Manche Tage enden nicht mit dem Feierabend.
Sie gehen einfach mit nach Hause.
Setzen sich irgendwo zwischen Brustkorb und Gedanken und bleiben dort, während man versucht, normal weiterzumachen.
Gestern war so ein Tag.
In meinem Arbeitsbereich sind Männer in allen Altersklassen deutlich in der Überzahl – Kollegen, Kunden, jede Schicht, jeder Tag. Das ist keine Wertung. Nur Realität. Eine, an die man sich gewöhnt. Man erlebt vieles dadurch häufiger. Manches wird schneller normal. Anderes schluckt man herunter, bevor es überhaupt richtig Form annehmen darf.
Man funktioniert.
Macht weiter. Lächelt. Arbeitet.
Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie viel man eigentlich gewohnt ist.
Als mir gestern ein älterer Mann leise geraten hat, ich solle in nächster Zeit „etwas aufpassen“, vielleicht Pfefferspray oder etwas zur Selbstverteidigung bei mir tragen, weil Ereignisse wie gestern längst keine harmlosen Faxen mehr seien und Frauen für solche Leute nichts mehr wert seien, ist sogar mir kurz das Herz in die Hose gerutscht.
Und ich bin wirklich einiges gewohnt.
Nicht alle Männer.
Aber es sind tatsächlich immer Männer.
Und dann passiert etwas, das fast genauso verlässlich ist:
Es wird schnell wieder leicht gemacht. Runtergespielt.
Mit einem Lachen überspielt, damit bloß nicht zu viel Ernst im Raum stehen bleibt.
Während das eigene Adrenalin noch lange nicht abgeklungen ist.
Erst als es langsam nachließ, habe ich gemerkt,
dass sich zwischen all der Anspannung eine leise Panikattacke versteckt hatte.
Nicht laut. Nicht sichtbar.
Einfach da.
Weil man ja trotzdem weiterarbeitet.
Weil man ja trotzdem professionell bleibt.
Weil es ja weitergehen muss.
Und weil es eben doch nicht lustig war.
Obwohl ich von Menschen umgeben war, habe ich mich in diesem Moment ziemlich allein gefühlt.
In einem Raum voller Menschen zu stehen und trotzdem komplett auf sich gestellt zu sein — das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Alle schauen. Manche murmeln.
Ein paar lachen unsicher.
Aber niemand greift ein.
Niemand sagt etwas.
Niemand hilft.
Eine seltsame Stille zwischen all den Geräuschen.
Und mittendrin das eigene Herz, das viel zu laut schlägt.
Ich frage mich, in was für einer Zeit wir eigentlich leben.
In einer Zeit, in der man als Frau mit Pfefferspray in der Tasche zur Arbeit geht.
Mehr noch: in der man überhaupt mit dem Gedanken an Selbstschutz zur Arbeit gehen muss.
Es ist eine Sache, wenn man nachts nicht mehr alleine durch die Stadt gehen kann, ohne angesprochen oder angepöbelt zu werden. Wenn einem tagsüber nachgerufen oder nachgepfiffen wird.
Aber mittlerweile reicht selbst der Arbeitsplatz nicht mehr als sicherer Ort.
Und am Ende wird doch wieder gelächelt.
Man übertreibt. Man steigert sich hinein.
Sind ja noch Kinder. Ist doch nur Spaß.
Die reden halt blöd. Das meint doch keiner ernst.
Was wird denn schon sein. Was wird schon passieren.
Dieser Satz bleibt länger im Raum, als er sollte.
Denn die meisten dieser Geschichten beginnen nicht laut. Sie beginnen leise. Beiläufig.
Mit Momenten, die schnell wieder vergessen werden, weil es einfacher ist, sie als harmlos abzutun.
Bis irgendwann jemand vor Panik davonläuft.
Bis man sich irgendwann verstecken muss.
Bis aus Worten Handlungen werden.
Und plötzlich war es doch kein Spaß mehr.
So lange nicht ernst genommen, bis es zu spät ist.
Wieder einmal.
Heute ist wieder ein Arbeitstag.
Ein ganz normaler Tag.
Heute wird kaum noch darüber gesprochen.
Und wenn doch, dann eher spöttisch als ernst.
Ein kurzer Kommentar. Ein Schulterzucken. Dann geht es weiter.
Und ich stehe mittendrin und tue so, als wäre nichts gewesen.
Als würde ich mir keine Gedanken machen.
Als würde ich nicht überlegen, ob heute jemand hinter der nächsten Ecke wartet.
Vielleicht ist das Beunruhigendste nicht einmal das, was passiert ist.
Sondern wie schnell danach wieder alles normal wirkt.
Denn genau so beginnen die Geschichten, von denen man später sagt, man hätte sie nicht kommen sehen.
Dabei waren sie die ganze Zeit da.