Die einsame Wanderin, die gar nicht einsam ist

Heute ist der letzte Tag im August und mir ist in letzter Zeit wieder öfter aufgefallen, dass die Art, wie ich bin, Menschen anscheinend verwirrt. Mein Charakter, meine Hobbys, meine Vorstellung von einem perfekten freien Tag, meine Art Nähe zuzulassen und gleichzeitig wahnsinnig gerne allein zu sein.
Wenn man versucht, mich in ein paar einfache Sätze zu packen, wird daraus ziemlich schnell ein kompliziertes kleines Konstrukt.

Früher hätte mich das vermutlich verunsichert.
Dieses Gefühl, irgendwie nie ganz in die vorgesehene Form zu passen. Das schwarze Schaf, der gegen den Strom schwimmende Fisch oder welches leicht dramatische Bild wir dafür heute verwenden möchten. Ich habe mich oft gefragt, warum ich nicht einfach ein bisschen unkomplizierter, verständlicher, normaler sein kann.

Heute erkläre ich mich zwar immer noch öfter als nötig, aber nicht mehr, weil ich mich passend machen möchte.
Eher weil irgendwo in mir dieser optimistische Gedanke sitzt,
dass andere vielleicht eine neue Perspektive sehen,
wenn ich nur die richtigen Worte finde.

Manchmal funktioniert das.

Meistens sind danach einfach noch verwirrter.

Auch okay.

Mittlerweile bin ich nämlich ziemlich froh darüber, nicht besonders gut in Schubladen zu passen. Der Weg dahin war alles andere als elegant – natürlich finde ich im Leben zuverlässig jeden überwucherten Seitenpfad und auch noch die Wurzel, über die man stolpern kann – aber irgendwann habe ich aufgehört,
mein Anderssein als Problem zu betrachten.

Ein Teil davon ist vermutlich, dass ich einfach wahnsinnig gerne allein bin. Und erstaunlich viele Menschen hören in diesem Satz etwas, das ich gar nicht gesagt habe.

Allein sein bedeutet für mich nicht einsam sein.
Ich bin nicht automatisch traurig, weil ich Single bin, und ich brauche keinen riesigen Freundeskreis, damit sich mein Leben voll anfühlt.
In den meisten Fällen würde ich einen ruhigen Abend alleine einem Abend vorziehen, für den ich erst meine soziale Batterie zusammensuchen muss.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich unter Menschen sein möchte. Manchmal bilde ich mir sogar ein, feiern gehen zu wollen. Wild, ich weiß.
Ich mag lange Gespräche, Spieleabende und dieses Lachen, bei dem irgendwann alles wehtut. Ich mag Menschen.
Nur nicht ständig, nicht zu viele gleichzeitig und am liebsten welche, bei denen ich ungefähr weiß, woran ich bin.

Vielleicht bedeutet deshalb auch jemanden kennen für mich etwas anderes.

Zu wissen, wo ich arbeite, wie mein Hund heißt, was ich gerne lese und dass ich gerne allein bin, ist für mich noch kein wirkliches Kennen. Das sind Dinge, die man vermutlich auch irgendwie nebenbei mitbekommen könnte.

Mich kennen heißt eher zu wissen, was zwischen meinen Sätzen wohnt. Warum ich an manchen Stellen laut bin und an anderen plötzlich still werde. Welche Geschichten bestimmte Seiten von mir geschrieben haben und welche Dinge ich noch immer irgendwo mit mir herumtrage. Mich zu sehen, ohne dass ich mich vorher erklären, zusammenreißen oder eine besonders unkomplizierte Version von mir vorspielen muss.

So jemanden gibt es derzeit nicht wirklich in meinem Leben –
und das ist auch okay so.

Ich habe irgendwann aufgehört, daraus diesen großen Schmerz zu bauen. Dieses Gefühl, dass mir etwas fehlen müsste, die Schuld bei mir selbst zu suchen oder mit beinahe beeindruckender Verbissenheit nach diesem einen Menschen Ausschau zu halten, der bitte endlich auftauchen und all diese offenen Stellen besetzen soll.
Klingt ohnehin ziemlich anstrengend für alle Beteiligten.

Natürlich sehne ich mich an schlechten Tagen trotzdem danach.
Nach diesem tiefen Gesehenwerden. Danach, verstanden zu werden, ohne mich erst in siebzehn Fußnoten erklären zu müssen.
Nach jemandem, der die vorherigen Kapitel kennt und deshalb bei einem neuen Satz nicht jedes Mal wieder auf Seite eins anfangen muss.

Aber ich weiß mittlerweile auch, dass ich in solchen Momenten meistens keinen bestimmten Menschen vermisse. Ich vermisse eine Form von Nähe. Eine Vorstellung davon, wie es sich vielleicht einmal anfühlen könnte.

Und das Interessante daran ist:
Ich kenne sie so eigentlich noch gar nicht.

Vielleicht habe ich früher manchmal versucht, diese Vorstellung in Menschen wiederzufinden, die dafür gar nicht gemacht waren, oder ihnen eine Rolle zugeschrieben, die größer war als das, was zwischen uns tatsächlich existierte. Heute muss ich das nicht mehr.
Die Menschen, nach denen ich mich dabei eigentlich sehne, sind vermutlich nicht jene, die ich verloren habe.
Vielleicht sind es welche, denen ich schlicht noch nie begegnet bin.

Und irgendwo da draußen werden wohl auch ein paar von ihnen herumwandern.

Hoffentlich mit ähnlich fragwürdigem Orientierungssinn wie ich, sonst finden wir uns womöglich nie.

Bis dahin bedeutet das aber nicht, dass die Menschen, die jetzt in meinem Leben sind, weniger wert wären. Ganz im Gegenteil.
Es gibt Menschen, deren Nachrichten mich freuen, mit denen ich gerne Zeit verbringe und die mir näher sind als andere.

Ich habe nur aufgehört, aus jeder schönen Verbindung sofort ein
Für-immer bauen zu wollen.

Ich reiße nicht mehr automatisch alle Türen in mir auf, nur weil ich jemanden mag. Manche Menschen dürfen einfach schöne Gesellschaft sein. Manche bleiben ein paar Seiten, andere vielleicht ein Kapitel und manche tauchen irgendwann unerwartet wieder auf. Nicht jede Verbindung muss alles sein, um trotzdem etwas Schönes zu bedeuten.

Ich liebe vermutlich noch immer zu schnell, zu intensiv und zu einfach. Das werde ich mir wahrscheinlich auch nicht mehr abgewöhnen. Aber ich muss aus einem schönen Moment kein Versprechen machen und aus einem Menschen, der mir wichtig wird, nicht automatisch einen Menschen für immer.

Für eine frühere Version von mir ist das ein ziemlich großer Meilenstein.

Vielleicht bin ich also einfach ein kleines Paradoxon. Ich kann Nähe mögen und Abstand brauchen. Menschen vermissen und trotzdem allein glücklich sein. Mir jemanden wünschen, der mich wirklich kennt, und gleichzeitig sehr zufrieden damit sein, meine Abende mit Büchern, Gedanken und meinem Hund zu verbringen.

Oder vielleicht bin ich tatsächlich einfach ein kleines Fabelwesen.

Immerhin wohnen Hexen in Geschichten ja auch verdächtig oft irgendwo am Waldrand, umgeben von Garten, Tieren, Kräutern und Büchern, und entscheiden selbst, wann sie sich wieder der Gesellschaft zeigen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto schlauer klingt dieses Konzept eigentlich.

Manche Wesen muss man vielleicht gar nicht vollständig verstehen.

Man darf sie auch einfach mögen, wie sie sind.

Und Hexen besser nicht verärgern.

Nur zur Sicherheit.

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