicht mal meine ist, die ich tragen müsste.

Und dann stehe ich da und denke mir:
Ach, guck. Wie überraschend. Wie neu.
Wie absolut gar nicht neu.

Stopp. Jetzt.

Ich muss nicht die Welt so machen, wie sie euch gefällt.
Ich darf auch mal kurz gucken, wie sie MIR gefällt.

Kein In-mich-reinfressen mehr. Kein Runterschlucken.
Kein „Ich denk da später nochmal drüber nach“ – als wär’s ein ganz normales Hobby.

Meine Energie ist nicht endlos. Sie ist Magie. Und die gehört zuerst mir selbst.

Neues Jahr, altes Muster.
Aber vielleicht – neue Grenzen.
Langsam. Unperfekt. Und trotzdem echt.

Und wenn ich das heute nur schaffe, indem ich’s aufschreibe:
Dann ist das eben mein Anfang.

Die Frequenz stimmt wieder

Ich bin gerade nicht wirklich im Deep-Talk-Modus.
Nicht im „ich hab die perfekten Worte“-Modus.
Eher im „ich möchte einfach kurz atmen und sagen: ich bin noch da“-Modus.

Aber vielleicht ist genau das ja schon genug.
Vielleicht braucht es nicht immer einen großen Text, um etwas Echtes zu teilen —
manchmal reicht eine kleine Randnotiz. Ein Lebenszeichen. Ein Atemzug.

Und dieser Atemzug fühlt sich zurzeit an, als würde das Universum mir ständig Nachrichten schicken.

So in der Art von:
„Dein 14-jähriges Ich würde deine jetzige Version so cool finden.“
„Erwachsen werden heißt manchmal nur, wieder die Person zu werden, die du mit 15 warst — nur diesmal liebst du sie.“
„Liebes Zukunfts-Ich in sechs Monaten: Ich werde dich stolz machen in der nächsten Zeit.“

Und mittlerweile glaube ich wirklich daran, dass gute Dinge gerade anfangen,
in mein Leben zu purzeln.
Nicht plötzlich, nicht perfekt — eher so, als würden sich all die Wegsteine,
die lange lose herumlagen, langsam sortieren.

Als würde sich etwas zusammensetzen. Stück für Stück.
Und daraus entsteht eine Brücke. Ins nächste Kapitel.

Ich hatte dieses Gefühl schon seit ein paar Wochen in mir:
dass das Universum mit mir kommunizieren möchte.
Nur die Frequenz hat nicht ganz gepasst.

Die Signale sind angekommen, ja.
Aber ich konnte sie nicht richtig lesen.
Nicht klar sehen, was mir gezeigt wird.
Nicht deutlich hören, was gemeint ist.

Die gute Nachricht:
Mittlerweile habe ich das Radio wieder auf Empfang gestellt. Auf Zuhören. Auf Hinsehen.

Irgendwas in mir sagt, dass dieses Jahr groß wird.
Große Veränderungen. Große Meilensteine. Großes Potenzial
und natürlich, wie immer bei mir: große Gefühle.

Und ich freue mich darauf. Wirklich.

Und bevor es jetzt losgeht und ernst wird, nochmal kurz zur Erinnerung —
für mich und alle, die es gerade vielleicht auch brauchen:

Veränderungen sind gut. Und wichtig.
Und nicht alles, was Angst macht, ist gleich schlecht.

Man darf wünschen und träumen.
Hoffnungsvoll sein, mit ganzem Herzen.
Auch wenn alle anderen meinen, man sei verrückt.

Die Samen, die man sät, erntet man nicht sofort.
Es braucht Zeit, Geduld und ein bisschen Vertrauen. Regen und Sonne.
Bis aus kleinen Entscheidungen Früchte werden und man plötzlich merkt,
dass da längst Blumen wachsen.

Und auch in guten Zeiten gehören Niederlagen dazu.
Dieser Ausgleich muss sein — Yin und Yang des Lebens.
Wie soll man sonst die Sonnenstrahlen genießen,
wenn man zwischendurch nicht auch im Regen tanzt?

Und selbst wenn mal etwas nicht so läuft wie gedacht,
Hoffnung aufgeben ist keine Option.

Manche Dinge brauchen Zeit.
Sie wachsen leise im Hintergrund, bis man irgendwann merkt: es hat sich gelohnt.

Ob spirituell oder nicht — eines ist klar:
Das Universum meint es gut mit jedem einzelnen von uns.
Und solange man das nicht vergisst, ist keine Situation jemals wirklich aussichtslos.

Ich war sowieso schon immer ein „Glas halb voll“-Mensch.
Und ich weiß mittlerweile:
Das Universum liebt es, mich glücklich zu sehen.

Vielleicht ist das heute nur eine Randnotiz.
Kein großer Text. Kein großes Drama.

Aber es ist ein echtes Lebenszeichen.
Ein „Ich bin da“.

Kein „ich schreibe, weil ich nichts zu sagen habe“,
sondern ein „ich schreibe, weil ich mitten im Werden bin“.

Alles, was für mich bestimmt ist, wird seinen Weg zu mir finden.
Und ich bin bereit dafür.

Nicht jede Geschichte wird zur Schlagzeile

Und trotzdem soll sie erzählt werden.

Es ist einer dieser Tage, an denen man merkt, dass man eigentlich etwas sagen möchte –
aber keine Lust hat auf das übliche Schreien, Streiten, Erklären.
Zu viel Negativität, zu viel Hass, zu viel Leid, das täglich durch unsere Feeds rauscht.
Politik lasse ich heute bewusst außen vor.
Nicht, weil es egal wäre – sondern weil es mir gerade keine Freude macht, darüber zu schreiben.
Und weil es nicht das ist, was mich heute antreibt.

Was mich antreibt, ist dieses Gefühl.
Dieser dumpfe Schlag in die Magengrube, der jedes Mal kommt,
wenn wieder ein neuer Fall veröffentlicht wird.
Ein weiterer Femizid. Eine weitere Frau.
Ein weiteres „es hätte nicht passieren dürfen“.

Und trotzdem passiert es. Immer wieder.

Die Gewalt an Frauen nimmt zu – oder vielleicht wird sie endlich sichtbarer.
Ernst genommen wird sie trotzdem selten.
Und jedes Mal ist da dieser kurze Moment kollektiver Schnappatmung.
Ein Schock, der kaum lange genug anhält, um wirklich etwas zu verändern.

Denn immerhin:
Es war ja niemand, den man persönlich kennt.
Nicht aus der eigenen Familie. Nicht aus dem Freundeskreis.
Also scrollt man weiter. Zu lange drauf herumreiten bringt ja nichts – oder?

So funktioniert unsere Logik. So bemessen wir Nähe.
So entscheiden wir, welches Leid relevant genug ist.

Aber was ist mit all denen, die gerade so entkommen sind?
Mit den Geschichten, die nie Schlagzeilen wurden, weil „eh nichts passiert ist“ –
oder zumindest nichts, das man nicht irgendwie überlebt hat?

Diese Fast-Erlebnisse zählen nicht.
Sie haben keinen Stellenwert.
Weil man ja noch da ist. Weil man ja weiterlebt.
Also: Wie schlimm war es schon wirklich?

Ich finde: schlimm genug.

Ich weiß das, weil ich dort war.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Instinkt einem die Luft aus der Lunge presst.
Wenn innerlich ein Countdown läuft und man nicht weiß, ob es ein Morgen gibt
– oder nur noch diesen Moment.

Ich kenne diesen Blick, der nicht laut werden muss, weil er trotzdem alles sagt:
Sei still. Zähl deine Sekunden.

Ich kenne den Moment, in dem eine Stimme kippt. Tiefer wird. Ruhiger.
Und plötzlich klar ist, dass jede falsche Bewegung Konsequenzen hat.

Ich weiß, wie es ist, blaue Flecken zu verstecken.
Nicht aus Scham – sondern weil Aufmerksamkeit gefährlicher sein kann als Schweigen.
Also lange Ärmel. Weite Pullover. Ein Lächeln, wenn jemand fragt.
Alles gut.“

Ich weiß, wie es ist, überwältigt zu werden.
Wie man aufhört zu kämpfen, nicht weil man aufgibt, sondern weil man hofft,
dass es schneller vorbei ist.

Der Körper wird irgendwann taub. Der Schmerz auch.
Was bleibt, kommt danach.
Das Waschen. Immer wieder.
Heißes Wasser, bis die Haut rau wird. Bis sie nichts mehr spürt.
Sauber fühlt man sich trotzdem nie wieder ganz.

Dieses Gefühl, beschmutzt zu sein, bleibt.
Auch Jahre später.

Und dann die emotionale Manipulation.
Der Klassiker.
Von außen wirkt alles so einfach:
Warum bist du nicht gegangen?
Warum hast du nichts gesagt?

Das sind keine Fragen.
Das sind Anschuldigungen.

Kaum jemand kann sich vorstellen, wie schwer Gehen ist.
Wie schwer es ist, zuzugeben, was man Wochen, Monate, Jahre mit sich machen ließ.
Wie sehr man sich selbst dafür verachtet. Wie naiv man sich fühlt. Wie wertlos.

Ein gebrochener Körper heilt schneller als ein gebrochenes Herz.
Oder ein gebrochener Verstand.

Danach muss man alles neu lernen.
Vertrauen. Nähe. Sicherheit.
Menschenmengen werden zu Endgegnern.
Berührungen zu Stolperfallen.
Ein Zucken bei zu schnellen Bewegungen. Eine Angst, die in uns weiterlebt.
Man lässt kaum noch jemanden wirklich nah ran.
Vielleicht nie wieder so wie früher.

Und ich bin nur eine von vielen.

Deshalb werde ich nicht leiser.
Nicht, wenn es darum geht, Frauen zu verteidigen.
Nicht, wenn man mich dafür „Männerhasserin“ nennt,
ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, worum es hier eigentlich geht.

Mein Herz wird bei jedem neuen Fall schwer.
Nicht, weil ich mich darin verliere – sondern weil ich überlebt habe
Und andere dieses Glück nicht hatten.

Das hier ist kein Aufruf mit erhobenem Zeigefinger.
Keine Belehrung. Keine Wutrede.

Es ist ein offenes Mikrofon.

Heute war ich dran.
Heute habe ich gesprochen.

Und jetzt gebe ich das Spotlight weiter.
An jede Stimme, die leiser gemacht wurde.
An jede Geschichte, die nie Schlagzeile war.
An jede, die gerade so entkommen ist.

Das hier ist keine Aufforderung.
Nur ein Platz, an dem gesprochen werden darf.

Überleben ist kein Maßstab

Manche Texte entstehen nicht, um zu gefallen.
Sondern um zu atmen.

Heute gibt es keine Umschreibungen.
Keine Rücksicht auf Bequemlichkeit.
Nur Wahrheit – meine.

Aufgestaute Wut. Angehäufter Frust.

Und meine Art, dem Ganzen Raum zu geben, bevor es mich zerfrisst.
Bevor es mich leise überrollt.

Nicht immer rechtzeitig. Nicht immer regelmäßig.
Und oft erst nach dem nötigen Arschtritt von Mama.
Aber: schon besser als früher.
Und das zählt.

Ich bin eine 27-jährige Frau.
Ich wohne in meiner eigenen Wohnung, die ich mir selbst finanziere.
Ich habe einen Job, bei dem ich gut verdiene –
aber vor allem einen, der mir gefällt, mir Freude macht
und bei dem ich mich auch in vielen Jahren noch sehe.

Ich habe meinen eigenen Hund.
Ich kann meine Fixkosten decken.
Ich komme finanziell durchs Monat, ohne Angst, ohne Panik, ohne schlaflose Nächte.

Mir geht es gut.
Heute.

Aber das war nicht immer so.
Und genau das verstehen die wenigsten.

Also hört bitte auf, euch mit mir zu vergleichen.
Hört auf so zu tun, als würdet ihr meine Sorgen verstehen.
Als wüsstet ihr, wie es war, in meinen Schuhen zu gehen –
auf dem Weg hierher, wo ich jetzt bin.

An Tagen wie heute merke ich erst, wie viel Wut sich in mir aufstaut.
Durch kleine Sätze. Durch beiläufige Gespräche.
Durch Worte, die harmlos wirken und trotzdem tief gehen.

Kein Neid.
Keine Missgunst.

Nur dieser Frust, immer wieder unter den Tisch gekehrt zu werden.
Mit Kommentaren. Mit Vergleichen.
Mit unausgesprochenen Bewertungen.

„Bei mir war’s auch nicht immer einfach.“

Das glaube ich dir.
Wirklich.

Aber warum fühlt es sich dann an, als müsste ich meine Vergangenheit entschärfen,
nur damit sie in dein Weltbild passt?

Nur weil es bei dir schwer war –
darf es bei mir nicht schwerer gewesen sein?

Warum wird jedes Gespräch zu einem Vergleich, zu einem stillen Wettbewerb,
bei dem niemand gewinnen kann und trotzdem alle verlieren?

Überleben ist kein Maßstab.
Kein Titel. Kein Pokal.

Nur weil meine Geschichte dunkler war, heißt das nicht, dass ich sie kleiner machen muss,
damit du dich nicht daran stößt.

Schmerz ist kein Wettkampf.
Und ich bin müde davon, so zu tun,
als wäre er einer.

Ich weiß, wie es ist, zu überleben.
Monat für Monat. Jeden Cent umzudrehen und trotzdem nie auszukommen.

Die Miete gerade so zu bezahlen, nur um nicht auf der Straße zu landen –
und dafür hungrige Abende in Kauf zu nehmen.

Keine Unterstützung vom System. Keine Hilfe von Menschen um uns herum.

Ein paar Tage in meinen Schuhen, in meiner Vergangenheit –
und vieles wäre plötzlich leiser.
Ruhiger.

Zumindest hoffe ich das.

Ich will kein Mitleid. Keine Sympathie.
Kein Schulterklopfen für das, was ich durchgestanden habe.

Ich wünsche mir etwas anderes:
Dankbarkeit.
Nachdenken, bevor gesprochen wird.
Und Gespräche, die kein Wettkampf sind.

Es darf wieder mehr zugehört werden. Wirklich zugehört.

Ohne zu messen. Ohne zu vergleichen. Ohne sofort zu bewerten.

Eine der schönsten
und seltensten
Eigenschaften ist für mich,
Menschen einfach existieren zu lassen.

Ohne Wertung. Ohne Vorwürfe.
Ohne ungefragte Verbesserungsvorschläge.

Menschen reden lassen.
Auch wenn sie stottern. Auch wenn sie sich wiederholen.
Sie träumen lassen, ohne ihre Blase platzen zu lassen.

Andere einfach „komisch“ sein lassen.
„Merkwürdig“.
Und dabei merken, dass Anderssein oft spannender ist,
als das perfekt inszenierte Bild eines normalen Alltags.

Menschen fühlen lassen, ohne daraus einen Wettbewerb zu machen.

Akzeptieren,
dass mein Gegenüber vielleicht mehr getragen hat als drei oder vier Menschen zusammen –
und anstatt mich daran zu messen, einfach still zu bewundern,
wie dieser Mensch trotzdem noch lachen kann.

Keiner will es aussprechen.
Und kaum jemand will es hören:

Die meisten von uns mussten noch nicht durch besonders viel Schlamm und Steine wandern.

Und weißt du was?
Wie schön ist das eigentlich.

Nicht jeder muss sein Leben mit zusätzlichem Gepäck beginnen.
Nicht jeder muss mehr auf sich nehmen, als er tragen kann.

Ich begegne so gern diesen reinen Seelen.
Menschen, die die dunkelsten Seiten des Lebens nur aus Büchern oder Filmen kennen.
Aus Erzählungen.

Viele hatten keine schlimme Kindheit.
Sondern eine relativ normale.

Und ja –
ich weiß, dass das nicht jedem gefallen wird.

Aber nur weil eine Familie groß war,
oder laut, oder chaotisch,
heißt das nicht automatisch, dass die Kindheit schlecht war.

Nicht alles Schwierige ist ein Trauma.
Und nicht jede Herausforderung braucht eine Diagnose.

Mehr braucht es heute nicht.
Alles Weitere würde nur vom Wesentlichen ablenken.

Aber eines will ich sagen:
Wir haben irgendwo zwischen Idealismus und Scheinbildern
den gesunden Menschenverstand verloren.

Empathie und Vernunft werden benutzt wie Werkzeuge,
statt gelebt zu werden wie ein moralischer Kompass.

Jeder weiß alles besser.
Und jedem geht es schlechter als dem Nächsten.

Wie soll man da nicht wütend werden?

Und trotzdem:
Ich bleibe positiv. Ich bleibe gut.

Ich entscheide mich weiterhin dafür, nicht zu bewerten.
Nicht zu verurteilen. Nicht aufzugeben, an das Gute zu glauben.

Aber manchmal braucht auch der Frust Raum.
Die Wut muss atmen, um sich wieder zu lösen.

Auch ich darf diese Gefühle fühlen.
Auch ich muss nicht alles runterschlucken.

Auch die gutmütigsten Seelen dürfen mal gereizt sein.
Dürfen Dampf ablassen.

Denn wir leben alle zum ersten Mal.

Und niemand muss sich beweisen, um zu existieren.
Das tun wir ohnehin.

Heute darf die Wut atmen.
Und morgen darf ich wieder leichter sein.

Mit allem, was wir sind

Gedanken, die wir selten laut sagen – und der Mut, ihnen zuzuhören.

Wir alle kennen diese Gedanken.
Die leisen Zweifel, die auftauchen, wenn es still wird.
Wenn niemand hinschaut. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind.

Und doch redet kaum jemand darüber.

Vielleicht aus Scham. Vielleicht aus Angst.
Vielleicht, weil wir gelernt haben, stark zu sein, anstatt ehrlich.

Dieser Text ist kein Aufschrei und kein Jammern. Er ist ein Innehalten.
Ein Flüstern für all jene, die ähnliche innerliche Kämpfe kennen und sich wünschen,
einmal nicht erklären zu müssen, warum es gerade schwer ist.

Ich schreibe das hier nicht, um Mitleid zu sammeln. Sondern um Raum zu schaffen.
Für Echtheit. Für Mitgefühl.
Für dieses leise Wissen: Du bist nicht allein damit.

Wenn du dich hier wiederfindest, darfst du bleiben.
Atmen.
Und einfach sein.

Einer meiner Rauhnachtswünsche für dieses Jahr war kein besonders lauter.
Kein großes „Ich werde alles ändern“.
Sondern ein leiser, fast schüchterner Gedanke:

Ich öffne mein Herz wieder für die Liebe.

Nicht, weil ich muss. Nicht, weil ich denke, dass mir etwas fehlt.
Sondern weil ich bereit bin, es noch einmal zu versuchen.
Bereit, mich überraschen zu lassen von der Möglichkeit, dass Nähe auch sanft sein kann.
Dass Beziehungen nicht nur aus Wut, Panik und Schmerz bestehen müssen,
sondern aus Lachen, Fürsorge und einem Zuhause-Gefühl.

Und kaum hatte das Jahr begonnen, meldete sich etwas anderes.
Etwas Altes. Etwas, das ich gut kenne.

Angst.

Nicht die große, laute.
Sondern die leise, nagende.
Die, die sich in Gedanken einnistet und schwer im Magen liegt.

So wie ich bin. So wie ich aussehe.
Oder…
so wie ich glaube auszusehen.

Was, wenn ich gar nicht richtig weiß, wie ich aussehe?
Was, wenn genau das schon immer meine größte Angst war?

Mein Aussehen – mein stillster Gegner.

Wir leben in einer Zeit, in der Vergleiche Alltag sind.
In der Makel weichgezeichnet werden.
In der jede Falte, jede Unebenheit, jede Eigenheit korrigierbar ist.
Filter, Eingriffe, Diätversprechen – Hauptsache schön.
Hauptsache passend. Hauptsache begehrenswert.

Ein Spiel, das niemand gewinnen kann.

Seit vielen Jahren lebe ich mit einer verzerrten Wahrnehmung meines Körpers.
Spiegel meide ich. Nicht, weil ich eitel bin – sondern weil ich nicht weiß, was ich sehen werde.
Und weil dieses Nichtwissen manchmal einfacher ist.

Irgendwann wurde mir das Aussehen fast egal.
Hauptsache gesund. Hauptsache ich halte es in meiner Haut aus.

Doch mit dem Wunsch nach Nähe kamen sie zurück:
die Fragen – die Zweifel – die alten Stimmen.

Denn um geliebt zu werden, muss man doch schön sein, oder?

Ich habe gehört, dass ich lustig bin. Dass ich eigen bin, aber sympathisch.
Dass ich anziehend genug bin für eine Nacht.
Begehrenswert genug für Blicke, Worte, Hände.

Sexy. Süß. Unterhaltsam.

Aber schön?

Dieses Wort hat mich nie gefunden.
Oder ich habe es nicht erkannt, als es vorbeiging.

Vielleicht war ich immer mehr innen schön als außen.
Vielleicht war ich nie das strahlende Etwas, sondern eher das leise Anderssein.
Das hässliche Entlein, das gelernt hat, trotzdem zu schwimmen.

Und darüber spricht kaum jemand.
Darüber, wie müde es macht, ständig bewertet zu werden.
Wie weh es tut, in einer Welt zu leben, die zuerst schaut und erst danach fühlt.

Man sagt, der Moment kommt noch.
Nach der Pubertät. Beim Erwachsenwerden.
Wenn alles klarer, kantiger, schöner wird.

Vielleicht kam er bei mir nie so, wie man es versprochen hat.

Und das ist okay.

Ich hasse mich nicht dafür. Ich kämpfe nicht gegen mich.
Ich habe andere schöne Seiten – tiefere, leisere, ehrlichere.

Ich habe versucht, mich anzupassen.
Meine Haare. Meinen Stil. Mein Gesicht.

Und manchmal, wenn ich Fotos sehe, zieht sich trotzdem alles in mir zusammen.

Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, ein bisschen anders aufzuwachen.
Ein bisschen näher an dem, was als schön gilt.

Und dann – irgendwann – finde ich zurück.
Zu mir.
Zu dieser vorsichtigen, echten Liebe zu mir selbst.

Denn vielleicht beginnt genau dort die Liebe, die bleibt.
Nicht perfekt. Nicht gefiltert.
Aber wahr.

Dieser Text ist kein Ziel – nur ein Atemzug, den wir uns gemeinsam erlauben.
Und vielleicht reicht es für heute, einfach da zu sein – mit allem, was wir sind.

Zwischen Loyalität und Wahrheit

Letztes Jahr habe ich eine Entscheidung getroffen, die leise begann –
und mein ganzes Leben umgestellt hat.

Ich gieße keine toten Pflanzen mehr.
Ich säe keine Hoffnung mehr in leeren Boden.

Ich renne niemandem mehr hinterher.
Ich halte keine Verbindungen mehr alleine am Leben.

Ich habe aufgehört, immer die Erste zu sein.
Die, die fragt. Die trägt. Die versteht.

Stattdessen habe ich mich zurückgelehnt. Und beobachtet.

Wer bleibt, wenn ich leiser werde?
Wer sucht mich, wenn ich mich nicht erkläre?
Wer zeigt mir, dass ich genauso wichtig bin, wie ich andere wichtig nehme?

Und dann kam die Erkenntnis – langsam, schmerzhaft, gnadenlos ehrlich:
Wie viele Menschen nenne ich Freunde, die mich nur kennen, solange ich gebe?

Es ist ein einsamer Lernprozess. Kein lauter.
Einer, der nicht ruft, sondern still bleibt.
Der dich hinsehen lässt, bis Wegschauen keine Option mehr ist.

Zuerst lösen sich die leichten Verbindungen.
Die, die ohnehin nie wirklich getragen haben.
Ein kurzes Ziehen. Dann Stille.

Und dann kommen sie.

Nicht die, die ohnehin nur am Rand mitgelaufen sind – sondern die, die längst ihren Platz hatten.
Die, bei denen man nie gezweifelt hätte. Bei denen man es nie gedacht hätte.
Die, bei denen man dachte, sie würden bleiben.

Die einen immer wieder nach hinten stellen.
In Worten. In Zeit. In Aufmerksamkeit.

Die einen immer wieder abwälzen.
Stress. Chaos.
Dieses beiläufige „Ich hab nicht daran gedacht“.

Und wir glauben es.
Nicht, weil es wahr ist – sondern weil wir niemanden verlieren wollen.

Und weil Loyalität uns Dinge entschuldigen lässt,
die eigentlich keine Entschuldigung verdienen.

Aber irgendwann stellt sich eine Frage, die alles verändert:

Wann hat mein Chaos mich je davon abgehalten, da zu sein?
Wann war mein Schmerz je ein Grund, jemanden zu vergessen?

Und plötzlich sieht man klar: wer nur bleibt, solange man sich verbiegt.
Wer einen übersieht, sobald man aufhört zu tragen.

Und ja – es tut weh.
Aber diesmal brechen wir nicht.

Diesmal werden wir größer.
Stiller. Standfester.

Der Kreis wird kleiner. Das Handy leiser. Das Leben echter.

Opferrollen verlieren ihre Macht, wenn man sich selbst treu bleibt.
Empathie darf noch da sein, ohne uns zu führen.
Wir nehmen unser Herz an – und lernen, es zu schützen.

Ich weiß heute, wer ich bin. Ich verstecke mich nicht mehr. Ich erkläre mich nicht mehr.

Und ich habe keine Angst mehr vor dem Alleinsein.
Ich habe Angst davor, mich selbst zu verlieren.

Also wähle ich lieber die Stille als halbherzige Nähe.

Und auch wenn dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen ist – ich bin nicht mehr neu darin.
Ich habe gelernt. Und deshalb darf es jetzt leichter werden.

Menschen, die mich nicht sehen, haben keine Macht mehr über mich.
Keinen Einfluss mehr auf meine Gefühle.
Sie haben ihren Platz verloren. Ich halte ihn nicht mehr frei.
Ohne Schuldgefühle. Ohne Schwere.

Denn echte Freunde würden nie wollen,
dass ich mich kleiner mache, um zu bleiben.
Es würde sie interessieren, wie es mir geht.
Was ihre Worte auslösen. Was ihre Taten hinterlassen.

In echten Verbindungen muss ich nichts beweisen.
Ich darf einfach ich sein.
Wenn nicht dort – wo sonst?

Und daran erinnere ich mich.
So oft, bis es sitzt.

Eine leise Beobachtung – Notizen aus der Heilung

In mir macht sich langsam ein neues Gefühl breit.
Nicht laut. Nicht fordernd.
Eher wie ein seltener Paradiesvogel, der vorsichtig beginnt,
Heimat in meinem Garten der Gedanken zu finden.

Noch ist er scheu. Hält sich im Halbschatten auf.
Beobachtet mehr, als dass er sich zeigt.
Und doch – immer wieder blitzt er durch.
Ein Farbton, den ich so noch nicht kannte.

Es gibt keinen Druck, ihn zu benennen.
Keinen Zwang herauszufinden, was genau er ist oder warum er jetzt da ist.

Er darf einfach Teil werden meines kleinen Museums der Emotionen.
Ohne ihn sofort verstehen zu müssen. Ohne ihn einzuordnen oder zu bewerten.
Er darf einfach da sein.

Und fast überraschend fühlt sich da etwas an wie kindliche Vorfreude.
Nicht auf etwas Konkretes. Sondern auf etwas, das es in mir bisher noch nie gegeben hat.

Ich spüre es hin und wieder.
Dieses fremde, leise Gefühl von
Egalsein.

Ein Wort, das für viele vielleicht hart klingt.
Abweisend. Kühl.

Aber für mich?
Für mich mit meinen großen Gefühlen.
– meiner Tiefe, die selten Grenzen kennt
Meiner endlosen Empathie und meinem viel zu offenen Herzen?

Ein Gefühl von egal sein war bis vor Kurzem undenkbar.

Und doch ist es nun da.
Nicht als Mauer. Sondern als weicher Raum.
Als Zeichen von Heilung.

Vielleicht ist das kein Verlust an Tiefe.
Vielleicht ist es ein neues Gleichgewicht.

Und vielleicht – muss ich es einfach nur beobachten,
während es langsam lernt, in mir zu bleiben.

Vielleicht bin ich einfach gespannt, was dieses neue, erleichternde Gefühl mit sich bringt.

Wie es alte Verhaltensmuster berührt.
Ob es meinen Alltag leiser macht.
Ob es sich einen Partner sucht – vielleicht ein schlechtes Gewissen,
das nicht mehr bei jeder Kleinigkeit zum Einsatz kommen muss.
Oder die naive Gutgläubigkeit, die sich früher für alle vor den Bus werfen wollte und jetzt lernen darf, stehen zu bleiben.

Vielleicht ist das hier kein Mangel an Tiefe.
Sondern der Beginn von Ausgleich.

Vielleicht ist dieses Egalsein kein Weggehen von mir – sondern ein Ankommen.

Und vielleicht ist es einfach das erste Zeichen von Heilung.
Ein Licht, das nicht plötzlich hell wird, sondern Stück für Stück mehr leuchten darf.

Eigentlich.

Manchmal ist es ein Reminder. Manchmal ein Lernprozess.
Manchmal einfach eine dieser stillen Prüfungen, die nicht laut kommen,
sondern sich langsam zeigen.

Egal, wo du dich beim Lesen gerade wiederfindest –
ich schreibe heute wieder darüber, weil auch ich mich erinnern muss.
Daran, wachsam zu sein.
Nicht hart. Aber ehrlich.

Ehrlich damit, wen ich in meinem Leben toleriere.
Und mit welchen Begründungen.

Es ist der Arbeitskollege, den man eigentlich mag.
Das Familienmitglied, das halt Familie ist.
Der Nachbar, mit dem man nie Probleme hatte.
Die Schulkollegin, die doch immer nett war.

Eigentlich.

Ein kleines Wort. Ein bequemes.
Ein Wort, das sich wie ein Polster zwischen uns und unbequeme Wahrheiten legt.

Denn eigentlich wissen wir es längst.
Dass manches Verhalten nicht stimmig ist.
Dass Grenzen leise überschritten werden.
Aber eigentlich will man keinen Wirbel.
Keine Unruhe. Keinen Bruch.

Eigentlich gibt es ja auch wieder gute Tage.
Momente, die weich sind.
Und genau diese Momente lassen uns vergessen, wie Menschen sind,
wenn es unbequem wird.

Das Schwierige an Menschen mit offenem Herzen ist:
Sie sehen fast immer das Gute.
Selbst aus Krümeln bauen sie Sinn. Selbst aus halben Gesten Hoffnung.

Und fast immer finden sie Gründe, warum es okay ist,
zu viel zu geben und zu wenig zurückzubekommen.

Darum schreibe ich heute wieder.

Denn wir sind erwachsen.
Wir wissen, was wir tun.
Und wir wissen auch, was wir anderen damit antun.

Ja, wir tragen alle unsere Geschichten.
Unsere Wunden. Unsere Prägungen.
Aber Schmerz ist keine Entschuldigung, achtsamlos zu sein.

Es gibt sie –
die Menschen, die Schweres tragen und trotzdem respektvoll bleiben.
Die ihre Dunkelheit kennen und niemanden darin verlieren lassen.

Warum können sie das?

Vielleicht, weil Verantwortung nicht laut ist.
Sie zeigt sich nicht in Zitaten oder perfekt formulierten Gedanken auf Sozialen Medien.
Sondern im Verhalten. Im Alltag. In der „echten“ Welt, außerhalb des Bildschirms.
Wenn niemand zusieht.

Denn Masken halten nicht.
Sie rutschen. Sie reißen.
Und irgendwann scheint das Wahre durch – wie Licht durch einen feinen Spalt.

Viele merken nicht, wie durchschaubar sie sind.
Wie leicht man hinter das Bild blickt, das sie von sich zeigen wollen.

Ich habe mich getäuscht. Oft.
Habe gehofft. Habe zu lange gehalten.

Aber eines habe ich gelernt:
Man kann ein gutes Herz nicht vorspielen.
Nicht auf Dauer. Nie ganz authentisch.

Irgendwann fällt jede Fassade.
Wie ein Traum, der zerplatzt, sobald man merkt, dass man träumt.

Es ist Zeit.
Zeit, Menschen für das zu sehen, was sie zeigen.
Nicht für das, was wir uns wünschen, dass sie wären.

Keine Ausreden mehr. Keine Sonderregeln.
Nicht für Familie. Nicht für Liebe. Nicht für Gewohnheit.

Schluss mit dem Gehen auf Eierschalen.
Schluss mit dem Warten auf Veränderung bei denen, die nie einen Grund hatten, sich zu ändern.

Warum sollten sie auch?
Es hat doch noch immer funktioniert.

Aber nicht mehr hier.

Ich stelle mich nicht mehr hinten an.
Ich schlucke nichts mehr runter, nur um Frieden zu haben.
Ich mache mich nicht kleiner für Menschen, die nicht wachsen wollen.

Der Zutritt ist begrenzt.

Ich begegne Menschen nur noch so weit, wie sie mir entgegenkommen.
Ich laufe keine Extrameilen mehr für jene, die nicht einmal einen Schritt gehen.

Ich mache mich nicht mehr verdaulich, nur damit andere nicht kauen müssen.

Denn wir wählen unser Umfeld.
Wir entscheiden, wer Zugang zu unserem Herzen bekommt.
Und mit wem wir unsere Zeit teilen.

Zeit ist kostbar.
Und sie darf geschützt werden.

Wir sind alle schon gefallen.
Sind gegen Wände gelaufen.
Und trotzdem stehen wir noch.

Kein böses Blut in meinem Herzen.
Aber klare Grenzen.

Lieber allein als umgeben von Menschen, die mehr nehmen als geben.

Jeden Tag ein Stück mehr Selbstliebe.
Und mit jedem Tag ein bisschen näher zu den Menschen,
die genauso fühlen.

Die Richtigen sehen uns vielleicht noch nicht.
Zwischen all den falschen Flammen.

Aber sie werden.
Wenn wir aufhören, zu romantisieren und anfangen, uns ernst zu nehmen.