Vielleicht sollte ich mich selbst mal vermissen.
Es ist Sonntag und ich sitze schon wieder hier und denke über etwas nach, das ich eigentlich längst verstanden haben sollte. Zumindest theoretisch. In der Praxis scheint mein Herz gelegentlich eine ausgesprochen schlechte Schülerin zu sein.
Mir fällt nämlich immer wieder ein, dass Selbstrespekt manchmal bedeutet, Menschen meine Abwesenheit zuzumuten. Nicht aus Trotz, nicht als Spielchen und schon gar nicht, um jemanden zu bestrafen. Sondern weil auch meine Zeit, meine Aufmerksamkeit und meine Zuneigung einen Wert haben. Einen, der offenbar erstaunlich leicht übersehen wird, wenn ich alles davon rund um die Uhr frei Haus liefere.
Wie soll mich jemand vermissen, wenn ich nie wirklich fehle? Wie soll jemand von sich aus nach meiner Nähe suchen, wenn ich längst vor der Tür stehe, mit offenen Armen, drei Gesprächsthemen und vorsorglich noch einer Portion Verständnis im Gepäck?
Ich erkläre zu viel, erzähle zu viel, liebe zu großzügig und kümmere mich gelegentlich um Dinge, die nicht einmal meine Angelegenheit sind. Ein emotionaler Rundumservice, dessen Geschäftsmodell selbst mir langsam fragwürdig erscheint.
Denn manchmal ist all das Geben nichts anderes als eine hübsch verpackte Bitte, doch bitte bleiben zu wollen.
Und das Bittere daran? Wer meinen Wert nicht sehen möchte, wird ihn auch dann nicht entdecken, wenn ich ihn noch mit einer Schleife versehe.
Dabei wünsche ich mir gar nichts Unmögliches. Ich möchte nicht um Aufmerksamkeit bitten müssen, die andere freiwillig bekommen. Nicht ständig die erste sein, die schreibt, nachfragt, Verständnis aufbringt oder die berühmte Extrameile zurücklegt, während sich auf der Gegenseite offenbar niemand die Schuhe binden möchte.
Ich möchte Nähe, die nicht ausschließlich von meiner Initiative lebt. Menschen, die meine Gesellschaft suchen, nicht nur meine Verfügbarkeit genießen. Und vor allem möchte ich endlich aufhören, mich mit Krümeln zufriedenzugeben, nur weil ich hoffe, irgendwann würde jemand den ganzen Tisch decken.
Eigentlich weiß ich das alles längst. Ich habe es verstanden, aufgeschrieben, vermutlich sogar schon ausgesprochen klug darüber philosophiert. Und trotzdem finde ich mich regelmäßig an genau demselben Punkt wieder.
Erkenntnis ist eben noch keine Veränderung. Manchmal ist sie nur die etwas unangenehme Begleitung auf dem Weg zurück zum Anfang.
Vielleicht gehört auch das zum Lernen. Sich selbst immer wieder dabei zu ertappen, wie man alte Gewohnheiten mit neuen Erkenntnissen entschuldigt. Eine weitere Runde drehen, obwohl man die Ausfahrt längst kennt.
Und dann denke ich mir manchmal, wie schön es eigentlich wäre, eine Freundin wie mich zu haben. Jemanden, der sich erinnert, nachfragt, mitdenkt, sich Mühe gibt und Liebe nicht erst dann zeigt, wenn gerade zufällig etwas davon übrig ist.
Ein ziemlich schöner Gedanke, finde ich.
Bis mir beim Schreiben auffällt, dass ich diese Freundin ja theoretisch längst haben könnte.
Mich.
Ausgerechnet.
Da verteile ich meine Zuneigung großzügig in alle Himmelsrichtungen und vergesse dabei regelmäßig die Person, die das Ganze überhaupt erst möglich macht. Vielleicht sollte ich also anfangen, mir selbst ein bisschen mehr von jener Aufmerksamkeit zu schenken, die ich bei anderen so selbstverständlich für verdient halte.
Und vielleicht darf mein Fehlen ab und zu einfach spürbar sein. Nicht als Prüfung für andere, sondern als Erinnerung für mich, dass ich nicht ständig anwesend sein muss, um einen Platz im Leben anderer Menschen zu verdienen.
Tja. Da sitzt sie nun wieder, die Ironie. Mitten zwischen meinen Zeilen, als hätte sie dort schon die ganze Zeit auf mich gewartet.
Immerhin habe ich sie diesmal selbst entdeckt.
Besser spät als gar nicht.
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