Mondphasenherz

Auch der Mond ist nicht jeden Abend ganz. Auch diese Phase geht vorüber.

Etwas, auf das mich wirklich keiner vorbereitet hat, auf diesem Weg zur starken, selbstständigen Frau, die ich längst schon bin und gleichzeitig erst noch werde.

Endlich gehe ich meinen eigenen Weg. Keinen geschniegelt geraden, sondern einen, den ich mir selbst unter den Füßen zurechtlege. Einen Weg raus aus Hamsterrad und Schubladen, raus aus dem Ausgenutztwerden, raus aus diesem ständigen Unter-dem-eigenen-Wert-Verkaufen. Und vielleicht ist genau das der Teil, über den so selten ehrlich gesprochen wird: Wie unfassbar anstrengend es sein kann, mitten in einer Übergangsphase festzustecken. In einem Bereich, der nicht nährt, sondern zehrt. Der nicht belebt, sondern einem leise die Essenz aus den Adern zieht.

Und das Bitterste daran ist gar nicht mal nur das Gefühl selbst. Es ist dieses Wissen, dass ich gerade nichts daran abkürzen kann. Dass ich da durch muss. Ein Stück noch. Aushalten, durchhalten, weitergehen. Nicht, weil ich Härte romantisieren will. Sondern weil es manchmal einfach wirklich keine geheime Tür gibt, keinen goldenen Seitenausgang, keinen eleganten Sprung über das Dazwischen.

Ein bisschen Zauberstab-Magie wäre gerade ehrlich gesagt sehr willkommen. Ein kleines Wunder auch. Irgendwas mit glitzerndem Universumsstempel und der Nachricht: Hier entlang, es wird leichter. Und gleichzeitig erinnere ich mich selbst daran, dass vielleicht längst schon Dinge für mich in Bewegung sind, die ich nur noch nicht sehen kann. Dass das Universum manchmal nicht mit Feuerwerk antwortet, sondern mit stillen Zahnrädern. Dass auch Hoffnung manchmal sehr unspektakulär aussieht. Und dass Zeit eben trotzdem Zeit bleibt.

Zurzeit merke ich, wie ich ziemlich nah am Rand meiner Kräfte auf diesem Seil entlangtanze. Und was es nicht leichter macht, sind diese Stimmen von außen. Diese gut gemeinten Ratschläge, die sich anfühlen wie zusätzliche blaue Flecken. Dieses Reden über meine Situation von Menschen, die gar nicht in meinen Schuhen stehen. Dieses Belächeln. Als hätte ich es doch so schön. Als würde ich ja „eh nichts machen“. Als wäre das, was Kraft kostet, nur dann echt, wenn man es sehen kann. Gerade dieses Nicht-Ernst-genommen-Werden schneidet tiefer, als viele ahnen.

Und ich merke, wie viel Frust da in mir wohnt. Wie viel Wut auch.

Ich bin eigentlich ein froher, heller, lebensliebender Mensch. Einer mit Funken in den Taschen und Sonne im Blick. Aber gerade fühlt es sich an, als hätte sich ein riesiger Dementor in mein Feld gesetzt und würde still meine ganze Lebensenergie aussaugen. Da, wo sonst Licht ist, ist gerade viel Leere. Keine große Dramatik, kein lautes Spektakel. Eher so ein stumpfes Grau. Ein Funktionieren. Gerade so. Weil es eben muss.

Und trotzdem: Da ist noch etwas in mir, das nicht aufgegeben hat. Kein Feuerwerk, eher ein kleiner, hartnäckiger Funke. Mein Wille. Mein Vertrauen. Dieses tiefe Wissen, dass ich schon durch so viele „Ich schaff das nicht“-Momente gegangen bin und am Ende trotzdem da durchgewachsen bin. Dass aus jedem „Ich weiß nicht wie“ irgendwann ein „Irgendwie ging es doch“ geworden ist. Nicht immer schön. Nicht immer leicht. Aber wahr.

Mein Weg war noch nie der einfache. Ich kenne die Dornen. Aber ich kenne eben auch die Blumenwiesen, die irgendwann wieder auftauchen. Ich weiß, dass der Sturm sich bisher immer verzogen hat. Ich weiß, dass mein Licht schon oft zurückgekommen ist – manchmal sogar strahlender als vorher. Nicht, weil das Dunkle schönzureden wäre. Sondern weil ich inzwischen weiß, dass beides existieren darf: die Erschöpfung und die Hoffnung. Die Schattenseite und die Mondmarmelade.

Vielleicht gehört genau das auch zu dieser neuen Phase: nicht immer nur vom Davor und Danach zu erzählen. Nicht nur von der Erkenntnis am Ende, nicht nur vom hübsch verpackten Heilungsbogen. Sondern auch mal vom Mittendrin. Vom Rohen. Vom Ungebügelten. Von den Tagen, an denen man nicht inspirierend ist, sondern einfach nur da. Atmend. Tragend. Überlebend.

Denn die Wahrheit ist: Gerade geht es mir nicht gut. So ehrlich darf es gesagt werden. Ich bin körperlich und mental ziemlich am Limit und schaue meinen Grenzen gerade aus nächster Nähe in die Augen. Nicht theoretisch. Nicht poetisch verklärt. Sondern im Nahkampf. Ich kämpfe im Moment jeden Tag damit, weiterzumachen, zu funktionieren, mir möglichst wenig anmerken zu lassen und mich selbst durch diese Tage zu boxen.

Und inzwischen merke selbst ich: Der Akku ist leer. Richtig leer. Ich schaue mir manchmal selbst beim Überleben zu und warte still auf die Sonne.

Ich bin müde. Nicht diese Müdigkeit, die man mit einer guten Nacht und zwei freien Tagen wegschläft. Sondern diese tiefe, zähe Müdigkeit vom Zu-viel-Tragen. Vom Daueranspannen. Vom innerlichen Wachbleiben, auch wenn alles in mir längst nach Pause ruft. Ich bin so erschöpft, dass selbst Gespräche manchmal zu viel sind, dass Worte sich schwer anfühlen, dass meine Gedanken nicht tanzen, sondern eher irgendwo in der Ecke sitzen und die Knie anziehen.

Und selbst meine Gefühle scheinen gerade im Notfallmodus zu laufen. Ich kann nicht richtig weinen, nicht richtig lachen, nicht richtig Luft ablassen. Alles ist da, aber wie hinter Milchglas. Meine Freizeit fühlt sich nicht nach Freizeit an, weil ich so genau weiß, wie begrenzt sie ist. Weil da tausend Dinge wären, die ich gern für mich tun würde – und ich am Ende trotzdem nur daliege, weil einfach keine Energie mehr da ist.

Mein Körper ruft schon eine Weile nach Pause. Nach Aufmerksamkeit. Nach einem Innehalten, das mehr ist als nur kurz die Augen zu schließen. Und selbst wenn er schmerzt und streikt und mich warnt, trägt er mich trotzdem noch durch diese Tage. Auch dafür bin ich dankbar. Für dieses tapfere, müde, wundervolle Körperwesen, das noch da ist, auch wenn alles in mir gerade leiser geworden ist.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass das hier mein Dauerzustand ist. Ich glaube nicht, dass ich für immer an diesem Rand stehen werde. Ich glaube, dass auch das hier eine Phase ist. Eine Prüfung vielleicht. Eine enge, unbequeme Kurve auf meinem Weg. Nichts, was ich mir ausgesucht hätte – aber vielleicht etwas, das mich auf eine Weise formt, die ich erst später verstehen werde.

Vielleicht werde ich in ein paar Wochen oder Monaten zurückblicken und sehen, wie viel größer ich in all dem geworden bin. Vielleicht werde ich erkennen, dass selbst diese zähe Zeit nicht umsonst war. Aber heute muss ich das noch gar nicht schön finden. Heute reicht es, dass ich da bin.

Heute bleibe ich noch ein bisschen am Rand meiner Kraft stehen. Ruhig. Leise. Ich schaue mir selbst beim Durchboxen zu, ohne mich dafür zu verurteilen. Ich muss daraus heute noch keine Lektion machen. Kein Zitat. Kein Triumph. Nur Wahrheit.

Und die Wahrheit ist auch: Ein schlechter Tag ist kein schlechtes Leben. Eine schwere Woche ist nicht das Ende meiner Geschichte. Gerade fühlt sich vieles eng an, aber Enge ist nicht für immer. Jeder Tag trägt die Möglichkeit eines kleinen Neustarts in sich. Manchmal kommt er nicht mit Pauken und Trompeten, sondern einfach nur als ein etwas weicherer Morgen. Als ein Atemzug, der tiefer geht. Als ein Gedanke, der nicht mehr ganz so dunkel ist.

Also warte ich nicht passiv. Ich halte auf meine Weise durch. Ich atme. Ich gehe weiter, auch wenn es gerade eher Zentimeter als Sprünge sind. Und ich teile auch das hier, weil zu meinem echten Leben nicht nur Licht gehört, sondern auch diese Schattenzeiten. Nicht als Bitte um Mitleid. Nicht als Jammern. Sondern einfach, weil auch das existiert. Auch das bin ich. Auch das ist Leben.

Sogar bei Mondmarmelade gibt es Tage, an denen der Himmel nicht glitzert,
sondern schwer auf den Schultern liegt.
Und trotzdem bleibt irgendwo darüber der Mond.

Und ich wäre nicht ich, wenn nicht gerade die dunkelsten Zeiten in mir auch etwas zum Leuchten bringen würden.
Ich wäre ja keine Alchemistin, wenn ich Schatten nicht irgendwann wieder in Licht und Sterne verwandeln würde – auch wenn das manchmal länger dauert.

Und nun ganz bewusst an mich selbst:
Halt noch ein bisschen durch, du Sternschnuppenmensch.
Atme tief durch – das nächste Kapitel ist vielleicht wirklich nur noch ein paar Zeilen entfernt.

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