Ich bin nicht die Wolke

Depression ist auch — kleiner als ich.

Das klingt vielleicht erstmal frech. Fast ein bisschen respektlos gegenüber diesem großen dunklen Ding, das manchmal mitten in mir die Möbel verrückt, das Licht ausknipst und so tut, als hätte es hier Mietrecht.

Aber es stimmt.

Sie ist kleiner als ich.

Auch wenn sie sich riesig anfühlt. Auch wenn sie manchmal den ganzen Raum einnimmt. Auch wenn sie mit schwerem Mantel auf meiner Brust sitzt und flüstert: Na, heute machen wir mal wieder gar nichts, oder?

Sie ist in mir.
Ich bin nicht in ihr.

Vielleicht ist sie eine dunkle Wolke, die über den Himmel zieht. Aber wenn das die Metapher ist, dann bin ich ja der Himmel. Und der Himmel war vor der Wolke da.

Die Wolke braucht den Himmel, um überhaupt irgendwo sein zu können.
Der Himmel aber kann auch ohne die Wolke existieren.

Das vergesse ich manchmal.

Manchmal glaube ich, ich sei kaputt. Nicht dramatisch kaputt, nicht filmreif mit Regen am Fenster und trauriger Klaviermusik im Hintergrund. Eher so alltagskaputt. Ein bisschen schief verschraubt. Innen unaufgeräumt. Mit ein paar Schubladen, von denen ich erst jetzt merke, dass sie klemmen.

Manchmal rede ich zu viel.
Manchmal sage ich gar nichts.
Manchmal liebe ich sehr.
Manchmal hasse ich mich dabei ein bisschen mit.

Ich denke zu viel nach und habe trotzdem keine Worte für das, was in meinem Kopf passiert. Was, wenn man darüber nachdenkt, schon wieder fast ironisch ist. Da wohnt ein ganzes Nachrichtenjournal in mir, aber die Schlagzeile lautet meistens nur: Keine Ahnung, aber intensiv.

Ich bin leise, aber in mir ist es laut.

Ich kümmere mich gern um andere Menschen. Vielleicht, weil es einen Teil von mir heilt, der selbst einmal jemanden gebraucht hätte, der genau so geblieben wäre. Jemanden, der nicht gleich repariert. Nicht gleich bewertet. Nicht gleich sagt: „Ach komm, so schlimm ist es doch nicht.“

Sondern einfach da ist.

Irgendwie schön.
Irgendwie traurig.
Also vermutlich ziemlich menschlich.

Ich habe Angst vor falschen Entscheidungen und davor, mich gar nicht zu entscheiden. Ich habe Angst, irgendwo wegzugehen und mir dann eigentlich zu wünschen, geblieben zu sein. Ich habe Angst, zu viel zu fühlen, zu wenig zu schaffen, zu spät zu verstehen, zu früh aufzugeben.

Und trotzdem habe ich Hoffnung.

Nicht diese glänzende Hoffnung aus Werbespots, die morgens mit perfekter Haut Yoga macht und Matcha trinkt. Eher eine kleine, zerzauste Hoffnung in Wollsocken. Eine, die sich neben mich setzt und sagt: „Wir kennen das schon. Wir waren hier schon mal. Und wir sind auch wieder rausgekommen.“

Ich weiß aus Erfahrung, dass auch diese Phase endet.

Nicht, weil plötzlich alles magisch leicht wird. Nicht, weil ich eines Morgens aufwache und mein Innenleben farblich sortiert im Regal steht. Sondern weil nichts für immer gleich bleibt. Auch Schwere bewegt sich. Auch Dunkelheit hat Ränder. Auch Wolken ziehen irgendwann weiter, selbst wenn sie sich unterwegs sehr wichtig nehmen.

Bis dahin halte ich aus.

Nicht gegen mich.
Mit mir.

Ich darf schwach sein. Ich darf langsam sein. Ich darf mir Zeit lassen. Ich muss nicht jeden Gedanken erklären können, nur damit er eine Daseinsberechtigung bekommt. Manche Gefühle brauchen keine Analyse. Manche brauchen einfach Raum. Eine Decke. Vielleicht Tee. Vielleicht Stille. Vielleicht ein inneres „Ich sehe dich“, ohne gleich ein ganzes Konzept daraus zu machen.

Ich glaube, ich wachse gerade.

Nicht schön. Nicht rund. Nicht elegant. Eher wie eine Pflanze, die in einem viel zu kleinen Topf entschieden hat, trotzdem weiterzumachen. Ein bisschen krumm, aber lebendig.

Vielleicht sieht man das irgendwann.
Vielleicht auch nicht.

Ich mache trotzdem weiter.

Denn eigentlich bin ich nicht kaputt. Ich bin nicht gebrochen.

Ich bin ein Mosaik.

Und ja, manche Teile von mir sind scharfkantig. Manche passen nicht dahin, wo andere sie gern hätten. Manche glänzen erst, wenn Licht genau im richtigen Winkel darauf fällt. Aber alles gehört dazu. Auch das, was ich lange verstecken wollte. Auch das, was ich selbst noch nicht ganz verstehe.

Vielleicht brauche ich nicht den Mut für die ganze Treppe.
Vielleicht reicht der Mut für den nächsten Schritt.

Und dann für den nächsten.

Und wenn ich zwischendurch stehen bleibe, ist das auch kein Scheitern. Vielleicht ist es nur Atmen. Vielleicht ist es nur Sammeln. Vielleicht ist es nur der Moment, in dem ich mir selbst nicht davonlaufe.

Ich glaube weiterhin an das, was noch nicht ist, damit es werden kann.

Und vielleicht muss das gar niemand sonst verstehen. Niemand anderes lebt dieses Leben an meiner Stelle. Niemand anderes wohnt in diesem Himmel. Niemand anderes kennt jede Wolke beim Namen.

Nichts an mir ist perfekt.

Aber alles an mir ist genug.

Heute sorge ich dafür, dass ich glücklich bin.
Oder zumindest freundlich zu mir.

Und morgen auch.

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