Gedanken

Ich weiß wohin ich will — und trotzdem zieht es mich kurz zurück.

Ich schreibe, weil Veränderung manchmal im Stillen beginnt
und ich mir selbst dabei zuhören will, wie ich werde.
Nicht aus Verlust, sondern aus Reife.
Nicht, weil ich zerfalle — sondern weil ich mich neu zusammensetze.

Manche Gefühle tragen Schatten, manche Licht,
und oft weiß ich erst später, welches welches war.
Aber ich lerne, dass Wachstum beides braucht:
Zartheit und Klarheit, Mut und Zögern, Mondlicht und den Mut,
am nächsten Morgen aufzustehen.

Das hier ist kein Drama und kein Märchen.
Es ist ein Moment. Ein Zwischenraum, in dem alte Wunden atmen dürfen,
damit neue Haut Platz hat, zu entstehen.

Ich teile das nicht, weil ich mich verliere, sondern weil ich mich finde —
geduldig, schichtweise, mit dem Wissen, dass Heilung nicht laut sein muss, um echt zu sein.

Bevor du weiterliest: Ich breche hier nicht — ich bewege mich.
Ich lerne in Echtzeit, Veränderung ist manchmal laut und manchmal leise – aber immer ehrlich.

Das ist kein Drama, sondern Entwicklung.
Und ich nehme dich mit, in diesen Zwischenraum, wo Mut und Zweifel gleichzeitig atmen.

Ich hatte so eine Angst davor, mich darauf einzulassen.
Du warst wirklich einer von den Menschen, die ich am liebsten um mich hatte.
Es war so einfach und unkompliziert.
Ich habe dein Dasein einfach genossen und nie hinterfragt.

Und plötzlich fällt es mir schwer, dich überhaupt anzuschauen.
Im selben Raum zu sein, macht mich nervös und verwirrt,
und ich verstehe nicht, wieso.

Du kennst mich auf eine Weise, wie es nur sehr wenige tun.
Manchmal frage ich mich, ob es richtig war, mich so zu zeigen.
So, wie ich bin, wenn ich niemanden schützen will — auch nicht mich selbst.

Ich habe solche Angst davor, was passieren könnte.
So große Angst, dass ich es gar nicht erst versuchen will. Dass ich mich nicht darauf einlassen kann.
Beim letzten Mal hat es mich so gebrochen, dass ich ehrlich glaube,
ich würde es nicht noch einmal überstehen.

Ich bin wütend auf dich, weil du es aussprechen musstest. So wütend.
Warum konnten wir nicht einfach weitermachen wie davor?
Ich weiß nicht, ob du etwas zerstört hast oder nur eine Tür geöffnet hast, vor der wir beide längst standen,
blind für das, was dahinter wartete.

Ich hasse dich dafür – weil ich dich eigentlich gar nicht hasse.
Und weil du mir immer noch das Gefühl gibst, dass du wartest. Dass ich Zeit habe.

Wie kannst du immer noch warten? Worauf genau?
Und was, wenn es wieder nicht gut endet — was bleibt dann zurück?

Ich weiß, dass ich dir nicht das geben kann, was du dir für deine Zukunft wünschst.
Und vielleicht kannst du mir auch nicht dorthin folgen, wo ich mit mir weitergehe —
nicht ohne dich zu verbiegen und nicht ohne dich von dir selbst zu entfernen.
Und ich will dafür kein kurzes Glück eintauschen, keinen sanften Vorgeschmack auf etwas Schönes,
nur um später schwerer zu fallen, als wir am Anfang leicht waren.

Ich hasse mich dafür – ein bisschen mehr jedes Mal.

Ich kann einfach nicht abschließen mit uns. Mit dir.
Ich komme immer wieder zurück.
Und jedes Mal ärgere ich mich darüber, dass wir uns nicht einfach loslassen können.
Wie stur kann man sein, wie verbissen, wie naiv?

Wir wissen beide, wie sehr wir uns triggern können
und wie schnell alles aus dem Ruder laufen kann.
Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass du dir immer wieder Mühe gibst,
immer wieder weitermachst – und deswegen gebe ich auch nicht auf,
obwohl ich so gerne weglaufen würde.

Wir sind so verschieden in so vielem, in unserer Art, in unserer Welt.
Und trotzdem zieht es uns immer wieder zueinander.

Ich bin wütend, dass du mir Zeit gibst und mich warten lässt.
Dass von dir nichts kommt und ich mich fühle wie der Idiot,
der alte Wunden immer wieder aufreißt.

Ich hasse, wie gut du mir trotzdem getan hast.
Und gleichzeitig weiß ich, wie schwer es mit dir ist —
und wie schwer es manchmal auch mit mir ist.

Ich weiß nicht, ob es jemals einfach sein wird.
Ob wir jemals nicht arbeiten müssten.
Ob einem von uns irgendwann die Kraft ausgeht – und wem zuerst.

Ich hasse die Seiten, die du in mir hervorholst.
Dinge, die ich gut versteckt und weggesperrt habe.

Du stellst alles infrage, was ich von mir zeige und was ich mir seit Jahren selbst einrede.

Und trotzdem bist du geblieben. Wir beide sind geblieben.
Normalerweise bin ich am Ende alleine in solchen Geschichten.
Wir sprechen nicht mehr, und doch hält etwas in uns noch fest — leise, aber spürbar.

Ich weiß nicht, ob das ein kranker Witz ist, eine Prüfung oder eine verpasste Chance.
Ich weiß einfach nichts, wenn wir zwei zusammen sind.

Und das macht mir Angst.
Das macht mich wütend.

Es fühlt sich neu an und gleichzeitig vertraut –
wie ein Film, den ich schon gesehen habe, ein Buch, das ich schon gelesen habe.

Und ich kann nicht herausfinden, was das bedeutet.

Es ist, als würdest du mir die Augen schließen und ich fürchte mich vor der Dunkelheit –
und fühle mich trotzdem so gesehen wie selten im Leben.

Ich weiß nicht, ob wir füreinander richtig sind oder uns nur in unserer Vergangenheit spiegeln.
Ob uns etwas Toxisches anzieht und wir diesmal selbst entscheiden müssen,
ob wir den Weg erneut gehen oder endlich weitergehen.

Und am meisten hasse ich, dass ich mir immer wieder wünsche, dass es nicht so ist.
Dass nichts davon negativ ist und dass es diesmal gut wird.
Dass wir richtig sind.
Dass wir zueinander gehören.

Ich hasse die Ungewissheit.
Den Nebel in mir, der mich nichts klar sehen lässt.
Chaos in meinem Kopf und keine Ahnung, wie ich das wieder ordnen soll.

Ich fühle mich, als wäre ich genau das geworden, was mich einmal zerstört hat – eine rote Flagge.
Ich bin jetzt die Böse.

Ich hasse, dass ich dich vermutlich immer mit mir tragen werde. Dass es nie ganz vorbei sein wird.
Dass ich mich immer fragen werde,
was gewesen wäre, wenn wir es einfach versucht hätten.

Ich hasse es, weil ich Ruhe und Sicherheit suche –
und du der Sturm bist, der alles davon fortbläst.

Vielleicht muss ich gar nicht alles sofort verstehen oder abschließen.
Vielleicht geht es gerade darum, dass ich mich neu kennenlerne, dort, wo früher Mauern waren und jetzt ein vorsichtiges Flimmern von Mut entsteht.
Manche Gefühle bleiben in uns, nicht weil wir sie festhalten,
sondern weil sie uns verändern — leise, Schicht für Schicht,

Vielleicht darf Angst hier sein – nicht als Warnung, sondern als Einladung.
Ein leises Zittern vor dem Unbekannten, das nicht droht, sondern Neues öffnet.
Ich muss mich nicht dafür schämen, vorsichtig zu sein. Vorsicht bedeutet nicht Schwäche.
Manchmal bedeutet sie Liebe. Für das, was war. Und für das, was jetzt in mir wächst.

Ich trage das nicht als Last, sondern als Anfang.
Als Erinnerung daran, dass ich fühlen kann, tief und unbeholfen und echt.
Und während ich weiteratme, heilt etwas in mir, ohne Eile, ohne Druck —
ich lerne mich neu kennen an den Stellen, die lange leise waren.

Vielleicht ist das genug: weitergehen, ohne zu greifen, ohne wegzustoßen,
einfach Schritt für Schritt zurück in mich hinein.
Manche Geschichten müssen nicht abgeschlossen sein, um Frieden zu finden.
Manche Dinge in uns dürfen bleiben, bis sie weich werden,
bis sie keinen Schmerz mehr brauchen, um wahr zu sein.

Und wenn das Alte irgendwann leicht wird, werde ich wissen, dass das Zittern nie Angst war,
sondern der erste Atemzug von Freiheit.

Dort, wo Liebe hätte sein sollen

Blut verbindet Körper.
Doch Liebe verbindet Seelen.

Uns wird beigebracht, dass Familie ein Versprechen ist.
Dass Nähe selbstverständlich sei, und Zugehörigkeit eine Pflicht.
Dass Loyalität Pflicht sei, und Liebe vorausgesetzt werden darf,
nur weil man denselben Nachnamen trägt.

Doch nicht jede Bindung nährt uns.
Manche fesseln. Manche brechen. Manche machen leise kaputt.

Man darf gehen. Man darf wählen.
Familie ist nicht nur das, worin man geboren wurde —
sondern das, was sich wahr anfühlt.

Und es braucht Mut, diese Wahrheit zu sehen.
Mut, Grenzen zu ziehen, wo uns gesagt wurde, dass wir keine haben dürfen.

Viele Menschen bleiben in Beziehungen, die sie verletzen,
weil ihnen beigebracht wurde, dass man Familie nicht loslassen darf.

Dieser Text ist nicht gegen Familie.
Er ist für Wahrheit, für Selbstschutz und für den Mut, genauer hinzusehen.

Denn man darf gehen, wenn Zuhause kein Zuhause war.
Loslassen ist kein Verrat — manchmal ist es Heilung.

Seit ich auf dieser Welt bin, war ich dir ein Dorn im Auge.
Der letzte Tropfen, der alles zum Überlaufen brachte.
Der letzte Stein, der die Waage endgültig aus dem Gleichgewicht brachte.

Lange habe ich dieses schlechte Gewissen getragen.
Habe Schuld und Fehler bei mir gesucht – weil du das genauso getan hast.
Bis ich mich irgendwann fragte, warum ausgerechnet ich der Buhmann sein sollte.

Warum war ich nie jemand, dem du Raum geben konntest?

So wie es dein erster Instinkt war, gegen mich zu sein,
war meiner, zu dir zu schauen, wenn ich Hilfe brauchte.
Als kleines Kind wollte ich zu meiner großen Schwester laufen, wenn ich nicht mehr weiter wusste.

Doch früh merkte ich, dass ich mir damit nur den Kopf an einer Wand stieß.
Dass auf der anderen Seite kein Schutz wartete, sondern Eifersucht.
Vorwürfe und Schuldzuweisungen für Dinge, die lange vor mir existierten.

Ich war nur das Ventil für deine Unzufriedenheit –
mit dir selbst, mit deinem Leben.

Du, die Papa idealisiert hat.
Die seine Aufmerksamkeit wollte
und ihn schöner geredet hat, als er war.

Du wolltest den Vater, den andere hatten:
den Helden, den Retter, das Vorbild.
Den Mann, der zeigt, was Liebe bedeutet.

Alles, was er nie war.

Und ich?

Ich wollte nichts weiter als Ruhe vor ihm.
Ich wollte fliehen. Ich wollte niemals sein „Liebling“ sein –
denn ich wusste, was das bedeutete.

Seine Aufmerksamkeit war kein Geschenk, sondern ein Fluch.
Und ich hätte sie keinem von uns gewünscht.

Denn ich wusste, wer er wirklich war.
Und tief in dir drin wusstest du es auch.
Zumindest konntest du es ahnen. Die Zeichen standen immer vor deiner Nase.

Doch statt diese Wahrheit zu sehen, hast du dich auf deine Eifersucht mir gegenüber konzentriert.
Du hast in mir alles gesehen, was dir angeblich fehlte – auch wenn es nur Bilder in deinem Kopf waren.

So hast du unseren Untergang von Anfang an manifestiert.
Als Schwestern hatten wir so nie eine Chance.

Dein Neid, deine Missgunst, dein Schmerz –
ich habe sie gespürt, ohne sie zu verstehen.
Vielleicht hast selbst du sie nie wirklich verstanden.

Unsere Geschichte ist eine Tragödie.
Das Schicksal zweier Schwestern, die nie auf derselben Seite standen.

Für dich war ich nie die kleine Schwester, sondern ein Feindbild.
Ein Sammelbecken für unerfüllte Erwartungen, ein Ventil für Wut.

Glaubst du, ich habe deinen Brief vergessen?
Den Moment, in dem du endlich ausgesprochen hast,
was ich all die Jahre fühlen musste?

Ich frage mich, ob du inzwischen erkennst, dass du die größte Mauer zwischen uns warst.
Dass du mich – wenn du ehrlich bist – nie wirklich kanntest.

Vielleicht wusstest du das immer, und gerade das frustrierte dich.
Denn tief in dir weißt du, dass das Bild, das du von mir hattest, nie wirklich echt war oder ehrlich.
Doch würdest du das zugeben, würdest du den letzten Funken Kontrolle verlieren.
Dein vermeintlicher Vorteil: dein „Wissen“.
Auch wenn es nur eine Lüge war, die du dir selbst erzählt hast.

Und trotzdem kann ich dich nicht hassen.

Wut passt nicht mehr in mich, wenn es um dich geht. Das hat es ehrlich gesagt nie so wirklich.
Stattdessen bist du kleiner geworden. Weniger einschüchternd.

Deine Seitenhiebe – verpackt in Ironie und Distanz –
trafen irgendwann nicht mehr.

Doch damit ging auch meine Liebe zu dir verloren.
Stück für Stück wurdest du fremd.

Bis du dich selbst aus meinem Herzen geschnitten hast – und ich dich losließ.

Ohne Groll.
Sogar mit guten Gedanken für dich – für deinen Weg, deinen Weckruf.

Manchmal denke ich, vielleicht hattest du einfach Angst.
EHrlich gesagt weiß ich auch, dass es so war.

Hätte es nur einen Schritt von dir gegeben – ohne Schild, ohne Schwert – wir hätten so viel heilen können.

Vielleicht treffen wir uns in einem anderen Leben neu.
Mit offenen Armen. Ohne diesen Krieg.

Bis dahin lege ich Steine ab.
Keine Mauern – sondern ein Friedhof.
Für all das, was uns hätte verbinden sollen.
Für all die Gefühle, die wir einander nie zeigen konnten.

Für die Geschwisterliebe, die nie eine Chance hatte.

Und ich bringe Blumen dorthin – für die leeren Versprechen und die unausgesprochenen Worte.

Vielleicht findest du diesen Ort eines Tages
und findest dort Frieden.

Ich wünsche dir, dass du dich irgendwann demaskierst.
Dass du erkennst, wie tief das Loch wirklich ist.
Und dass du den Mut findest, dich da wieder herauszuziehen.

Ohne Ausreden, ohne Rechtfertigungen.

Ein neuer Anfang. Endlich heil werden. Endlich dich selbst lieben lernen.

Wir hatten zwei völlig verschiedene Kindheiten –
als wären wir in unterschiedlichen Welten groß geworden.
Du sahst nur, was dir fehlte.
Ich suchte nur den Ausweg.
Du wolltest, was du glaubtest, dass ich hatte.
Ich wollte einfach nur Ruhe.

Ich wünsche dir Klarheit und Selbstreflexion.
Spiegel, denen du nicht ausweichen kannst.

Denn jeder schläft in dem Bett, das er selbst gemacht hat.
Und deine Geister bleiben, bis du ihnen in die Augen schaust.
Sie wollen nur gesehen werden.

Zum Schluss möchte ich dir sagen:
Du darfst mich weiter hassen. Wenn das ist, was dich schlafen lässt.
Ich nehme dir das nicht übel. Aber reagiere auch nicht mehr.

Ich habe keinen Platz mehr für toxische Muster, Manipulation, Schuldspiele.

Für mich bist du heute wie eine Fremde, die einmal kurz mein Dach geteilt hat.
Wir haben nie zueinander gefunden –
und das ist okay.

Vielleicht denke ich manchmal daran, wie wir hätten sein können, wären wir auf derselben Seite gewesen.
Aber selbst ohne all das Trauma wären wir wohl zu verschieden gewesen.

Du hast keinen Platz mehr in meinem Leben, und das meine ich nicht böse.
Im Gegenteil – vielleicht befreit dich das.

Blut ist nicht immer dicker als Wasser.
Familie ist nicht immer Liebe.
Und wir zwei sind der Beweis.
Vielleicht im nächsten Leben.

Oder auch nicht.

Und irgendwann wurde mein Körper wieder Heimat

Vom Hungern, vom Lernen, vom Heilen.

🌱 Triggerhinweis:
In diesem Text geht es um Essstörungen, Körperbild, familiäre Themen und mentale Gesundheit.
Lies bitte achtsam – nur so, wie es sich für dich gut anfühlt.
Wenn du merkst, dass etwas in dir anklopft: atme, pausiere, komm später zurück.
Du bist wichtiger als jeder Text.

Da ich mir inzwischen mein zweites Standbein immer stabiler aufbaue und mich auf diesem Weg immer wohler und sicherer fühle, möchte ich heute zurück an den Ursprung gehen. Denn bevor ich erzählen kann, wie ich hierher gekommen bin, muss ich erzählen, wo alles begann.
Das hier ist meine Geschichte. Meine Reise mit Essstörungen – und mit mir selbst.

Ich möchte die transparenteste und authentischste Version von mir zeigen. Nicht, weil es leicht ist, darüber zu sprechen, sondern weil es ehrlich ist. Und weil es wichtig ist, zu verstehen, warum ich heute tue, was ich tue und warum ich meine Arbeit so gestalte, wie ich sie gestalte. Ernährung war immer ein Thema in meinem Leben, ohne dass ich es wirklich bewusst wahrgenommen hätte. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich einmal beruflich damit zu tun haben würde – aber rückblickend ergibt es fast erschreckend viel Sinn.

Meine Beziehung zum Essen war nie einfach und nie geradlinig. Sie hatte keine klaren Startpunkte, eher Schatten, die sich langsam in mein Leben webten. Als Kind war ich „hacklig“, wie man bei uns sagt – vorsichtig mit Neuem, skeptisch gegenüber unbekannten Lebensmitteln. Zum Glück war meine Mutter jemand, der mich nie zwang, den Teller zu leeren oder etwas zu essen, das ich nicht wollte. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Denn intuitives Essen beginnt dort, wo Druck endet. Und zumindest am Anfang gab es diese Freiheit.

Zu Hause gab es wenig gemeinsame Mahlzeiten am Tisch. Alltag, Stress, jeder für sich. Niemand kontrollierte, ob oder was ich aß. Ich hätte mich theoretisch von Süßigkeiten ernähren können und es wäre niemandem aufgefallen. Und doch aß ich damals „normal“, soweit man das sagen kann, wenn Normalität bei jedem anders aussieht.

Der erste Moment, der sich tief eingebrannt hat, sitzt allerdings am Küchentisch in unserem alten Haus. Und nein – es ging nicht um Essen an sich, sondern um einen Blick. Mein Vater ist Alkoholiker. Ich erinnere mich daran, beim Frühstück zu sitzen und von seinen leeren, kalten Augen fixiert zu werden. Ein Blick, der mich gleichzeitig erstarren ließ und verschluckte. Ein Gefühl von Bedrohung, das ich damals nicht verstand, aber das sich still in mir festsetzte.
Damals wusste ich nicht, was genau ich in diesem Blick sah – nur, dass dahinter etwas Dunkles lauerte. Etwas, das spürte, dass in mir etwas war, das Licht trug. Und manchmal glaube ich, es war genau dieses Licht, das dieser Blick ersticken wollte. Aber diese Geschichte ruht noch – und bekommt ihren Raum an einem anderen Tag.

Meine Mutter arbeitete viel, ich war viel allein, Essen verschwand aus meinem Alltag. Ich spürte keinen Hunger mehr. Vorkochtes Essen landete im Müll. Und theoretisch hätte sich das irgendwann in emotionales Essen verwandeln können, aber das tat es nicht. Ein Grund dafür war meine Schwester. Ihre Kommentare über Körper, „Problemzonen“ und „Schwabbeln“ begleiteten mich täglich. Heute weiß ich, dass das viel über ihre eigene Unsicherheit sagte und wenig über mich. Ich habe ihr verziehen, aber geprägt hat es mich trotzdem.
Worte können zu inneren Spiegeln werden – und manchmal halten sie ein Bild fest, das nie wirklich existiert hat. Bis heute gibt es Tage, an denen ich im Spiegel nicht meinen Körper sehe, sondern den, den sie damals kritisierte. Zu breite Oberschenkel, selbst wenn sie schmal sind. Ein verzerrtes Echo, das sich leise hält, aber bleibt. Bodydysmorphia hat ihre Wurzeln dort geschlagen – tief, still, und hartnäckig.

Ich wollte essen, aber ich hatte Schuldgefühle. Ich wollte zunehmen, aber ich hatte Angst. Und so rutschte ich in den nächsten Abschnitt: Binge-Episoden, Schuld, Erbrechen. Mahlzeit für Mahlzeit. Finger im Hals. Ein Wechsel aus Hunger, Scham und Verzweiflung. Bis zu jener Klassenfahrt, an der ich auf der Toilette ertappt wurde. Bis Gelächter und abfällige Worte durch die Tür drangen. „Wie ekelhaft.“ „Was für ein Freak.“ Nicht ein einziger Mensch sah, dass ich Hilfe brauchte.

Dann kamen Social Media, Idealbilder, vermeintliche Gesundheits-Trends, „Eat clean“, „Balance“, aber nur unter Bedingungen. Ein krankes System, verkleidet als Lifestyle. Und irgendwann kam jemand in mein Leben, der zunächst Freiheit brachte: Genuss, neue Lebensmittel, ein Gefühl von Normalität. Dann kamen Alkohol und Drogen dazu. Und irgendwann fühlte ich nichts mehr – nicht einmal Hunger.

Vier Jahre später war ich ausgebrannt. Leerer als leer. 40 Kilo. Gürtelrose, Entzündungen, Schmerztabletten. Mein Körper schrie. Und zum ersten Mal hörte ich hin. Plötzlich war ich allein. Keine Freunde mehr, kein Halt – nur meine Mutter und ich. Der Wendepunkt.

Ich musste essen neu lernen. Kochen neu lernen. Leben neu lernen.
Und zum ersten Mal hatte ich nicht nur mich. Ich hatte ein kleines, ehrliches Team hinter mir. Meine Mama – die ich jahrelang weggestoßen hatte, und deren Liebe ich erst viel später wieder annehmen konnte. Bis heute tut es weh, wie lange ich sie im Stich gelassen habe.
Und dann kam Luke. Mein Seelenhund. Kein Plan, kein Zufall – sondern ein Wesen, das in genau diesem Moment zu mir fand und seitdem ohne Bedingung, ohne Urteil, einfach da ist. Wer je von einem Tier gerettet wurde, weiß, was ich meine.
Irgendwann, nach Monaten der Isolation, trat auch wieder ein Mensch in mein Leben. Vorsichtig, geduldig. Eine Freundin, die mich zurück ins soziale Leben holte und mir zeigte, dass man Menschen wieder vertrauen kann. Dass Verbindung wieder möglich ist. Dass ich nicht für immer allein sein würde.

Heute akzeptiere ich meinen Körper als mein Zuhause.
Nicht, weil alles perfekt ist – sondern weil er mich durch alles getragen hat.
Ich werde nie wieder versuchen, ihn umzubauen oder zu verlassen, nur um anderen zu gefallen.
Aber Akzeptanz heißt nicht, dass es keine Schatten mehr gibt. Essstörungen verschwinden nicht einfach. Sie verändern Form, sie werden leiser – manchmal flüstern sie. Es gibt Tage, an denen Essen schwer ist, Tage, an denen ich meine Sättigung nicht spüre, Tage, an denen der Spiegel mich an alte Versionen von mir erinnert.
Und genau deshalb gehe ich diesen Weg. Genau deshalb begleite ich Menschen heute in ihrer Beziehung zu Essen und Körper. Nicht von einem perfekten Podest aus – sondern von Mensch zu Mensch. Verletzlich, unperfekt, ohne Urteil. Mit Licht. Mit Geduld. Mit Liebe.
Denn das Ziel ist nicht Perfektion.
Das Ziel ist Frieden.
Das Ziel ist Zuhause-sein im eigenen Körper – auch an den Tagen, an denen es schwer ist.
Wir alle verdienen das.
Und wir alle verdienen es, satt zu sein.
Im Körper. Im Herzen. Im Leben.

Manchmal fühlt sich der eigene Körper an wie ein Ort, an dem man erst wieder ankommen lernen muss.
Wenn du das kennst — dieses leise Ringen, dieses Suchen — dann nur als Erinnerung:
Du musst nicht heute alles verstehen.
Du musst nicht fertig sein, um auf dem richtigen Weg zu sein.

Heilung ist oft kein großer Moment, sondern viele kleine.
Und jeder einzelne zählt.

🌿 Du bist hier – und das ist genug.

Für den Fall, dass wir uns wiederfinden

Manche Menschen beendet man nicht wirklich.
Nicht, weil man festhält, sondern weil etwas an ihnen zu wahr war, um einfach zu verschwinden.
Es gibt Verbindungen, die nicht enden — sie werden nur leiser, treten ein Stück zurück, warten irgendwo im Hintergrund, als würden sie darauf vertrauen, dass man eines Tages wieder hinsieht.

Ich habe nie verstanden, wie man so leicht mit Menschen abschließen kann.
Vielleicht bin ich dafür zu tief, zu verbunden mit dem, was einmal echt war.
Manchmal geht man weiter, weil das Leben nach vorne zieht und man selbst so tut, als sei alles gut.
Und doch bleibt da immer ein Teil, still und leise, der einfach sitzen bleibt.
Bereit, falls das Leben irgendwann flüstert: Vielleicht doch. Vielleicht jetzt.

Für immer dieser Was-wäre-wenn-Mensch in meinem Leben —
ein Fragezeichen, das sich weigert zu verblassen.
Eine Ballade über zwei Seelen,
die immer mehr waren als nur Freunde
und trotzdem nie ganz wussten, wohin mit diesem „Mehr“.

Ich weiß inzwischen, dass ich diese Gefühle für dich immer mit mir tragen werde.
Nicht laut, nicht täglich — eher wie ein Echo, das ab und zu aufleuchtet,
mal flüsternd, mal dröhnend,
nie ganz weg, nie ganz in Frieden.

Zwischen Wut, Sehnsucht, Verwirrung und dieser seltsamen Form von Zuhause
haben wir uns verloren.
Und seit du nicht mehr da bist, ist zwischen uns Stille —
und in mir ein Lärm aus Erinnerungen,
der manchmal sanft rauscht
und manchmal tosend brennt.

Von Fremden zu Freunden, zu besten Freunden
und irgendwie immer ein bisschen mehr —
nur um am Ende wieder Fremde zu werden.
Seltsam, wie jemand, der einmal ein Zuhause war,
plötzlich wieder eine Tür ist, durch die man nicht mehr tritt.

Manchmal frage ich mich, ob wir jemals eine echte Chance hatten,
oder ob wir zwei Seelen waren,
die dazu bestimmt sind, sich zu finden —
und sich trotzdem jedes Mal zu verlieren.
Nicht, weil wir schwach waren.
Sondern weil wir zu viel waren.
Zu intensiv, zu ehrlich, zu unverblümt, zu uns.

Feuer und Luft.
Schön, wild, gefährlich.
Zu leicht ein Sturm, zu schnell ein Brand.
Ein Gleichgewicht, das nie wirklich stand,
und trotzdem sind wir immer wieder hineingelaufen,
als müssten wir sehen, wie hell wir leuchten,
bevor wir wieder verglühen.

Ich konnte lange nicht einordnen, was du für mich warst.
Alles war Nebel, alles zu nah und zu viel.
Meine Naivität kollidierte mit deiner Sturheit,
dein Temperament traf meine Angst vor Lautstärke.
Du mit deinem Kopf.
Ich mit meinem Bauchgefühl.
Zwei Systeme, die sich nicht verstehen konnten —
und sich trotzdem magnetisch fanden.

Und manchmal glaube ich,
wir haben uns nicht zum ersten Mal begegnet.
Als hätten wir schon Leben geteilt,
Rollen getauscht,
uns verloren und wiedergefunden
über Zeiträume hinweg, die wir nicht erinnern können,
aber fühlen.

Vielleicht waren wir einmal alles füreinander,
und genau deshalb sind wir jetzt Möglichkeit statt Gewissheit.
Verbunden, verflucht, nicht fertig —
niemals ganz vorbei,
nur nie zur richtigen Zeit.

Ob wir uns in diesem Leben noch einmal finden sollen?
Ich weiß es nicht.
Mein Kopf sagt nein.
Mein Herz schweigt —
und genau darin liegt die Wahrheit.

Es gibt Tage, da vermisse ich dich so sehr,
dass die Luft stockt.
Und es gibt Tage, an denen bist du leises Hintergrundrauschen,
kaum spürbar,
aber nie ganz verschwunden.

Die Liste der Dinge, die ich dir noch sagen wollte, ist lang.
Und trotzdem fehlen mir manchmal die Worte,
als hätte ich Angst, etwas zu wecken,
das ich gerade erst schlafen gelegt habe.

In unserer Geschichte bleibt ein Lesezeichen.
Nicht, um zurückzukehren —
sondern weil manche Kapitel nachhallen,
selbst wenn die Seiten längst umgeblättert sind.

Ich schreibe das nicht, um festzuhalten,
und auch nicht, weil ich nicht loslassen kann.
Ich schreibe, weil manche Geschichten nicht einfach verschwinden,
nur weil man aufhört, sie laut zu erzählen.
Manche Verbindungen ruhen — sie sterben nicht.
Sie schlummern irgendwo zwischen Erinnerung und Möglichkeit,
leise, warm, wie eine Flamme, die kleiner geworden ist,
aber immer noch brennt.

Vielleicht war das unser Ende.
Vielleicht nur eine Pause.
Ich weiß es nicht,
und vielleicht muss ich es auch gerade nicht wissen.
Ich gehe weiter, so gut ich kann,
lasse die Zeit machen, was Zeit nun einmal macht.

Aber irgendwo in mir bleibt ein Platz —
nicht klammernd, nicht festhaltend,
nur offen.
Für den Fall, dass wir uns irgendwann wieder begegnen.

Und bis dahin
trägt mein Herz uns still ein Stück weiter.

🐾Ein Brief ans Leben (und an meinen Seelenhund)

Zwischen Pfoten und Herzschlägen – was Luke mich über Liebe gelehrt hat.
Ein Text über Mut, Verlustangst, Vertrauen –
und die unerschütterliche Liebe, die bleibt, wenn alles andere vergeht.

Ich sag immer, wie gern ich allein bin, wie sehr ich das genieße und dass es mir nichts ausmacht.
Doch dann sitz ich am Abend auf meinem Wohnzimmerboden, sehe Luke vor mir – und plötzlich trifft es mich mit voller Wucht.

Worüber ich nie spreche, wovor ich mich fast drücke, weil ich glaube, dieses Kapitel einfach überspringen zu können – als käme es niemals:
Eine meiner allergrößten Ängste ist es, nach Hause zu kommen und Luke ist nicht mehr da.
Ist es dann überhaupt noch Zuhause?
Wie könnte es das sein – ohne ihn?

Es fühlt sich so unfassbar unrealistisch und unfair an, mein Leben ohne ihn weiterleben zu müssen.
Manchmal spüre ich, wie mein Herz jetzt schon Tag für Tag ein kleines Stück bricht.

Und trotzdem – ich würde diesen Schmerz, dieses Vermissen, wieder und wieder auf mich nehmen,
wenn es bedeutet, ihn noch einmal an meiner Seite zu haben.
Ein Leben lang vermissen – für ein Leben voller Liebe mit ihm.

Ich glaube, für viele ist so eine Verbindung nicht greifbar.
Solche Emotionen können manche gar nicht nachvollziehen –
wie schade das ist.
Was für ein stiller Verlust, niemals so tief zu fühlen.
Nie zu begreifen, was es heißt, wenn Liebe keine Worte braucht,
weil sie einfach ist.
Sie schenkt mir jeden Tag, egal wie lang oder schwer er ist, aufs Neue den Mut, weiterzumachen –
zu leben.

Kein Haustier.
Nicht nur ein Familienmitglied oder bester Freund.
Sondern ein Teil von mir,
ein Stück meines Herzens, das ich immer mit mir trage – egal was passiert.

Und trotzdem erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken:
Mach ich eigentlich genug?
Bin ich gut genug für so ein treues, reines Wesen?
Schenke ich ihm auch nur annähernd genug Liebe, um ihm zu danken –
danken dafür, dass er in mein Leben gefunden hat und mich seitdem nie mehr allein lässt.

Nie wirklich allein zu sein.
Immer einen Fels in der Brandung zu haben.
Jemanden, der mich seit Tag eins genauso nimmt und akzeptiert, wie ich bin –
der mich nicht ändern würde, sondern mich inspiriert, besser zu werden,
mehr zu sein als einfach nur lebendig.

Ich bin ja immer schon mit Hunden aufgewachsen –
diese wunderbaren Beschützer waren immer um mich.
Aber du, Luke… du bist alles – und so viel mehr als ich je kannte.
Mein erster eigener Hund,
und mein größter Herzschmerz des Lebens.

Ich habe mein Leben lang nach einem einzigen wahren Freund gesucht,
nach einer Seele, die bleibt – und dann kamst du.
Mein Therapiehund ohne Ausbildung,
weil du mich vom ersten Tag an gespürt und verstanden hast –
ohne zu verurteilen.

Mein sensibler, feinfühliger Weggefährte,
stark wie ein Sturm und sanft wie der Wind.
Der soziale Schmetterling von uns beiden –
denn mit dir hörte meine toxische Selbstisolation auf.
Kein Verstecken mehr. Kein Rückzug in die Stille.

Du bist mein Lernprozess in so vielen Farben und Formen.
Wir sind miteinander gewachsen – und das hat uns stärker gemacht.
Alles, was ich noch nicht war, hast du aus mir hervorgeholt.
Du hast mich wieder erinnert,
wie schön es ist, aufzufallen, anders zu sein –
einfach der Nase nach durchs Leben zu tanzen,
die Luft zu atmen, die Augen zu öffnen und zu sehen,
wie unfassbar schön das Leben eigentlich ist.

Und obwohl die Angst, irgendwann wirklich allein zu sein, tief in mir sitzt,
ist das schlechte Gewissen im Voraus schon zu groß,
auch nur daran zu denken, unsere Familie zu erweitern.
So sehr ich mir wünsche, noch eine wunderbare Seele in unseren Kreis zu holen –
nicht, um zu ersetzen,
sondern um zu lieben –
so schwer fällt mir allein der Gedanke.
Weil ich niemals möchte, dass Luke sich ausgetauscht fühlt,
als würde ein Platz in meinem Herzen neu besetzt,
der doch längst vergeben ist.

Denn wenn ich könnte, würden wir überall gemeinsam hingehen.
Ich bin nur ich – mit ihm gemeinsam.
Und jeder, der mich kennt, kennt auch ihn.

Und egal, wie groß die Angst ist und wie untragbar der Schmerz –
ich würde mich immer wieder für dich entscheiden.
Ich würde dich immer wieder finden.
Mein Leben mit dir teilen –
auch wenn ich dich am Ende ein Leben lang vermissen muss.

Aber noch ist das keine Trauerrede.
Noch lange nicht.

Unser Weg gemeinsam ist gerade erst ins Rollen gekommen –
wir sind mittendrin in unserem Abenteuer.
Auf ganz viele weitere Tage, Monate und Jahre zusammen.
Auf das, was noch kommt, und was uns noch erwartet.
Auf neue Jahreszeiten, auf leuchtende Erinnerungen,
auf bedingungslose Liebe und unzählige Kuscheleinheiten.

Danke dir – für das, was war,
für das, was ist,
und für alles, was noch kommen wird.

Lass uns nie aufhören,
gemeinsam auch die kleinsten Kleinigkeiten groß zu machen –
und zu feiern.

Ich wünsche jedem so einen Seelenhund.
Wie viel schöner die Welt doch wäre,
und wie viel glücklicher die Menschen,
wenn wir alle so lieben würden. 🐾

Ein Brief, der zu spät kam – und doch genau richtig.

In Erinnerung an euch

Neulich habe ich gesagt, wie gut ich mich heute wohl mit euch beiden verstehen würde.
Und dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen.

Denn irgendwie hatte ich nie die Chance, wirklich Enkelin zu sein – zumindest nicht so, wie man sich das vorstellt. Oder wie ich es von anderen erzählt bekomme.

Die kurze Zeit, die ich mit euch verbringen durfte, habe ich erst viel später wirklich zu schätzen gelernt.
Heute frage ich mich oft, was ihr eigentlich von mir dachtet. Habt ihr mich gemocht?
Ich mochte euch jedenfalls sehr – und denke oft an euch zurück.

An Omas komplett versalzene, fettige Sonntagsnudelsuppe, die sie selbst nie aß.
An den Menthol-Kaugummi, der mich bis heute an Opa erinnert.
An seine alte, halb kaputte Tasse, die er überallhin mitnahm – als gehörte sie einfach zu ihm.

Ich denke daran, wie Opa mir Schach beibrachte.
Wie er mich nie gewinnen ließ – aber so tat, als wäre es knapp.
Das Schachbrett lag immer am selben Ort. Ein Ort, den ich allein gar nicht erreichen konnte.

Oder an die Nachmittage mit Oma, wenn wir zeichneten.
Ihre feinen Skizzen, die sie beiseiteschob, um meine immer gleiche Zeichnung mit dem kleinen Haus und der Sonne in der Ecke zu loben, während ich heimlich ihre Zeichnung bewunderte.

Wir haben nie viel miteinander geredet – vielleicht, weil Worte zwischen uns gar nicht nötig waren.
Ihr habt mich immer schon mehr als Erwachsene gesehen, anstatt als Kind.
Und ich sah euch als kleine Ruhepause im ersten Stock des gebrochenen Hauses – einen Ort, an den ich fliehen konnte, wenn unten alles zu laut war.

Taten haben zwischen uns immer lauter gesprochen als Worte.
Und im Nachhinein bin ich dankbar für genau das.
Ich wusste schon damals, dass ihr genau wusstet, was unten im Erdgeschoss geschah – und dass ihr nichts dagegen tun konntet.

Trotzdem war ich euch nie böse.
Nicht damals, und auch heute nicht.
Wir waren alle auf unsere Weise gefangen in diesem Haus – einem Ort, an dem keiner von uns wirklich sein wollte.
Vielleicht war es genau das, was uns verbunden hat.

Noch ein Grund, warum ich niemals bereuen könnte, genau diesen Mann als Vater zu haben:
Mit ihm kamt auch ihr – meine Großeltern, die mich in so kurzer Zeit so tief geprägt haben.

Ich habe mich nie richtig von euch verabschiedet.
Nie wirklich getrauert oder geweint.
Einen Tag wart ihr noch da – und plötzlich nicht mehr.
Ich wusste immer: Wenn einer von euch geht, dauert es nicht lange, bis der andere folgt.

Als ihr beide weg wart, war das ein stiller Weckruf.
Ein Zeichen, dass es auch für mich Zeit war zu gehen –
weg von dem Haus, von dem Mann, von all dem, was mich festhielt.
Ich zog meine Schuhe an und ging los – Richtung Leben. Richtung Freiheit.

Früher hatte ich Schuldgefühle, weil ich so schnell „abgeschlossen“ hatte.
Aber heute weiß ich, dass dieser stille Abschied lauter war, als ich es damals verstand.

Heute denke ich gerne an euch.
Ich schaue oft zum Himmel und rede, als würdet ihr mir gegenübersitzen – und erzähle euch von meinen neuesten Ideen, Hobbys, kleinen Erfolgen.

Wenn ich meine Suppe mal versalze, muss ich lächeln – weil ich Oma in solchen Momenten spüre.
Beim Holzschnitzen oder Basteln sehe ich Opa über meine Schulter schauen.

Wenn ich heute mit euch einen Kaffee trinken könnte, würde ich einfach die gemeinsame Zeit genießen.
Ohne große Worte.
Ich würde meine Zeichnungen mitbringen, die von Omas Liebe zum Detail inspiriert sind, und mein eigenes Schachbrett, das ich ohne Opa nie gefunden hätte.

Ich würde euch sagen, dass ich jetzt wirklich glücklich bin.
Dass ich Frieden gefunden habe.
Dass ich meine „Ausruh-Phasen“ heute bei mir selbst finde – und dass Mama und ich es endlich rausgeschafft haben.

Ich kann mich nicht erinnern, Opa jemals umarmt zu haben.
Also würde ich das nachholen, bevor ihr wieder gehen müsstet.
Und ich würde fragen, ob ihr unsere Hunde wiedergefunden habt – und ob ihr sie bitte einmal für mich drücken könnt.

Und wenn ich irgendwann wieder hoffnungslos verzweifle, schaue ich nach oben – mit dem Wissen, dass ihr immer da seid.
Egal, wo ich gerade bin.

Ihr habt mir beigebracht, wie schnell Momente vergehen – und wie wertvoll sie sind.

Oma, Opa – ihr hättet die erwachsene Ines gemocht.
Und genau das macht mich stolz.

Danke, dass ich eure Enkelin sein durfte.
Danke, dass ich bei euch einfach ich sein konnte.
Auch wenn unsere gemeinsame Zeit kurz war – ich trage euch für immer in mir.

🌗 Über Nähe, Narzissmus und das stille Wiederfinden zu sich selbst

Manchmal begegnen wir Menschen, die uns lieben, wie sie sich selbst lieben – bedingt, brüchig und gerade so überzeugend, dass wir es eine Zeit lang glauben.
Narzissmus zeigt sich nicht immer laut. Oft trägt er das Gesicht von Nähe, Verständnis oder Freundschaft – bis man merkt, dass Liebe zur Bühne geworden ist und Selbstreflexion den Vorhang scheut.

Dieser Text ist kein Vorwurf.
Er ist eine Erinnerung.
An das, was passiert, wenn wir lernen, Grenzen zu setzen –
und erkennen, dass Aufrichtigkeit manchmal leiser klingt als Entschuldigung.

Es gibt Menschen, die schaffen es, mit einem Lächeln zu blenden.
Die gleichzeitig Bewunderung und Zweifel in dir auslösen – weil du spürst, da stimmt etwas nicht zwischen Gefühl und Fassade.
Ob es die Mean-Girl-Rolle ist, aus der du nicht herausfindest, oder die Unsicherheit, die du so gekonnt tarnst –
am Ende dreht sich alles um Kontrolle.
Um Ausreden, Rechtfertigungen, den ständigen Versuch, die Schuld umzuleiten.
Um kleine Lügen, die du „Ausrutscher“ nennst – Ablenkungen von einer Wahrheit, die du selbst nicht sehen willst.

Du stellst dich immer dorthin, wo es gerade warm ist,
vergisst aber nie, rechtzeitig in die Opferrolle zu schlüpfen,
wenn das Licht zu grell wird.
Deine Gefühle kommen immer zuerst – das hast du uns beigebracht.
Sie müssen automatisch Priorität haben,
und wenn jemand das einmal nicht tut,
drehst du die Realität, bis sie dir wieder passt.

Selbstreflexion? Fehlanzeige.
Je mehr du den schönen Schein aufrechterhältst,
desto sichtbarer wird der Riss darunter.
Man könnte meinen, du wärst ein Mitläufer –
doch vielleicht liegt genau da das Problem:
Wer bist du, wenn keiner mehr vorgibt, wer du sein sollst?
Vielleicht ist es Zeit, die Masken endlich gegen Spiegel zu tauschen.

Wir alle tragen unsere Geschichten,
unsere eigenen Koffer voller Erfahrungen, Fehler und Wunden.
Niemand wird hier mit Samthandschuhen durchs Leben getragen.
Aber irgendwann muss man den Besen in die Hand nehmen
und vor der eigenen Haustür kehren.
Fehler gehören dazu – nur wer sie immer neu formt,
um selbst am besten dazustehen, bleibt im Kreis gefangen.

Ich bin fertig damit, auf Eierschalen zu tanzen,
nur um es anderen schön zu machen.
Jeder hat seine Zeit, Dinge zu lernen –
doch das heißt nicht, dass andere ewig auf dich warten müssen,
bis du endlich bereit bist, hinzusehen.

Mein Gewissen ist rein.
Ich brauche keine Lügen, keine Inszenierung,
um glücklich zu sein.
Ich habe viele Menschen wie dich getroffen –
und vielleicht werde ich es wieder tun.
Aber ich spiele dieses Spiel nicht mehr mit:
dieses subtile Schuldigsprechen,
das Ausnutzen von Gutgläubigkeit,
das ewige Mitleidstheater im letzten Akt.

Ich wünsche mir Menschen,
die zu ihren Fehlern stehen,
die sich trauen, ehrlich zu sein –
auch wenn es unbequem ist.
Kein „Ich muss aufpassen, wie ich das sage,
sonst nimmst du es persönlich“.
Nein danke.
Ich will Echtheit, keine Diplomatie im Namen des Narzissmus.

Den Teil von mir, den du mitgenommen hast,
darfst du behalten –
vielleicht brauchst du ihn eines Tages,
wenn du beginnst, dich selbst zu suchen.
Ich kann auch ohne ihn leuchten.

Ich trage keinen Groll in mir,
nur Erkenntnis.
Denn ich habe für dich gekämpft,
dich verteidigt – vor anderen und vor mir selbst.
Ich habe dir Chancen gegeben,
Verständnis, Zeit, Liebe.
Und im Rückblick durfte ich sehen,
wie tief ich lieben kann –
und wie blind mich das manchmal macht.

Doch Liebe ohne Grenzen ist keine Stärke.
Das Leben braucht Konsequenzen,
nicht endlose Chancen –
sonst lernt niemand.

Du hast den Zugang zu mir verloren,
und das hast du ganz allein geschafft.
Für mich ist dieses Kapitel abgeschlossen.
Nicht mit Wut, sondern mit Frieden.

Danke, dass du mich daran erinnert hast,
was ich in meinem Leben nicht mehr dulden möchte.
Danke, dass du mich geprüft hast –
ob ich wirklich zu mir stehe,
zu meinem Respekt,
zu meiner Liebe zu mir selbst.
Ich tue es.

Ich schließe dieses Kapitel mit Liebe.
Nur weil du mich als Freund verloren hast,
hast du mich nicht als Feind gewonnen.
Und vielleicht ist das mein letzter Herzensakt für dich:
zu zeigen, dass Abschiede nicht laut sein müssen.
Manchmal reicht es, das Pflaster still abzuziehen,
weiterzugehen –
mit einem reinen Gewissen und einem offenen Herzen.

Falls dich dieser Text berührt oder beunruhigt,
frag nicht, ob er über dich ist.
Frag dich lieber, was in dir klingt, wenn du ihn liest –
und ob es vielleicht dein eigenes Echo ist, das du hörst.

🪶Ich schreibe weiter, wo das Kind aufgehört hat

Normalerweise ist es ja so – zumindest laut dem gesellschaftlichen Klischee –, dass das älteste Kind immer am meisten übersehen wird. Auf sie wird am wenigsten geachtet, weil sie ja die Ältesten sind. Die Aufmerksamkeit fällt meistens auf die jüngeren Geschwister: Sie haben mehr Freiheiten und bekommen oft auch mehr Liebe und Zuneigung.
Normalerweise eben.

Und dann gibt es die Jüngsten, die eigentlich die Ältesten sein sollten – zumindest, wenn man nach den gesellschaftlichen Prinzipien geht. Die Jüngsten, um die sich niemand Sorgen macht, weil sie ja ohnehin gut allein klarkommen. Die Jüngsten, auf die man oft vergisst, weil sie doch schon so reif und selbstständig wirken.
Genau diese Jüngsten, die sich immer vor alle anderen stellen – als Schutzschild, als Blitzableiter.
Die Jüngsten, die eigentlich nie wirklich Kind sein durften, weil das Leben andere Pläne für sie hatte.

Da wären wir also wieder bei den falschen gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüchen.

Das Ganze soll schlichtweg eine Einleitung für mich selbst sein – ein Startschuss für die Reise in meine Kindheit. Jeden Tag eine neue Tagebuchseite, die ich gemeinsam mit dem Kind in mir aufarbeiten möchte. Stück für Stück raus aus den dunklen Ecken der Vergangenheit, hin zu der bunten, hellen Welt, die ich mir mittlerweile geschaffen habe.

Bisher war es oft so, dass, wenn ich mich endlich hinsetzte, um die alten Traumata aufzuarbeiten, sich fast wie ein Schleier um mich legte. Immer wieder landete ich im Nebel, den die kleine Hexe Ines aus Angst um mich zog – und bisher habe ich das einfach so gelassen, aufgeschoben.
Doch ich spüre inzwischen deutlich, dass hier Aufholbedarf besteht. Es ist an der Zeit.

Wie ich das merke? Und woran ich erkenne, wann wirklich höchste Eisenbahn ist? Das liegt wohl einfach in meiner Natur – so doof das auch klingen mag. Ich war schon immer ein achtsamer, reflektierter und sensibler Mensch. Ich habe Veränderungen und Schwingungen – in mir und in anderen – früh wahrgenommen. Ich konnte schon immer spüren, wo es hakt, wo es innerlich zieht oder drückt.
Mein Bauchgefühl ist so stark, dass ich körperlich merke, wenn etwas nicht passt.
Aber dazu irgendwann mehr – sonst schweife ich wieder vom eigentlichen Thema ab.

Mein Unterbewusstsein zeigt mir ganz klar: Es ist Zeit, etwas aufzuarbeiten.
Also lege ich los. Jeden Tag eine Seite im Tagebuch der kleinen Ines.

Denn um dem Ganzen wirklich ehrlich und ohne Ausweichmanöver auf den Grund zu gehen, muss ich es aus mir herauslassen und einen temporären Platz dafür schaffen – für diesen Teil meiner Geschichte.
Ohne Schleier oder Nebel, die nur die Angst meines inneren Kindes spiegeln und als Schutzmechanismus dienen.

Ich halte mich jetzt selbst in der Hand, wenn ich dieses Abenteuer starte. Es ist Zeit, mir selbst zu zeigen, dass ich keine Angst mehr haben muss.
Alles, was nun hochkommt, liegt in der Vergangenheit. Und auch wenn dabei vieles Schmerzliche wieder ans Licht kommt – es kann mir heute keinen Schaden mehr zufügen.

Es ist Zeit, die alten Geister loszulassen und den Spuk endlich ruhen zu lassen.
Dieser Teil meiner Geschichte darf jetzt ein letztes Mal gruselig sein – bevor er endlich frei wird.

Ich glaube, ein Teil von mir tut sich schwer damit, klar und deutlich zu formulieren, wie mein Alltag damals wirklich aussah. Vielleicht auch, weil damit der Kern spürbar wird, der sich bis heute in mir versteckt – und weil ich damit die liebste und wichtigste Person in meinem Leben ein Stück weit verletzen könnte, ob ich das will oder nicht.

Denn wer mich kennt, kennt meine Mama. Und wer uns beide kennt, würde wohl nie glauben, dass ich so viel Unheil in mir trage. Dass meine Kindheit eigentlich gar nicht so schön war – und meine Mama schlicht der schönste Teil darin.

Genau darin liegt meine größte Sorge. Mein schlechtes Gewissen. Und damit auch die größte Blockade bei der Aufarbeitung dieser Zeit: ehrlich zu erzählen, wie es wirklich war, ohne dabei ständig meine Mama zu schützen.

Und nein – ich meine damit nicht, dass sie eine Mittäterin war oder dass nun ein „Was?! Das hat sie getan?!“-Moment aufkommt. Ganz im Gegenteil.
Ich habe Angst, ehrlich zu sein, weil ich nicht möchte, dass der Mensch, der mir immer unendliche Liebe und Licht geschenkt hat, das Gefühl bekommt, versagt zu haben. Oder ein schlechtes Gewissen hat, weil sie es nicht früher bemerkt hat. Oder weil sie versucht hat, mich zu schützen – und es trotzdem nicht gereicht hat.
All die Vorwürfe, die ich ihr niemals machen würde.

Und trotzdem ist es wichtig – für mich und meine Zukunft –, jetzt über diese Angst zu springen und mich dem Ganzen zu stellen. Immerhin bin ich heute genau diejenige, die ich damals als Kind gebraucht hätte: die Superheldin, die den Tag rettet, und die gute Hexe, die dem Spuk ein Ende bereitet.

Wie viel von dieser Reise sich in meine zukünftigen Texte verirrt – oder ob ich damit vielleicht schon das Fundament meines Buches lege – wird sich zeigen.
Ich wollte, vor allem für mich selbst, nur kurz zeigen, dass ich nun startklar bin.
Startklar für das nächste Kapitel.

🪶 Alles hat seine Zeit – Wenn Schreiben triggert, bevor es heilt

Manchmal vergisst man, dass Schreiben mehr mit dem Körper zu tun hat als mit Gedanken.
Dass Worte nicht nur aus dem Kopf fließen, sondern durch das Herz, die Haut, die Hände.

Ich dachte immer, Schreiben sei Befreiung –
leicht, heilend, fast wie ein tiefes Ausatmen.
Doch manchmal rauscht sie durch einen hindurch,
wie ein Sturm, der alles aufwirbelt,
und man spürt mit jeder Zeile,
dass Befreiung nicht immer leise ist – aber immer wahr.

Vielleicht liegt genau darin ihre Schönheit.

Wiedermal Sonntag. Wiedermal zurück mit etwas, das einem keiner sagt, bevor man anfängt, ein Buch – oder auch nur einen Text – über sein eigenes Leben zu schreiben.

Um ehrlich zu sein, saß ich heute bereits einmal am PC.
Ich fing an einen Text zu schreiben:
zuerst den Rohtext, dann wie immer der Rechtschreib-Check, anschließend der Feinschliff – Routine.
Und plötzlich ging es los.

Schon während des Schreibens merkte ich, dass ich völlig durch den Wind war.
Kein roter Faden, keine Struktur, als würde ich mit nur einem Auge sehen.
Fast so, als hätte ich mich einmal zu oft im Kreis gedreht und der Schwindel würde mich nun umwerfen.

Erst ignorierte ich es, doch dann kam der Druck im Kopf, das leise Ringen in den Ohren, das Schwindel-Kreislauf-Kollaps-Gefühl.
Und bevor jemand fragt: Ja, ich hatte genug getrunken, genug gegessen, war an der frischen Luft
– sogar mit Brille, vorbildlich wie immer.

Trotzdem blieb ich stur, wie ich es oft bin, wenn es um meine Kunst geht.
Ich wollte diesen Text fertigstellen. Doch je öfter ich ihn überarbeitete, desto frustrierter wurde ich.
Mir wurde heiß, meine Emotionen sprangen im Minutentakt, und meine Fingerspitzen fühlten sich an, als würden tausend kleine Ameisen darüber laufen.
Eine Panikattacke am helllichten Tag – ohne Vorwarnung, ohne offensichtlichen Grund.

„Das bildest du dir doch ein“, dachte ich.
Aber am Ende, als ich mir meinen Text durchlas und ihn einfach nur noch doof fand, begriff ich langsam, was da gerade geschah.

Ich speicherte den Text, legte den Computer zur Seite und entfernte mich komplett davon.
Ich tat andere Dinge, ließ den Puls ruhiger werden. Mein Nervensystem fuhr langsam herunter, mein Gemüt wurde wieder klar.

Und genau hier möchte ich heute die Aufmerksamkeit hinlenken:
auf das, was es wirklich heißt, seine Geschichte niederzuschreiben – und sie mit der Welt zu teilen.

Denn das Schreiben ist nicht nur Inspiration oder Selbstreflexion.
Es heißt auch, an Orte zurückzukehren, die nicht schön waren.
Erinnerungen zu durchleben, die Spuren hinterlassen haben.
Menschen im Kopf wiederzutreffen, die Ängste und Traumata in mir verankert haben.
Manchmal heißt Schreiben, die dunkelsten Momente seines Lebens noch einmal zu fühlen – nur durch Worte statt durch Taten.

Kein Wunder also, dass mein Körper die Notbremse zieht.
Er glaubt, er müsse mich wieder beschützen.
Er kann nicht unterscheiden zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Ein stilles S.O.S. an meinen Verstand.

Doch selbst in diesem scheinbar trostlosen Garten der Angst will ich neue Blumen pflanzen –
und daraus einen Ort schaffen, der die Dunkelheit zum Leuchten bringt.
All das Wasser, das mich einst ertränken sollte, hat mich schwimmen gelehrt.
Aus all den Steinen und Stöcken habe ich mir ein kleines Hexenhäuschen gebaut –
einen Ort ohne Terror, ohne Gewalt, ohne Angst vor dem Ersticken.

Stück für Stück habe ich mir Freiheit gebaut und Frieden gebastelt.
Hier, in diesem neuen Zuhause in mir, darf alles sein, auch die alten Geister der Vergangenheit.
Denn sie gehören zu mir –
nicht, weil ich sie gewählt habe,
sondern weil sie Teil meiner Geschichte sind.

Die Echos meiner Vergangenheit wollen nur gehört werden – das weiß ich inzwischen.
Ich bin bereit, sie an die Hand zu nehmen, mit ihnen abzuschließen und neu anzufangen.

Heute habe ich zum ersten Mal erlebt, wie Schreiben selbst ein Trigger sein kann.
In Zukunft wird das vielleicht öfter passieren – und das ist okay.
Ich werde es nicht immer so ruhig auffangen können wie heute,
aber das gehört dazu. Nur so kann ich lernen.

Ich weiß jetzt, was auf mich zukommt,
und ich weiß, dass ich mir einen Anker suchen werde, der mich jedes Mal zurückholt.
Denn auch die Dämonen meiner Vergangenheit sind nur Schafe im Wolfspelz –
sie wollen letztlich dasselbe wie ich: gehört und geliebt werden.

Niemand hat gesagt, dass es einfach wird.
Und ich hätte es auch nie anders gewollt.

Ein kleiner Schritt für meine Leser.
Ein großer Schritt für mich.

Vielleicht ist das der Preis dafür, ehrlich zu schreiben:
dass man dabei nicht nur Wörter findet, sondern sich selbst.
Und vielleicht ist genau das der Anfang von allem, was noch kommen darf.

Ich weiß jetzt, dass auch das Schreiben seine Jahreszeiten hat.
Heute war Winter.
Aber irgendwo zwischen den Zeilen wachsen schon wieder die ersten Frühblüher.

Ich glaube, keiner von uns ist jemals fertig

Ich schreibe viel. Vielleicht, weil Worte meine Art sind, das Leben zu verstehen.
Und obwohl ich schon so viele Gedanken geteilt habe, erwischt mich das Leben immer wieder auf frischer Tat – mitten im Lernen, mitten im Fühlen, mitten im Sein.
Kein Mensch bereitet dich darauf vor, wie still und gleichzeitig überwältigend es sein kann, wenn Heilung plötzlich Gestalt annimmt – nicht als großes Feuerwerk, sondern als leises Ziehen irgendwo zwischen Herz und Verstand.
Also schreibe ich einfach weiter – nicht, um zu erklären, sondern um mich selbst dabei zu ertappen, wie ich Stück für Stück verstehe.

Keiner warnt einen vor den positiven Nebenwirkungen und Lernprozessen der Selbstheilung und Selbstverwirklichung – also mache ich jetzt einfach mal den Anfang.
Ich darf gerade am eigenen Leib sehen und fühlen, dass man nicht nur durch negative Erfahrungen lernt und wächst – sondern manchmal sogar noch mehr durch die positiven.

Was dir niemand sagt, ist, dass sich die richtigen und vor allem gesunden Entscheidungen auf dem Weg des Loslassens alter Muster oft seltsam und falsch anfühlen können.
Grenzen zu setzen – selbst in einem liebevollen Umfeld, bei Menschen, die uns sehr am Herzen liegen – fühlt sich schon beim Aufschreiben irgendwie falsch an.
Denn die eigentliche Herausforderung liegt diesmal nicht im Grenzen setzen selbst, sondern darin, das schlechte Gewissen beiseitezulegen und alte Erfahrungen loszulassen, die uns dabei im Weg stehen.

In solchen Momenten geht es nicht um Rechtfertigung oder Entschuldigung, nicht darum, Vorwürfen auszuweichen oder sich auf Manipulationsversuche vorzubereiten.
Nein – die einzige Lektion, die wir hier lernen dürfen, ist:
Es ist absolut okay, Grenzen für sich selbst zu setzen.
Es ist kein Verbrechen, einmal Nein zu sagen. Und es macht dich nicht zu einem schlechten Menschen, wenn du dich selbst priorisierst – anstatt, wie gewohnt, immer zuerst für andere da zu sein.

Die richtigen Menschen um dich herum werden dich weiterhin lieben – gerade weil du dich nicht mehr ständig verbiegst, um es allen recht zu machen.
Sie werden dich unterstützen, dir Kraft geben und dich darin bestärken, deine eigenen Prioritäten zu schätzen und für dich selbst einzustehen.
Gemeinsam werdet ihr selbst die kleinsten Erfolge feiern und Raum schaffen – für ehrliche Kommunikation und gegenseitige Reflexion.

Denn wir alle leben zum ersten Mal. Und keiner von uns ist perfekt.
Wir lernen miteinander – und manchmal auch durcheinander.
(zumindest im richtigen Umfeld.)

Und genau das ist vielleicht die wichtigste Lektion auf dem Weg zu uns selbst.

Manchmal gehört dazu auch, zu akzeptieren, dass man nicht mit allen Menschen dauerhaft in Kontakt bleibt.
Oft trifft es genau jene, die uns am meisten inspiriert haben, oder die sich am schnellsten in unser Herz geschlichen haben.
Menschen, die das Universum uns wie kleine Geschenke auf den Weg legt – nicht, um dauerhaft zu bleiben, sondern um uns kurze Lichtmomente zu schenken. Erinnerungen, an denen wir uns an dunklen Tagen wärmen dürfen – als kleine Hoffnungsschimmer, nie aufzugeben.

Für mich war das eine der schwersten Lektionen – besonders in diesem Jahr.
Ich habe so viele wundervolle Menschen kennengelernt, oder durfte manchen, die ich schon kannte, näherkommen.
Und doch musste ich lernen: Egal, wie besonders sich eine Verbindung anfühlt – manche Menschen sind einfach nicht dafür bestimmt zu bleiben.

Und das braucht keinen Auslöser, keinen Streit, keinen Abschied.
Manchmal gibt es einfach zwei Leben, die nebeneinander weiterlaufen, ohne sich dauerhaft zu kreuzen – wie Parallelen, die sich nie treffen sollen, aber immer nah beieinander bleiben.

Früher hatte ich deswegen oft ein schlechtes Gewissen.
Ich fragte mich:
Warum schaffe ich es nicht, den Kontakt zu halten, obwohl ich es so sehr will?
Liegt es an mir? Bin ich das Problem?
Sind meine Hände dazu bestimmt, Menschen loszulassen, statt sie zu halten?

Stopp.
Die Selbstsabotage hat wieder angeklopft.
Doch diesmal bin ich ihr nicht mit Angst begegnet – sondern mit Ruhe.
Wie einem alten Freund, der mich nur daran erinnert, dass die Entscheidung, wie ich reagiere, immer schon meine war.
Und genau das war der Schlüssel, um weiterzuwachsen.

Heute sehe ich es anders.
Ich erkenne die Schönheit in diesen Begegnungen.
Anstatt nur das „Verlassen“ zu sehen, richte ich meinen Blick auf das Geschenk dahinter.
Ich habe gelernt, die Momente im Hier und Jetzt zu genießen, Menschen zu schätzen, solange sie da sind, und meine Gefühle ehrlich zu zeigen, ohne sie zweimal zu überdenken.
Ich springe über meinen Schatten, lasse mich auf spontane Augenblicke ein – und genieße sie mit offenem Herzen.

Ich trage meine Sternschnuppenmenschen für immer in mir – ein Mosaik aus all den bunten Seelen, die meinen Weg gekreuzt haben.
Wie schön ist der Gedanke, dass sich zwei Welten kurz berühren dürfen – nicht für ein gemeinsames Kapitel, sondern für eine Zwischengeschichte.
Vielleicht waren es Begegnungen aus einem anderen Leben, ein versprochenes Wiedersehen – zeitlos, grenzenlos, schön.

Und für alle, die jetzt den Kopf schütteln:
Ja, Gedanken und Emotionen dürfen so tief gehen.
Man darf die Welt ruhig außerhalb des Fernglases betrachten – und sie sich in mehr als drei Farben ausmalen.
Denn Magie stirbt nie, solange wir sie selbst sind.

Ich glaube, keiner von uns ist jemals „fertig“.
Wir lernen, verlernen, stolpern und stehen wieder auf – und manchmal vergessen wir dabei, wie weit wir eigentlich schon gekommen sind.
Es ist okay, tief zu fühlen, zu zweifeln, zurückzugehen, nur um den Blick wieder mit dem Herzen auszurichten.
Denn genau dort, zwischen Stillstand und Neubeginn, zeigt sich oft das Schönste:
ein kurzer Moment des Erkennens, dass das Leben schon längst schön ist –
auch mit all seinen Falten, Fragen und unvollendeten Kapiteln. 🌿