Heute denke ich mal wieder über meinen Vater nach.
Nicht geplant. Solche Gedanken halten sich bekanntlich eher selten an Öffnungszeiten.
Manchmal stelle ich mir vor, ich könnte ihm alles zurückgeben.
Die Angst.
Die Wut.
Dieses viel zu frühe Wissen darüber, wie sich ein Zuhause anfühlt, in dem man ständig ein bisschen auf der Hut ist.
In meinem Kopf richte ich all das auf ihn wie eine Waffe.
Und dann passiert etwas ziemlich Unpraktisches:
Ich sehe plötzlich nicht mehr nur den wütenden Mann aus meiner Kindheit.
Ich sehe einen Vater, der irgendwo allein isst. Allein schlafen geht. Einen Menschen, dem vielleicht niemand selbstverständlich „Guten Morgen“ sagt oder im Vorbeigehen einen schönen Tag wünscht.
Und dann merke ich, dass die Waffe längst wieder in meine Richtung zeigt.
Großartig.
Offenbar kann ich nicht einmal in meinen eigenen Gedanken ordentlich nachtragend sein.
Vielleicht liegt genau da inzwischen der Unterschied.
Was andere Menschen mit mir gemacht haben, gehört zu ihrer Geschichte.
Was ich heute daraus mache, gehört zu meiner.
Wobei das natürlich sehr erwachsen klingt für jemanden, der innerlich immer noch gelegentlich mit der Vergangenheit diskutiert, als würde sie irgendwann sagen:
„Ah. Stimmt. Mein Fehler.“
Tut sie bisher nicht.
Es ist schwer, ein brennendes Zuhause zu verlassen, selbst wenn man längst nur noch im Kopf darin wohnt.
Denn Feuer ist eben auch warm.
Und wenn es lange die einzige Wärme war, die man kannte, fühlt sich selbst Ruhe manchmal verdächtig kalt an.
Vielleicht kommt deshalb meine Wut hin und wieder vorbei.
Eher wie ein unangemeldeter Gast, der kurz in der Küche steht, sich beschwert und irgendwann wieder geht.
Und darunter bleibt immer dasselbe Mädchen übrig.
Eines, das eigentlich nie besonders kompliziert war.
Es wollte nur wissen, ob es liebenswert ist, ohne vorher irgendetwas leisten, erklären oder aushalten zu müssen.
Manchmal frage ich mich, was mein Vater sagt, wenn ihn jemand nach seinem jüngsten Kind fragt.
Ob er kurz innehält.
Ob ihm auffällt, dass er die Antwort selbst nicht mehr wirklich kennt.
Ich weiß nicht, warum mich dieser Gedanke manchmal trauriger macht als wütend.
Vielleicht muss ich das auch gar nicht wissen.
Mit einem wütenden Vater aufzuwachsen hat mir jedenfalls eine ziemlich seltsame Beziehung zur eigenen Wut eingebracht.
Bloß nicht zu laut werden.
Bloß nicht zu hart werden.
Bloß nicht aussehen wie er.
Dabei vergesse ich manchmal, dass ein Gefühl noch lange kein Charakterzug ist.
Und dass ich heute längst entscheiden kann, was ich damit mache.
Manchmal frage ich mich auch, wer ich geworden wäre, wenn meine Kindheit weniger aus Lektionen und etwas mehr aus Sicherheit bestanden hätte.
Vielleicht leichter.
Vielleicht vertrauensvoller.
Vielleicht genau gleich, nur mit weniger Stoff für einen Blog.
Auch irgendwie unhöflich von der Vergangenheit, mir darauf keine Antwort zu geben.
Ich werde es wohl nie wissen.
Ich weiß nur, dass ich heute hier sitze und erstaunlicherweise noch immer weich bin.
Nicht immer.
Nicht überall.
Aber genug.
Und vielleicht reicht mir das für diesen Sonntag.
Manche Dinge können lange vorbei sein und trotzdem manchmal kurz neben einem auf dem Sofa sitzen.
Man muss ihnen ja nicht gleich wieder ein Zimmer anbieten.
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