Schwerkraft und andere Frechheiten

Manchmal ist das, was ich fühle, zu schwer, um es hinunterzuschlucken, und zu zerbrechlich, um es laut auszusprechen.

Manchmal halte ich fest. Nicht, weil ich unbedingt bleiben möchte, sondern weil sich Gehen gerade noch einsamer anfühlt.

Und dann stehe ich da. Mitten im Dazwischen. Mit einem Herzen, das langsam auch mal Urlaub gebrauchen könnte.

Über Heilung wird gerne gesprochen, als gäbe es diesen einen großen Moment, in dem plötzlich alles wieder gut ist. Alte Wunden verschwinden, die Vergangenheit ist abgeschlossen und irgendwo im Hintergrund spielt vermutlich eine sehr emotionale Klaviermelodie.

Schön wär’s.

Es gibt Tage, an denen ich wirklich glaube, ich hätte es geschafft. Alles aufgearbeitet, abgeschlossen und fein säuberlich in irgendeiner Schublade verstaut.

Bis ein Geruch, ein Geräusch oder ein völlig unschuldiger Gedanke diese Schublade wieder aufreißt. Manchmal reicht auch ein fremder Mensch, ein belangloser Moment oder einfach gar nichts.
Zumindest nichts, das sich greifen lässt.

Keine Vorwarnung, keine verdächtigen Spuren. Selbst die hauseigene Spurensicherung steht vor einem Rätsel.

Und plötzlich brennt wieder alles.

Vielleicht nur für einen Augenblick, aber lange genug, um zu wissen, dass manche Dinge eben nicht verschwinden, nur weil wir gelernt haben, mit ihnen zu leben.

Und was machen wir mit all den Dingen, die wir nicht fühlen wollen?

Wir beschäftigen uns.

Füllen unsere Tage mit Dingen, die wir eigentlich nicht brauchen. Reden viel und hören wenig zu. Lieben vorsichtig, manchmal aus Vorsicht lieber gar nicht. Wir wissen ziemlich genau, wie man durchhält, aber haben zwischendurch offenbar vergessen, wie man einfach nur da ist.

Und ich? Ich bin mittendrin.

Versuche, alles im Griff zu haben, obwohl meine Hände dafür nun wirklich nicht groß genug sind. Suche Leichtigkeit auf einem Planeten mit Schwerkraft und wundere mich gelegentlich, warum das Ganze so anstrengend ist.

Dabei ist mir letztens ein ziemlich unbequemer Gedanke gekommen.

Irgendwann war das hier mal mein Ziel. Dieses Leben, in dem ich gerade stehe. Dinge, von denen ich früher geträumt habe, sind mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass ich beinahe vergessen habe, mich darüber zu freuen.

Habe ich das eigentlich jemals gefeiert?

Oder war ich schon wieder viel zu beschäftigt damit, irgendwo anders anzukommen?

Wir lernen so unglaublich viel übers Werden und erstaunlich wenig übers Sein. Zählen die Jahre, die Erfolge, die Dinge, die noch fehlen. Aber wie oft zählen wir eigentlich die Augenblicke, in denen wir wirklich lebendig waren?

Vielleicht muss ich gar nicht jede alte Wunde ausradieren, jeden Gedanken zu Ende denken und jedes Gefühl in irgendeine ordentlich beschriftete Schublade stecken.

Vielleicht darf manches einfach da sein. Die Vergangenheit, die Freude, die Wut. Auch dieses müde Herz, das gelegentlich etwas länger braucht.

Und vielleicht darf ich mich zwischendurch sogar über das Leben freuen, das ich mir irgendwann einmal so sehr gewünscht habe. Ohne vorher sämtliche emotionalen Baustellen fertigzustellen.

Ich glaube, ich habe so viel Zeit damit verbracht, irgendwo anzukommen, dass ich manchmal vergesse, dass ich längst hier bin.

Mitten im Leben. Mitten im Dazwischen.

Und immer noch auf einem Planeten mit Schwerkraft.

Immerhin stehe ich.

Meistens jedenfalls.

Hinterlasse einen Kommentar