Die Sache mit den großen Gefühlen

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie oft ich Menschen erzähle, dass ich viel fühle – und wie überrascht sie später trotzdem davon sind.

Nicht im Sinne von „ich bin ein bisschen sensibel“.

Mehr im Sinne von: Ich betrete einen Raum und merke meistens ziemlich schnell, wenn irgendwo etwas in der Luft hängt. Ich höre Dinge zwischen Sätzen. Sehe, wenn sich ein Gesicht für eine halbe Sekunde verändert. Spüre Spannungen, die offiziell noch gar nicht existieren, und nehme Gefühle manchmal mit nach Hause, obwohl sie dort eigentlich überhaupt keinen Mietvertrag haben.

Praktisch.

Ich schreibe viel darüber. Ich rede darüber. Eigentlich liefere ich seit Jahren regelmäßig kleine Lageberichte aus meinem Innenleben.

Und trotzdem frage sogar ich mich manchmal, ob ich diese Karte wirklich schon wieder spielen darf.

„Ines fühlt viel.“
„Ines versteht Emotionen.“
„Ines betrachtet Dinge aus siebzehn verschiedenen Perspektiven, bevor sie sich erlaubt, überhaupt eine eigene Meinung dazu zu haben.“

Wir kennen das Konzept mittlerweile.

Nur weil meine eigenen Gefühle oft ziemlich große Auftritte hinlegen, bedeutet das nämlich nicht, dass daneben kein Platz für die Gefühle anderer wäre. Im Gegenteil. Ich möchte verstehen, welche Geschichte hinter einer Reaktion steckt. Ich kann verletzt sein und trotzdem begreifen, warum jemand so gehandelt hat.

Was übrigens nicht bedeutet, dass dadurch plötzlich alles okay ist.

Verstehen und entschuldigen sind zwei verschiedene Dinge.

Auch das durfte ich lernen.

Mehrfach.

Das Universum legt offenbar großen Wert auf Wiederholungsübungen.

Und trotzdem finde ich mich immer wieder in ähnlichen Situationen wieder.

Jemand erzählt mir etwas. Ich höre zu. Wir reden. Ich versuche, Worte für etwas zu finden, das vielleicht bisher nur als schweres, unförmiges Gefühl irgendwo herumgelegen hat.

Und irgendwann kommt dieser Moment:

„Wow. Genau so fühlt sich das an.“

Oder:

„Das hat noch nie jemand so verstanden.“

Und irgendwo sehr tief in mir sitzt dann eine kleine Ines, verschränkt die Arme und denkt:

Ich hab’s doch gesagt.

Natürlich sage ich das nicht.

Man möchte anderen ihren schönen Erkenntnismoment schließlich nicht mit einem inneren „siehe Bedienungsanleitung, Seite vier“ ruinieren.

Ich verstehe die Verwirrung.

Wirklich.

Auch ich sitze manchmal in stillen Momenten da, atme einmal tief durch und muss mir selbst bewusst machen, dass all diese Geschichten tatsächlich meine sind.

Dass manche Menschen, die einmal ganze Kapitel meines Lebens gefüllt haben, heute nur noch Namen in alten Erinnerungen sind – während einzelne Sätze, Gesten und Gefühle trotzdem irgendwo ihr Echo hinterlassen haben.

Ich erzähle oft davon, wie viel ich gelernt habe.

Vielleicht mehr, als mir manchmal lieb ist.

Davon, wie oft ich mich selbst wieder zusammensetzen musste. Wie ich langsam verstanden habe, dass nicht jedes Gefühl, das ich wahrnehme, auch meine Aufgabe ist. Dass Empathie nicht bedeutet, alles tragen zu müssen, nur weil ich stark genug wäre, es hochzuheben.

An diesem Teil übe ich übrigens noch.

Meine emotionale Gepäckannahme hatte sehr lange ausgesprochen großzügige Öffnungszeiten.

Auch für Dinge, die überhaupt nicht mir gehörten.

Heute erkenne ich zumindest häufiger den Unterschied.

Und trotzdem gibt es Tage, an denen selbst ich meine eigene Lebensgeschichte ein bisschen surreal finde.

Wenn ich alles so nebeneinanderlege, klingt es stellenweise tatsächlich nach dem Stoff, aus dem Menschen Bücher machen.

Ein paar fragwürdige Wendungen.
Verluste.
Neuanfänge.
Menschen, die bleiben sollten und gingen.
Menschen, die gingen und trotzdem irgendwo blieben.
Ein bisschen Dunkelheit.
Sehr viele Gefühle.

Eigentlich das komplette Autoren-Starterpaket.

Ich arbeite mich vorerst einfach mit einem Blogpost nach dem anderen vor.

Baby Steps.

Was ich heute jedenfalls weiß:

Ich kann Schmerz aushalten, ohne deshalb aufzuhören zu lieben.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Menschen bei mir Dinge aussprechen, die sie sonst lieber irgendwo tief in sich verstauen.

Nicht, weil ich immer die richtige Antwort habe.

Habe ich nicht.

Manchmal habe ich nicht einmal für mein eigenes Leben eine besonders überzeugende.

Aber ich kann neben einem Gefühl sitzen, ohne sofort zu versuchen, es wegzumachen.

Ich kann verstehen, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können.

Dass jemand verletzt sein und trotzdem lieben kann.
Dass man jemanden verstehen und trotzdem gehen muss.
Dass etwas schön gewesen sein kann und trotzdem nicht für immer gedacht war.
Dass ein Ende weh tun darf, ohne automatisch zu bedeuten, dass alles davor ein Fehler gewesen ist.

Vielleicht ist das meine eigentliche Form von Stärke geworden.

Nicht weniger zu fühlen.

Sondern all das fühlen zu können, ohne daran hart zu werden.

Denn natürlich könnte ich nach manchen Erfahrungen beschließen, vorsichtshalber sämtliche Türen zu verriegeln, den Garten zuzupflastern und jedem Menschen am Eingang ein mehrseitiges Sicherheitsformular auszuhändigen.

Verständlich wäre es vermutlich.

Aber auch ein bisschen schade.

Und ganz ehrlich:

Alle Rosen zu hassen, nur weil mich eine gestochen hat, wäre schon ziemlich dramatisch.

Außerdem ausgesprochen unfair gegenüber den Rosen.

Vielleicht werde ich heute vorsichtiger, wenn ich durch den Garten gehe.

Vielleicht schaue ich genauer hin.

Vielleicht muss auch nicht mehr jede Blume sofort mit nach Hause.

Aber ich möchte deswegen nicht aufhören, welche zu pflanzen.

Nicht aufhören zu träumen, nur weil sich manche Träume nicht erfüllt haben.

Nicht aufhören, Menschen kennenzulernen, weil andere mich enttäuscht haben.

Nicht jede neue Geschichte danach beurteilen, wie eine alte geendet hat.

Denn bisher kam nach jedem Ende irgendwann wieder etwas.

Nicht immer sofort.
Nicht immer das, was ich erwartet hatte.
Und meistens mit deutlich weniger dramatischer Hintergrundmusik, als man sich das im eigenen Kopf vorher ausmalt.

Aber etwas kam.

Neue Menschen.
Neue Freundschaften.
Vielleicht irgendwann eine neue Liebe.
Neue Ideen.
Neue Versionen von mir.

Neue Kapitel, von denen ich heute noch überhaupt nichts weiß.

Und wenn ich eines über mein bisher doch erstaunlich umfangreiches Autoren-Starterpaket gelernt habe, dann wahrscheinlich das:

Nur weil ich schon einige schlechte Kapitel gelesen habe, heißt das noch lange nicht, dass ich das Buch zuklappe.

Wäre ja auch wirklich schade.

Gerade jetzt, wo ich endlich angefangen habe, selbst mitzuschreiben.

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