Eine kleine Herbstinventur bei Vollmond.
Gestern hat mir der Erntemond eine Erkenntnis direkt in die Magengrube befördert. Ungefragt, versteht sich. Und heute sitze ich mit meinem Morgenkaffee hier und frage mich:
Werde ich eigentlich weniger geliebt, je mehr man mich kennenlernt?
Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen mögen vor allem die Version von mir, die sie zuerst kennenlernen. Die unkomplizierte. Die verständnisvolle. Diejenige, die viel fühlt, wenig verlangt und erstaunlich oft Verständnis für Dinge aufbringt, für die sie selbst wahrscheinlich längst eine Entschuldigung schuldig wäre.
Bis irgendwann die anderen Seiten dazukommen.
Meine Ängste. Meine Eigenheiten. Die Stellen, an denen ich noch heile. Die Gefühle, die sich nicht immer hübsch zusammenfalten und in einer Schublade verstauen lassen.
Und plötzlich wird aus Nähe Distanz.
Vielleicht macht mir genau deshalb dieses wirkliche Gesehenwerden manchmal solche Angst. Weil ich nicht nur geliebt werden möchte, solange ich leicht zu lieben bin. Ich möchte auch mit meinen Ecken, meinen Schatten und gelegentlichen emotionalen Wetterkatastrophen einen Platz im Leben anderer Menschen haben.
Offenbar eine ziemlich gewagte Vorstellung.
Ich habe lange Zeit Menschen meine Energie geschenkt, die kaum bemerkten, wenn meine eigene zur Neige ging. Habe Verständnis verteilt, als hätte ich irgendwo ein unerschöpfliches Lager davon. Habe geschwiegen, relativiert, entschuldigt. Mir eingeredet, ich würde zu viel erwarten, zu viel nachdenken, zu viel fühlen.
Die klassische Ines also. Emotionaler Rund-um-die-Uhr-Service. Leider unbezahlt.
Und irgendwann wurde ich müde.
Nicht von den Menschen an sich. Sondern davon, mich in ihrer Gegenwart gleichzeitig unsichtbar und zu viel zu fühlen. Davon, zwischen Worten und Taten nach einer Zuneigung zu suchen, die eigentlich längst hätte spürbar sein sollen.
Ich habe mich gefragt, ob Freundschaft sich tatsächlich manchmal so einsam anfühlen muss. Ob ich mein halbes Leben damit verbringen möchte, anderen zu erklären, wie man mich nicht ständig ein kleines bisschen verliert.
Und irgendwo zwischen all diesen Fragen hat sich etwas verändert.
Ich habe aufgehört, zuerst Verständnis für alle anderen aufzubringen. Nicht, weil ich keines mehr habe. Sondern weil ich endlich angefangen habe, auch welches für mich selbst zu haben.
Ich frage mich nicht mehr ausschließlich, ob ich gut genug für andere bin.
Ich frage mich mittlerweile auch, ob sie gut für mich sind.
Eine geradezu revolutionäre Entwicklung in meinem kleinen Empathen-Haushalt.
Ich achte genauer darauf, wie Menschen mich behandeln. Nicht jedes Schweigen verlangt eine Aussprache, nicht jede Enttäuschung eine Diskussion. Manchmal bemerke ich Dinge einfach. Leise. Und verändere entsprechend, wie viel von mir ich noch in eine Verbindung investiere.
Nicht aus Trotz. Nicht, um jemanden zu bestrafen.
Sondern weil meine Energie kein Selbstbedienungsladen ist.
Natürlich erwarte ich keine Perfektion. Menschen haben schlechte Tage, schwierige Phasen und manchmal schlichtweg ihr eigenes Leben zu bewältigen. Ich übrigens auch. Aber zwischen gelegentlicher Abwesenheit und dauerhafter Gleichgültigkeit liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Und ich habe keine Lust mehr, diesen Unterschied ständig zu meinen eigenen Ungunsten zu übersetzen.
Wer bleiben möchte, muss nicht immer die richtigen Worte finden. Aber ich möchte spüren, dass dieser Mensch überhaupt versucht, einen Platz in meinem Leben einzunehmen. Nicht nur dann, wenn ich gerade besonders pflegeleicht bin.
Denn vielleicht liegt meine größte Erkenntnis gar nicht darin, dass manche Menschen mich verlieren.
Sondern darin, dass ich endlich aufhöre, mich selbst zu verlieren, nur damit sie bleiben.
Und wie jedes Jahr hat der September offenbar beschlossen, ein bisschen aufzuräumen. Draußen fallen die ersten Blätter. Drinnen verabschieden sich ein paar alte Vorstellungen davon, was ich alles hinnehmen muss, um geliebt zu werden.
Der Erntemond macht Inventur.
Und ich stelle fest, dass nicht alles, was ich so lange mit mir herumgetragen habe, auch mit in den Herbst muss.
Manches darf einfach fallen.
Ganz ohne Abschiedsrede.
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