Mit allem, was wir sind

Gedanken, die wir selten laut sagen – und der Mut, ihnen zuzuhören.

Wir alle kennen diese Gedanken.
Die leisen Zweifel, die auftauchen, wenn es still wird.
Wenn niemand hinschaut. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind.

Und doch redet kaum jemand darüber.

Vielleicht aus Scham. Vielleicht aus Angst.
Vielleicht, weil wir gelernt haben, stark zu sein, anstatt ehrlich.

Dieser Text ist kein Aufschrei und kein Jammern. Er ist ein Innehalten.
Ein Flüstern für all jene, die ähnliche innerliche Kämpfe kennen und sich wünschen,
einmal nicht erklären zu müssen, warum es gerade schwer ist.

Ich schreibe das hier nicht, um Mitleid zu sammeln. Sondern um Raum zu schaffen.
Für Echtheit. Für Mitgefühl.
Für dieses leise Wissen: Du bist nicht allein damit.

Wenn du dich hier wiederfindest, darfst du bleiben.
Atmen.
Und einfach sein.

Einer meiner Rauhnachtswünsche für dieses Jahr war kein besonders lauter.
Kein großes „Ich werde alles ändern“.
Sondern ein leiser, fast schüchterner Gedanke:

Ich öffne mein Herz wieder für die Liebe.

Nicht, weil ich muss. Nicht, weil ich denke, dass mir etwas fehlt.
Sondern weil ich bereit bin, es noch einmal zu versuchen.
Bereit, mich überraschen zu lassen von der Möglichkeit, dass Nähe auch sanft sein kann.
Dass Beziehungen nicht nur aus Wut, Panik und Schmerz bestehen müssen,
sondern aus Lachen, Fürsorge und einem Zuhause-Gefühl.

Und kaum hatte das Jahr begonnen, meldete sich etwas anderes.
Etwas Altes. Etwas, das ich gut kenne.

Angst.

Nicht die große, laute.
Sondern die leise, nagende.
Die, die sich in Gedanken einnistet und schwer im Magen liegt.

So wie ich bin. So wie ich aussehe.
Oder…
so wie ich glaube auszusehen.

Was, wenn ich gar nicht richtig weiß, wie ich aussehe?
Was, wenn genau das schon immer meine größte Angst war?

Mein Aussehen – mein stillster Gegner.

Wir leben in einer Zeit, in der Vergleiche Alltag sind.
In der Makel weichgezeichnet werden.
In der jede Falte, jede Unebenheit, jede Eigenheit korrigierbar ist.
Filter, Eingriffe, Diätversprechen – Hauptsache schön.
Hauptsache passend. Hauptsache begehrenswert.

Ein Spiel, das niemand gewinnen kann.

Seit vielen Jahren lebe ich mit einer verzerrten Wahrnehmung meines Körpers.
Spiegel meide ich. Nicht, weil ich eitel bin – sondern weil ich nicht weiß, was ich sehen werde.
Und weil dieses Nichtwissen manchmal einfacher ist.

Irgendwann wurde mir das Aussehen fast egal.
Hauptsache gesund. Hauptsache ich halte es in meiner Haut aus.

Doch mit dem Wunsch nach Nähe kamen sie zurück:
die Fragen – die Zweifel – die alten Stimmen.

Denn um geliebt zu werden, muss man doch schön sein, oder?

Ich habe gehört, dass ich lustig bin. Dass ich eigen bin, aber sympathisch.
Dass ich anziehend genug bin für eine Nacht.
Begehrenswert genug für Blicke, Worte, Hände.

Sexy. Süß. Unterhaltsam.

Aber schön?

Dieses Wort hat mich nie gefunden.
Oder ich habe es nicht erkannt, als es vorbeiging.

Vielleicht war ich immer mehr innen schön als außen.
Vielleicht war ich nie das strahlende Etwas, sondern eher das leise Anderssein.
Das hässliche Entlein, das gelernt hat, trotzdem zu schwimmen.

Und darüber spricht kaum jemand.
Darüber, wie müde es macht, ständig bewertet zu werden.
Wie weh es tut, in einer Welt zu leben, die zuerst schaut und erst danach fühlt.

Man sagt, der Moment kommt noch.
Nach der Pubertät. Beim Erwachsenwerden.
Wenn alles klarer, kantiger, schöner wird.

Vielleicht kam er bei mir nie so, wie man es versprochen hat.

Und das ist okay.

Ich hasse mich nicht dafür. Ich kämpfe nicht gegen mich.
Ich habe andere schöne Seiten – tiefere, leisere, ehrlichere.

Ich habe versucht, mich anzupassen.
Meine Haare. Meinen Stil. Mein Gesicht.

Und manchmal, wenn ich Fotos sehe, zieht sich trotzdem alles in mir zusammen.

Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, ein bisschen anders aufzuwachen.
Ein bisschen näher an dem, was als schön gilt.

Und dann – irgendwann – finde ich zurück.
Zu mir.
Zu dieser vorsichtigen, echten Liebe zu mir selbst.

Denn vielleicht beginnt genau dort die Liebe, die bleibt.
Nicht perfekt. Nicht gefiltert.
Aber wahr.

Dieser Text ist kein Ziel – nur ein Atemzug, den wir uns gemeinsam erlauben.
Und vielleicht reicht es für heute, einfach da zu sein – mit allem, was wir sind.

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