Und trotzdem soll sie erzählt werden.
Es ist einer dieser Tage, an denen man merkt, dass man eigentlich etwas sagen möchte –
aber keine Lust hat auf das übliche Schreien, Streiten, Erklären.
Zu viel Negativität, zu viel Hass, zu viel Leid, das täglich durch unsere Feeds rauscht.
Politik lasse ich heute bewusst außen vor.
Nicht, weil es egal wäre – sondern weil es mir gerade keine Freude macht, darüber zu schreiben.
Und weil es nicht das ist, was mich heute antreibt.
Was mich antreibt, ist dieses Gefühl.
Dieser dumpfe Schlag in die Magengrube, der jedes Mal kommt,
wenn wieder ein neuer Fall veröffentlicht wird.
Ein weiterer Femizid. Eine weitere Frau.
Ein weiteres „es hätte nicht passieren dürfen“.
Und trotzdem passiert es. Immer wieder.
Die Gewalt an Frauen nimmt zu – oder vielleicht wird sie endlich sichtbarer.
Ernst genommen wird sie trotzdem selten.
Und jedes Mal ist da dieser kurze Moment kollektiver Schnappatmung.
Ein Schock, der kaum lange genug anhält, um wirklich etwas zu verändern.
Denn immerhin:
Es war ja niemand, den man persönlich kennt.
Nicht aus der eigenen Familie. Nicht aus dem Freundeskreis.
Also scrollt man weiter. Zu lange drauf herumreiten bringt ja nichts – oder?
So funktioniert unsere Logik. So bemessen wir Nähe.
So entscheiden wir, welches Leid relevant genug ist.
Aber was ist mit all denen, die gerade so entkommen sind?
Mit den Geschichten, die nie Schlagzeilen wurden, weil „eh nichts passiert ist“ –
oder zumindest nichts, das man nicht irgendwie überlebt hat?
Diese Fast-Erlebnisse zählen nicht.
Sie haben keinen Stellenwert.
Weil man ja noch da ist. Weil man ja weiterlebt.
Also: Wie schlimm war es schon wirklich?
Ich finde: schlimm genug.
Ich weiß das, weil ich dort war.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Instinkt einem die Luft aus der Lunge presst.
Wenn innerlich ein Countdown läuft und man nicht weiß, ob es ein Morgen gibt
– oder nur noch diesen Moment.
Ich kenne diesen Blick, der nicht laut werden muss, weil er trotzdem alles sagt:
Sei still. Zähl deine Sekunden.
Ich kenne den Moment, in dem eine Stimme kippt. Tiefer wird. Ruhiger.
Und plötzlich klar ist, dass jede falsche Bewegung Konsequenzen hat.
Ich weiß, wie es ist, blaue Flecken zu verstecken.
Nicht aus Scham – sondern weil Aufmerksamkeit gefährlicher sein kann als Schweigen.
Also lange Ärmel. Weite Pullover. Ein Lächeln, wenn jemand fragt.
„Alles gut.“
Ich weiß, wie es ist, überwältigt zu werden.
Wie man aufhört zu kämpfen, nicht weil man aufgibt, sondern weil man hofft,
dass es schneller vorbei ist.
Der Körper wird irgendwann taub. Der Schmerz auch.
Was bleibt, kommt danach.
Das Waschen. Immer wieder.
Heißes Wasser, bis die Haut rau wird. Bis sie nichts mehr spürt.
Sauber fühlt man sich trotzdem nie wieder ganz.
Dieses Gefühl, beschmutzt zu sein, bleibt.
Auch Jahre später.
Und dann die emotionale Manipulation.
Der Klassiker.
Von außen wirkt alles so einfach:
„Warum bist du nicht gegangen?“
„Warum hast du nichts gesagt?“
Das sind keine Fragen.
Das sind Anschuldigungen.
Kaum jemand kann sich vorstellen, wie schwer Gehen ist.
Wie schwer es ist, zuzugeben, was man Wochen, Monate, Jahre mit sich machen ließ.
Wie sehr man sich selbst dafür verachtet. Wie naiv man sich fühlt. Wie wertlos.
Ein gebrochener Körper heilt schneller als ein gebrochenes Herz.
Oder ein gebrochener Verstand.
Danach muss man alles neu lernen.
Vertrauen. Nähe. Sicherheit.
Menschenmengen werden zu Endgegnern.
Berührungen zu Stolperfallen.
Ein Zucken bei zu schnellen Bewegungen. Eine Angst, die in uns weiterlebt.
Man lässt kaum noch jemanden wirklich nah ran.
Vielleicht nie wieder so wie früher.
Und ich bin nur eine von vielen.
Deshalb werde ich nicht leiser.
Nicht, wenn es darum geht, Frauen zu verteidigen.
Nicht, wenn man mich dafür „Männerhasserin“ nennt,
ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, worum es hier eigentlich geht.
Mein Herz wird bei jedem neuen Fall schwer.
Nicht, weil ich mich darin verliere – sondern weil ich überlebt habe
Und andere dieses Glück nicht hatten.
Das hier ist kein Aufruf mit erhobenem Zeigefinger.
Keine Belehrung. Keine Wutrede.
Es ist ein offenes Mikrofon.
Heute war ich dran.
Heute habe ich gesprochen.
Und jetzt gebe ich das Spotlight weiter.
An jede Stimme, die leiser gemacht wurde.
An jede Geschichte, die nie Schlagzeile war.
An jede, die gerade so entkommen ist.
Das hier ist keine Aufforderung.
Nur ein Platz, an dem gesprochen werden darf.