Manche Texte entstehen nicht, um zu gefallen.
Sondern um zu atmen.
Heute gibt es keine Umschreibungen.
Keine Rücksicht auf Bequemlichkeit.
Nur Wahrheit – meine.
Aufgestaute Wut. Angehäufter Frust.
Und meine Art, dem Ganzen Raum zu geben, bevor es mich zerfrisst.
Bevor es mich leise überrollt.
Nicht immer rechtzeitig. Nicht immer regelmäßig.
Und oft erst nach dem nötigen Arschtritt von Mama.
Aber: schon besser als früher.
Und das zählt.
Ich bin eine 27-jährige Frau.
Ich wohne in meiner eigenen Wohnung, die ich mir selbst finanziere.
Ich habe einen Job, bei dem ich gut verdiene –
aber vor allem einen, der mir gefällt, mir Freude macht
und bei dem ich mich auch in vielen Jahren noch sehe.
Ich habe meinen eigenen Hund.
Ich kann meine Fixkosten decken.
Ich komme finanziell durchs Monat, ohne Angst, ohne Panik, ohne schlaflose Nächte.
Mir geht es gut.
Heute.
Aber das war nicht immer so.
Und genau das verstehen die wenigsten.
Also hört bitte auf, euch mit mir zu vergleichen.
Hört auf so zu tun, als würdet ihr meine Sorgen verstehen.
Als wüsstet ihr, wie es war, in meinen Schuhen zu gehen –
auf dem Weg hierher, wo ich jetzt bin.
An Tagen wie heute merke ich erst, wie viel Wut sich in mir aufstaut.
Durch kleine Sätze. Durch beiläufige Gespräche.
Durch Worte, die harmlos wirken und trotzdem tief gehen.
Kein Neid.
Keine Missgunst.
Nur dieser Frust, immer wieder unter den Tisch gekehrt zu werden.
Mit Kommentaren. Mit Vergleichen.
Mit unausgesprochenen Bewertungen.
„Bei mir war’s auch nicht immer einfach.“
Das glaube ich dir.
Wirklich.
Aber warum fühlt es sich dann an, als müsste ich meine Vergangenheit entschärfen,
nur damit sie in dein Weltbild passt?
Nur weil es bei dir schwer war –
darf es bei mir nicht schwerer gewesen sein?
Warum wird jedes Gespräch zu einem Vergleich, zu einem stillen Wettbewerb,
bei dem niemand gewinnen kann und trotzdem alle verlieren?
Überleben ist kein Maßstab.
Kein Titel. Kein Pokal.
Nur weil meine Geschichte dunkler war, heißt das nicht, dass ich sie kleiner machen muss,
damit du dich nicht daran stößt.
Schmerz ist kein Wettkampf.
Und ich bin müde davon, so zu tun,
als wäre er einer.
Ich weiß, wie es ist, zu überleben.
Monat für Monat. Jeden Cent umzudrehen und trotzdem nie auszukommen.
Die Miete gerade so zu bezahlen, nur um nicht auf der Straße zu landen –
und dafür hungrige Abende in Kauf zu nehmen.
Keine Unterstützung vom System. Keine Hilfe von Menschen um uns herum.
Ein paar Tage in meinen Schuhen, in meiner Vergangenheit –
und vieles wäre plötzlich leiser.
Ruhiger.
Zumindest hoffe ich das.
Ich will kein Mitleid. Keine Sympathie.
Kein Schulterklopfen für das, was ich durchgestanden habe.
Ich wünsche mir etwas anderes:
Dankbarkeit.
Nachdenken, bevor gesprochen wird.
Und Gespräche, die kein Wettkampf sind.
Es darf wieder mehr zugehört werden. Wirklich zugehört.
Ohne zu messen. Ohne zu vergleichen. Ohne sofort zu bewerten.
Eine der schönsten
– und seltensten –
Eigenschaften ist für mich,
Menschen einfach existieren zu lassen.
Ohne Wertung. Ohne Vorwürfe.
Ohne ungefragte Verbesserungsvorschläge.
Menschen reden lassen.
Auch wenn sie stottern. Auch wenn sie sich wiederholen.
Sie träumen lassen, ohne ihre Blase platzen zu lassen.
Andere einfach „komisch“ sein lassen.
„Merkwürdig“.
Und dabei merken, dass Anderssein oft spannender ist,
als das perfekt inszenierte Bild eines normalen Alltags.
Menschen fühlen lassen, ohne daraus einen Wettbewerb zu machen.
Akzeptieren,
dass mein Gegenüber vielleicht mehr getragen hat als drei oder vier Menschen zusammen –
und anstatt mich daran zu messen, einfach still zu bewundern,
wie dieser Mensch trotzdem noch lachen kann.
Keiner will es aussprechen.
Und kaum jemand will es hören:
Die meisten von uns mussten noch nicht durch besonders viel Schlamm und Steine wandern.
Und weißt du was?
Wie schön ist das eigentlich.
Nicht jeder muss sein Leben mit zusätzlichem Gepäck beginnen.
Nicht jeder muss mehr auf sich nehmen, als er tragen kann.
Ich begegne so gern diesen reinen Seelen.
Menschen, die die dunkelsten Seiten des Lebens nur aus Büchern oder Filmen kennen.
Aus Erzählungen.
Viele hatten keine schlimme Kindheit.
Sondern eine relativ normale.
Und ja –
ich weiß, dass das nicht jedem gefallen wird.
Aber nur weil eine Familie groß war,
oder laut, oder chaotisch,
heißt das nicht automatisch, dass die Kindheit schlecht war.
Nicht alles Schwierige ist ein Trauma.
Und nicht jede Herausforderung braucht eine Diagnose.
Mehr braucht es heute nicht.
Alles Weitere würde nur vom Wesentlichen ablenken.
Aber eines will ich sagen:
Wir haben irgendwo zwischen Idealismus und Scheinbildern
den gesunden Menschenverstand verloren.
Empathie und Vernunft werden benutzt wie Werkzeuge,
statt gelebt zu werden wie ein moralischer Kompass.
Jeder weiß alles besser.
Und jedem geht es schlechter als dem Nächsten.
Wie soll man da nicht wütend werden?
Und trotzdem:
Ich bleibe positiv. Ich bleibe gut.
Ich entscheide mich weiterhin dafür, nicht zu bewerten.
Nicht zu verurteilen. Nicht aufzugeben, an das Gute zu glauben.
Aber manchmal braucht auch der Frust Raum.
Die Wut muss atmen, um sich wieder zu lösen.
Auch ich darf diese Gefühle fühlen.
Auch ich muss nicht alles runterschlucken.
Auch die gutmütigsten Seelen dürfen mal gereizt sein.
Dürfen Dampf ablassen.
Denn wir leben alle zum ersten Mal.
Und niemand muss sich beweisen, um zu existieren.
Das tun wir ohnehin.
Heute darf die Wut atmen.
Und morgen darf ich wieder leichter sein.