Blätterfall & fremdes Gepäck

Der Herbst ist da. Endlich. Meine liebste Jahreszeit wirft sich wieder in ihr schönstes Gold, und ich beschäftige mich, passend zur Saison, mit der hohen Kunst des Loslassens. Wieder einmal. Offenbar ein Fortbildungskurs mit unbegrenzter Teilnehmerdauer.

Wenn ich jemanden mag, dann richtig. Ich bin großzügig mit meiner Zeit, meiner Zuneigung und gelegentlich auch mit dem letzten Rest meiner Vernunft. Ich erinnere mich an Kleinigkeiten, speichere jedes Wort und höre manchmal sogar das, was niemand ausgesprochen hat.

Ich habe schon immer so geliebt, wie ich selbst gerne geliebt werden möchte. In der stillen Hoffnung, andere würden meine Sprache verstehen, nur weil ich sie fließend spreche.

Doch bin ich deswegen schwer zu lieben? Nur weil ich selbst so schwerelos liebe?

Vielleicht ist das mein größter Lernprozess: Menschen verstehen, ohne sie gleich retten zu müssen. Ich kann ihre Gefühle nachvollziehen, ihre Wunden erkennen und ihre Gedanken in tausend mögliche Richtungen weiterspinnen. Ihre ungeheilten Stellen werden deshalb noch lange nicht zu meiner Aufgabe.

Empathie ist schließlich keine ehrenamtliche Vollzeitstelle. Auch wenn ich mich offenbar jahrelang mit beeindruckender Hingabe dafür beworben habe.

Und überhaupt: Wir wissen nie wirklich, was andere Menschen denken oder fühlen. Dafür interpretieren wir mit erstaunlicher Entschlossenheit das Verhalten anderer und sind anschließend beleidigt von Geschichten, die wir uns selbst erzählt haben. Nicht besonders perspektivenoffen, wenn man mich fragt. Literarisch allerdings bemerkenswert.

Ich nehme mir also vor, künftig nur noch so weit zu gehen, wie mir jemand entgegenkommt. So viel zu sprechen, wie mir zugehört wird. Meine Grenzen nicht jedes Mal zur Verhandlung freizugeben, bloß weil ich die Beweggründe meines Gegenübers verstehen kann.

Wieder einmal ein „neuer“ Vorsatz. Mittlerweile kennen wir zwei uns ausgesprochen gut.

Vielleicht sind manche Menschen auch gar nicht in mein Leben gekommen, um mit mir weiterzuwachsen. Vielleicht haben sie mir lediglich vorgeführt, wie es aussieht, wenn man es nicht tut.

Eine durchaus lehrreiche Vorstellung. Nur möchte ich dafür künftig nicht mehr mit meinem eigenen Seelenfrieden bezahlen.

Und während ich versuche, mich selbst nicht in der Gefühlswelt anderer zu verlieren, machen es mir die Bäume draußen vor.

Sie lassen gerade alles los, was sie das ganze Jahr über mit so viel Mühe wachsen ließen.

Nenn es Verlust, wenn du möchtest. Ich nenne es Vertrauen.

Vielleicht liebe ich den Herbst genau deshalb so sehr. Jede Jahreszeit vergeht, jede kehrt wieder, und doch ist keine jemals dieselbe. Eine beinahe unverschämte Gewissheit inmitten all dieser Ungewissheit.

Natürlich macht mir der Anfang eines Anfangs manchmal Angst. Ich hätte schließlich gerne vorher die schriftliche Bestätigung, dass mir das Ende gefällt. Aber wie ein Ende endet, hat noch kein Anfang je verraten.

Und vielleicht muss ich diesmal auch gar kein völlig neuer Mensch werden. Vielleicht darf ich einfach derselbe bleiben, nur mit etwas weniger fremdem Gepäck und einer gesunden Abneigung gegen unbezahlte emotionale Überstunden.

Der Herbst jedenfalls scheint zu wissen, was er tut.

Ich schließe mich ihm an.

Mit offenen Händen. Aber nicht mehr für alles zuständig.

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