Um meinen Schreibfluss gar nicht erst wieder versiegen zu lassen, sitze ich heute erneut hier und leere meine Gedankenkiste aus. Vielleicht mache ich daraus ein Morgenritual. Erst einmal den Kopf ausmisten, bevor der Tag Gelegenheit bekommt, neues Chaos hineinzutragen.
Ein möglicher Geheimtipp für chronische Grübler. Bitte noch nicht nachmachen, die Erfolgsaussichten befinden sich in der Erprobungsphase.
Gestern ging es darum, auch mal fehlen zu dürfen. Heute frage ich mich, wie es sich eigentlich anfühlt, wirklich vermisst zu werden.
Eine absurde Frage, wenn man bedenkt, wie oft ich selbst andere Menschen vermisse. Nur andersherum fühlt sich das Konzept so fremd an, als würde ich über ein Land schreiben, das ich bisher nur von Postkarten kenne.
Vielleicht, weil ich jahrelang geglaubt habe, weniger festzuhalten wäre dasselbe wie loszulassen. Dass Abstand automatisch Vergessen bedeutet. Zu meiner Verteidigung: Einige ausgesprochen engagierte Menschen haben diese Theorie regelmäßig bestätigt.
Melde ich mich nicht, bleibt es still. Frage ich nicht nach einem Treffen, findet keines statt. Und hinterfrage ich irgendwann, warum eine Verbindung eigentlich nur von meiner Seite aus gepflegt wird, stehe ich plötzlich selbst in der Verantwortung.
Ein beeindruckendes Kunststück. Besonders, weil mein schlechtes Gewissen dabei zuverlässig die Hauptrolle übernimmt.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Mitmenschen halten mich für eine freiwillige Einzelgängerin. Als hätte ich beschlossen, lieber einsam durch die Welt zu wandern, als mich unter Menschen zu mischen.
Dabei bin ich unglaublich gerne unter Menschen. Nur eben nicht unter allen. Ich passe nicht überall hinein, und manchmal kommt es mir vor, als hätten andere beinahe Angst, mich zu lange festzuhalten. Als könnte ich sie verbrennen.
Was schade ist. Denn eigentlich möchte ich niemanden verbrennen. Ich möchte bloß irgendwo ankommen dürfen.
Und genau da liegt der kleine Fehler in meinem System: Wenn ich glaube, einen meiner Menschen gefunden zu haben, gewöhne ich mich an die Wärme. Freue mich über Nähe, lasse jemanden hinein und stelle mir vielleicht ein bisschen zu früh vor, dass diese Verbindung auf beiden Seiten dasselbe bedeutet.
Nur um irgendwann festzustellen, dass ich vielleicht gar niemanden gefunden habe, der bleiben wollte. Sondern bloß jemanden, der sich eine Weile an mir gewärmt hat.
Und schon sitzt sie wieder da, diese unangenehme Frage: Bin ich eigentlich so leicht zu vergessen?
Was für ein reizender Gedanke an einem Montagmorgen. Da schmeckt der Kaffee doch gleich ein bisschen existenzieller.
Natürlich weiß mein vernünftiger Anteil, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie oft jemand nach mir fragt. Nur hat mein Herz offenbar beschlossen, manche Erkenntnisse ausschließlich als unverbindliche Lektüre zu betrachten.
Und dann kommen diese gut gemeinten Ratschläge. Ich solle alles lockerer sehen. Mich nicht so hineinsteigern. Einfach mal gelassener sein.
Ach so. Natürlich. Ich stelle meine Gefühlswelt einfach auf Zimmerlautstärke und wir tun so, als wäre das Problem damit behoben.
Dabei behaupte ich gar nicht, dass meine Art zu fühlen immer leicht ist. Ich weine schnell, nehme manches zu persönlich und wenn meine Wut auftaucht, bringt sie gelegentlich ihre eigene Blaskapelle mit. Daran arbeite ich. Versprochen.
Aber große Gefühle sind schließlich nicht ausschließlich in den unangenehmen Momenten groß.
Wenn ich mich freue, dann so, dass die Freude plötzlich für mehrere Menschen reicht. Wenn ich begeistert bin, kann ich andere mitreißen, bis sie ihre Sorgen für einen Augenblick vergessen. Wenn ich jemanden verteidige, dann mit einer Überzeugung, die vielleicht auch ihnen ein bisschen Mut zurückgibt. Und wenn ich liebe, möchte ich, dass sich ein Mensch endlich einmal durch meine Augen sehen kann. Ohne all die Fehler, die ihm andere ständig vorhalten.
Wie wunderschön ist das eigentlich?
Ich glaube, das darf ich ruhig einmal selbst sagen. Sonst wartet meine Begeisterung für mich womöglich noch jahrelang auf eine externe Genehmigung.
Vielleicht bin ich manchmal zu viel für manche Menschen. Vielleicht war ich bisher auch einfach zu oft an Orten, an denen mein Vielsein erstaunlich wenig zurückbekommen hat.
Aber daraus möchte ich nicht schließen, dass ich weniger werden muss.
Ich möchte lernen, meine Gefühle nicht überall abzustellen wie einen Korb voller Geschenke, in der Hoffnung, jemand würde sich schon darüber freuen. Und aufhören, mich selbst zu übersehen, sobald ich glaube, von jemand anderem gesehen zu werden.
Ich bin nicht weniger wert, nur weil mich jemand nicht vermisst.
Vielleicht muss ich also gar nicht lernen, weniger zu fühlen. Sondern nur, meine Aufmerksamkeit nicht länger darauf zu verschwenden, herauszufinden, warum sie anderswo nicht erwidert wird.
Da draußen wartet schließlich noch ein ganzes Leben darauf, von mir mit derselben Begeisterung geliebt zu werden.
Und ich habe wirklich Besseres zu tun, als mich ständig selbst zu übersehen.
Zum Beispiel meine Träume verwirklichen.
Oder wenigstens erst einmal meinen Kaffee austrinken.
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