Ich finde, wir reden viel zu wenig darüber, wie doof Grenzen setzen eigentlich ist.
Nicht darüber, wie wichtig, mutig oder gesund es ist. Das wissen wir inzwischen. Dafür gibt es schließlich genügend hübsche Sprüche im Internet.
Protect your peace. Know your worth. Choose yourself.
Sehr schön.
Können wir trotzdem einmal ergänzen, dass es meistens einfach richtig beschissen ist?
Weil ich nämlich nicht ständig Menschen aus meinem Leben streichen möchte. Ganz im Gegenteil. Von außen sieht es vielleicht manchmal so aus, als wäre ich inzwischen ziemlich geübt darin, Türen zu schließen.
Dabei könnte mir wirklich niemand vorwerfen, nicht vorher viel zu lange in der Tür gestanden und festgehalten zu haben.
Ich halte an Menschen fest, bis meine Hände müde werden. Ich erkläre, versuche zu verstehen, suche Gründe, Zwischentöne und Perspektiven. Und manchmal lasse ich Menschen am Ende mit meinen eigenen Fingerabdrücken auf ihnen gehen, weil ich so lange versucht habe, sie noch festzuhalten.
Nicht, weil ich sie loslassen wollte, sondern weil irgendwann nur noch eine Grenze übrig war.
Und dann kommt der besonders charmante Teil: Man setzt sie – und plötzlich geht jemand.
Herrlich. Healing Journey und so.
Denn nein, ich möchte nicht schon wieder eine Freundschaft verlieren, nur weil Kommunikation und Reflexion offenbar Dinge sind, die ich nebenbei noch unterrichten soll. Ich möchte keine Verbindung loslassen, nur weil Ausgeglichenheit und Mühe eine Einbahnstraße geworden sind. Und manchmal war ich eigentlich noch gar nicht fertig damit, jemanden kennenzulernen.
Das ist vielleicht das Nervigste daran.
Manchmal möchte ich gar kein Ende. Ich möchte nur nicht ständig erklären müssen, warum mich etwas verletzt, mein Bedürfnis nach Respekt verteidigen oder jedes Verhalten erst verstehen und einordnen müssen, bevor ich mir überhaupt erlauben darf, es scheiße zu finden.
Auch Empathie hat irgendwann Feierabend. Offenbar.
Natürlich stimmt es trotzdem: Grenzen sind wichtig. Grenzen sind Selbstrespekt. Grenzen schützen uns.
Aber manchmal sitzt hinter einer Grenze eben kein triumphierender Mensch, der endlich seinen Wert erkannt hat. Manchmal sitzt dort einfach jemand und denkt:
Ich hätte dich eigentlich gerne behalten. Nur nicht so.
Denn eine Grenze bedeutet nicht immer: Ich möchte dich nicht mehr.
Manchmal bedeutet sie nur: Ich möchte mich selbst nicht mehr verlieren, damit du bleiben kannst.
Leider reicht genau das bei manchen Menschen schon aus, damit sie gehen. Eine durchaus praktische Information über die Qualität einer Verbindung – emotional betrachtet trotzdem ausgesprochen lästig.
Und vielleicht muss ich deshalb lernen, einen Satz öfter stehen zu lassen, ohne ihn anschließend mit Verständnis und siebzehn möglichen Beweggründen weichzupolstern:
Das ist deins.
Dein Verhalten ist deins, deine Entscheidungen sind deins und wie du mit Menschen umgehst, ebenfalls.
Ich muss aufhören, den Schmerz anderer Menschen einzusammeln, nur weil ich ihn erkennen kann. Nicht jedes Gefühl, das ich verstehe, gehört automatisch in meine Hände. Und nicht jede Wunde, die ich sehe, wird dadurch zu meiner Aufgabe.
Denn ich war oft diejenige, die bemerkt hat und nicht gesehen wurde. Die zugehört hat und selbst kaum gehört wurde. Die geblieben ist und trotzdem nicht gewählt wurde. Die getragen hat und selten gehalten wurde.
Also besteht mein neues Trainingsprogramm offenbar darin, meine Grenzen stärker zu trainieren als meine Empathie.
Klingt überschaubar.
Ist schließlich nur ein bisschen Nein sagen, loslassen, Selbstrespekt und jahrelang antrainierte emotionale Zuständigkeit umlernen.
Ich habe dieses Workout wirklich maßlos unterschätzt.
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