Heilen ist manchmal einfach nur unbequem
Ich glaube, ich bin gerade dabei, eine neue Version von mir selbst kennenzulernen.
Nicht die perfekte. Nicht die fertige.
Aber eine ehrliche.
In den letzten Jahren bin ich unglaublich aufgeblüht. Ein großer Teil davon liegt an meiner Arbeit. Ich habe einen sehr menschenbezogenen, extrovertierten Job. In Kombination mit meiner offenen Persönlichkeit fühlt sich das oft an wie eine Dauer-Sozialisierung. Als wäre meine soziale Batterie ständig geladen und ich würde permanent unter Menschen sein.
Und ich liebe das. Meistens.
Ich liebe den Kontakt, dieses familiäre Gefühl, die Abwechslung. Kein Tag gleicht dem anderen. Ich darf dort einfach ich sein – ein kleiner sozialer Schmetterling, der sich nicht verstellen muss.
Was ich dabei nur manchmal vergesse:
Am Ende des Tages bin ich ein introvertierter Mensch.
Ich liebe Ruhe. Frieden. Stille.
Am glücklichsten bin ich zuhause mit einem Buch auf der Couch.
In meiner Küche, wenn ich ein neues Rezept ausprobiere.
Vor einer Leinwand oder einem Skizzenblock, wenn ich einfach meiner Kreativität freien Lauf lassen kann.
Meine Zeit alleine erfüllt mich auf eine Weise, die kaum etwas anderes erreicht.
Und gerade weil ich im Alltag so viel unter Menschen bin, brauche ich diese Zeit dringend. Zum Auftanken. Zum Runterkommen. Zum Ich-sein.
Nur kommt sie in letzter Zeit immer wieder zu kurz.
Manchmal sitze ich da, ein Treffen im Kalender, und ich merke: Ich will eigentlich nicht.
Nicht, weil ich die Menschen nicht mag.
Sondern weil ich mich selbst gerade mehr brauche.
Früher hätte ich sofort Ja gesagt. Ohne nachzudenken.
Heute spüre ich zumindest, dass ich eine Wahl habe.
Manchmal sage ich trotzdem noch Ja – aber bewusst.
Und manchmal sage ich Nein.
In meinem Tempo. In kleinen Schritten.
Ich darf bestimmen. Meine Meinung zählt. Mein Wohlbefinden auch.
Und trotzdem fühlt es sich oft noch ungewohnt an.
Nach Jahren des ständigen Jasagens ist das Aufhören damit alles andere als elegant. Es ist unbequem. Anstrengend. Manchmal fühlt es sich sogar egoistisch an, obwohl es das nicht ist.
Ich arbeite noch daran, nicht immer sofort verfügbar zu sein. Nicht jede Nachricht innerhalb von Minuten beantworten zu müssen. Nicht ständig abrufbar zu sein. Und ehrlich? Das fällt mir noch ziemlich schwer.
Dieses alte Muster sitzt tief. Dieses Gefühl, sofort reagieren zu müssen, damit niemand enttäuscht ist.
Aber ich lerne.
Langsam, aber bewusst.
Ich lerne, dass Wachstum nicht bedeutet, überall gleichzeitig mitzuhalten.
Ich muss nicht jedes Tempo mitgehen.
Nicht jede Einladung annehmen.
Nicht immer mehr geben, um wertvoll zu sein.
Ich glaube, es ist nicht immer leicht, mit Menschen befreundet zu sein, die gerade lernen,
sich selbst neu ernst zu nehmen. Mit jemandem, der plötzlich Grenzen setzt. Der absagt. Der sich zurückzieht.
Der nicht mehr alles mitmacht.
Aber jeder Mensch verdient es, geliebt zu werden – nicht in seiner angepassten Version, sondern in seiner echten.
Und echte Verbindungen halten auch Entwicklungsphasen aus. Mit Nachsicht. Auf beiden Seiten.
Gleichzeitig merke ich in letzter Zeit etwas, das mich selbst überrascht.
Ich stelle langsam fest, dass ich als Mensch gar nicht so unsympathisch bin. Dass Leute mich mögen. Dass sie sich für mich interessieren. Dass da neue, leichte Verbindungen entstehen können – ohne große Erwartungen, ohne Druck.
Und trotzdem vergesse ich manchmal, dass ich noch immer ich bin.
Mit meinen Eigenheiten. Mit meinen stillen Tagen. Mit dieser Seite in mir, die lange sehr allein war.
Es ist ein merkwürdiges, wunderschönes Hin und Her:
endlich gesehen zu werden – und mich selbst erst noch an diese Version von mir gewöhnen zu müssen.
Vielleicht besteht ein Teil meines Heilens gerade genau darin.
Nicht nur zu lernen, Grenzen zu setzen.
Sondern auch zu lernen, dass ich gemocht werden darf, ohne mich dafür zu verbiegen.
Und ganz ehrlich?
Nach jahrelangem People Pleasing fühlt sich das Aufhören damit oft einfach nur beschissen an.
Anders kann man es kaum sagen. Es fühlt sich falsch an. Unbequem. Anstrengend.
Aber im Vergleich zu dem, was vorher war – dem ständigen Übergehen meiner eigenen Bedürfnisse – ist das hier ein gutes, notwendiges Unwohlsein.
Vielleicht ist das gerade mein Luxus-Leiden.
Nicht mehr darum kämpfen zu müssen, gemocht zu werden.
Sondern lernen zu dürfen, mich selbst ernst zu nehmen.
Ich halte diesen Fortschritt fest. In Echtzeit. Unfertig. Unperfekt.
Wie ein kleines Forschungstagebuch über mich selbst.
Und vielleicht liest es jemand und erkennt sich ein bisschen wieder.
Vielleicht fühlt sich jemand weniger allein damit.
Oder vielleicht ist es einfach nur eine Erinnerung an mich:
Es ist besser, diesen unbequemen Weg jetzt zu gehen,
als für immer in einem Leben zu bleiben, in dem ich mich selbst vergesse.