Blut verbindet Körper.
Doch Liebe verbindet Seelen.
Uns wird beigebracht, dass Familie ein Versprechen ist.
Dass Nähe selbstverständlich sei, und Zugehörigkeit eine Pflicht.
Dass Loyalität Pflicht sei, und Liebe vorausgesetzt werden darf,
nur weil man denselben Nachnamen trägt.
Doch nicht jede Bindung nährt uns.
Manche fesseln. Manche brechen. Manche machen leise kaputt.
Man darf gehen. Man darf wählen.
Familie ist nicht nur das, worin man geboren wurde —
sondern das, was sich wahr anfühlt.
Und es braucht Mut, diese Wahrheit zu sehen.
Mut, Grenzen zu ziehen, wo uns gesagt wurde, dass wir keine haben dürfen.
Viele Menschen bleiben in Beziehungen, die sie verletzen,
weil ihnen beigebracht wurde, dass man Familie nicht loslassen darf.
Dieser Text ist nicht gegen Familie.
Er ist für Wahrheit, für Selbstschutz und für den Mut, genauer hinzusehen.
Denn man darf gehen, wenn Zuhause kein Zuhause war.
Loslassen ist kein Verrat — manchmal ist es Heilung.
Seit ich auf dieser Welt bin, war ich dir ein Dorn im Auge.
Der letzte Tropfen, der alles zum Überlaufen brachte.
Der letzte Stein, der die Waage endgültig aus dem Gleichgewicht brachte.
Lange habe ich dieses schlechte Gewissen getragen.
Habe Schuld und Fehler bei mir gesucht – weil du das genauso getan hast.
Bis ich mich irgendwann fragte, warum ausgerechnet ich der Buhmann sein sollte.
Warum war ich nie jemand, dem du Raum geben konntest?
So wie es dein erster Instinkt war, gegen mich zu sein,
war meiner, zu dir zu schauen, wenn ich Hilfe brauchte.
Als kleines Kind wollte ich zu meiner großen Schwester laufen, wenn ich nicht mehr weiter wusste.
Doch früh merkte ich, dass ich mir damit nur den Kopf an einer Wand stieß.
Dass auf der anderen Seite kein Schutz wartete, sondern Eifersucht.
Vorwürfe und Schuldzuweisungen für Dinge, die lange vor mir existierten.
Ich war nur das Ventil für deine Unzufriedenheit –
mit dir selbst, mit deinem Leben.
Du, die Papa idealisiert hat.
Die seine Aufmerksamkeit wollte
und ihn schöner geredet hat, als er war.
Du wolltest den Vater, den andere hatten:
den Helden, den Retter, das Vorbild.
Den Mann, der zeigt, was Liebe bedeutet.
Alles, was er nie war.
Und ich?
Ich wollte nichts weiter als Ruhe vor ihm.
Ich wollte fliehen. Ich wollte niemals sein „Liebling“ sein –
denn ich wusste, was das bedeutete.
Seine Aufmerksamkeit war kein Geschenk, sondern ein Fluch.
Und ich hätte sie keinem von uns gewünscht.
Denn ich wusste, wer er wirklich war.
Und tief in dir drin wusstest du es auch.
Zumindest konntest du es ahnen. Die Zeichen standen immer vor deiner Nase.
Doch statt diese Wahrheit zu sehen, hast du dich auf deine Eifersucht mir gegenüber konzentriert.
Du hast in mir alles gesehen, was dir angeblich fehlte – auch wenn es nur Bilder in deinem Kopf waren.
So hast du unseren Untergang von Anfang an manifestiert.
Als Schwestern hatten wir so nie eine Chance.
Dein Neid, deine Missgunst, dein Schmerz –
ich habe sie gespürt, ohne sie zu verstehen.
Vielleicht hast selbst du sie nie wirklich verstanden.
Unsere Geschichte ist eine Tragödie.
Das Schicksal zweier Schwestern, die nie auf derselben Seite standen.
Für dich war ich nie die kleine Schwester, sondern ein Feindbild.
Ein Sammelbecken für unerfüllte Erwartungen, ein Ventil für Wut.
Glaubst du, ich habe deinen Brief vergessen?
Den Moment, in dem du endlich ausgesprochen hast,
was ich all die Jahre fühlen musste?
Ich frage mich, ob du inzwischen erkennst, dass du die größte Mauer zwischen uns warst.
Dass du mich – wenn du ehrlich bist – nie wirklich kanntest.
Vielleicht wusstest du das immer, und gerade das frustrierte dich.
Denn tief in dir weißt du, dass das Bild, das du von mir hattest, nie wirklich echt war oder ehrlich.
Doch würdest du das zugeben, würdest du den letzten Funken Kontrolle verlieren.
Dein vermeintlicher Vorteil: dein „Wissen“.
Auch wenn es nur eine Lüge war, die du dir selbst erzählt hast.
Und trotzdem kann ich dich nicht hassen.
Wut passt nicht mehr in mich, wenn es um dich geht. Das hat es ehrlich gesagt nie so wirklich.
Stattdessen bist du kleiner geworden. Weniger einschüchternd.
Deine Seitenhiebe – verpackt in Ironie und Distanz –
trafen irgendwann nicht mehr.
Doch damit ging auch meine Liebe zu dir verloren.
Stück für Stück wurdest du fremd.
Bis du dich selbst aus meinem Herzen geschnitten hast – und ich dich losließ.
Ohne Groll.
Sogar mit guten Gedanken für dich – für deinen Weg, deinen Weckruf.
Manchmal denke ich, vielleicht hattest du einfach Angst.
EHrlich gesagt weiß ich auch, dass es so war.
Hätte es nur einen Schritt von dir gegeben – ohne Schild, ohne Schwert – wir hätten so viel heilen können.
Vielleicht treffen wir uns in einem anderen Leben neu.
Mit offenen Armen. Ohne diesen Krieg.
Bis dahin lege ich Steine ab.
Keine Mauern – sondern ein Friedhof.
Für all das, was uns hätte verbinden sollen.
Für all die Gefühle, die wir einander nie zeigen konnten.
Für die Geschwisterliebe, die nie eine Chance hatte.
Und ich bringe Blumen dorthin – für die leeren Versprechen und die unausgesprochenen Worte.
Vielleicht findest du diesen Ort eines Tages
und findest dort Frieden.
Ich wünsche dir, dass du dich irgendwann demaskierst.
Dass du erkennst, wie tief das Loch wirklich ist.
Und dass du den Mut findest, dich da wieder herauszuziehen.
Ohne Ausreden, ohne Rechtfertigungen.
Ein neuer Anfang. Endlich heil werden. Endlich dich selbst lieben lernen.
Wir hatten zwei völlig verschiedene Kindheiten –
als wären wir in unterschiedlichen Welten groß geworden.
Du sahst nur, was dir fehlte.
Ich suchte nur den Ausweg.
Du wolltest, was du glaubtest, dass ich hatte.
Ich wollte einfach nur Ruhe.
Ich wünsche dir Klarheit und Selbstreflexion.
Spiegel, denen du nicht ausweichen kannst.
Denn jeder schläft in dem Bett, das er selbst gemacht hat.
Und deine Geister bleiben, bis du ihnen in die Augen schaust.
Sie wollen nur gesehen werden.
Zum Schluss möchte ich dir sagen:
Du darfst mich weiter hassen. Wenn das ist, was dich schlafen lässt.
Ich nehme dir das nicht übel. Aber reagiere auch nicht mehr.
Ich habe keinen Platz mehr für toxische Muster, Manipulation, Schuldspiele.
Für mich bist du heute wie eine Fremde, die einmal kurz mein Dach geteilt hat.
Wir haben nie zueinander gefunden –
und das ist okay.
Vielleicht denke ich manchmal daran, wie wir hätten sein können, wären wir auf derselben Seite gewesen.
Aber selbst ohne all das Trauma wären wir wohl zu verschieden gewesen.
Du hast keinen Platz mehr in meinem Leben, und das meine ich nicht böse.
Im Gegenteil – vielleicht befreit dich das.
Blut ist nicht immer dicker als Wasser.
Familie ist nicht immer Liebe.
Und wir zwei sind der Beweis.
Vielleicht im nächsten Leben.
Oder auch nicht.