Unwetter im Kopf

Migräne als unsichtbares Unwetter — und Schreiben als Versuch, daraus etwas Leuchtendes zu kochen.

Ich bin wieder auferstanden.

Nicht besonders glamourös, nicht mit dramatischem Licht von hinten und wehenden Haaren im Wind, sondern eher in Jogginghose, mit müden Augen, einem Körper auf Energiesparmodus und einer neuen, äußerst stylischen Migränebrille auf der Nase.

Man muss die kleinen Siege feiern.

Oder zumindest die neuen Gadgets in der Migräne-Maus-Sammlung.

Die letzten drei Tage war in meinem Kopf wieder Wetterwarnstufe Weltuntergang. Nicht dieses hübsche „Unwetter im Kopf“, das man in poetische Texte schreibt, wenn man etwas Schwere leichter klingen lassen möchte. Sondern eher: Alles flackert, alles dröhnt, bitte niemand atmen, das Licht hat mich persönlich beleidigt und mein Nervensystem hat beschlossen, heute eine experimentelle Performance aufzuführen.

Titel: „Nur Kopfschmerzen.“

Dauer: ungewiss.

Publikum: ich, unfreiwillig.

Und irgendwo da draußen sagt bestimmt gerade jemand:
„Hast du genug getrunken?“

Ach ja.

Wasser.

Das flüssige Wunderheilmittel gegen neurologische Erkrankungen, gebrochene Herzen, schlechte Laune, Kapitalismus und wahrscheinlich auch Druckerprobleme.

Wie schön das wäre.

Wenn Migräne einfach nur ein kleines Kopfweh wäre, das man mit einem Glas Wasser, frischer Luft und ein bisschen weniger Bildschirmzeit wegstreicheln könnte. Wenn es wirklich so simpel wäre. Wenn all die Menschen, die sehr selbstbewusst sehr wenig wissen, ausnahmsweise recht hätten.

Aber Migräne ist nicht einfach Kopfweh.

Migräne ist ein ganzes kleines Katastrophen-Orchester im Nervensystem. Eine chronische neurologische Erkrankung, die nicht höflich anklopft, sondern manchmal einfach die Tür eintritt, das Licht ausmacht und den Körper in einen Ausnahmezustand schickt.

Bei mir kommt sie mit Aura.

Ein schönes Wort eigentlich.

Aura klingt nach Mondlicht, nach Magie, nach einer geheimnisvollen Frau in einem langen Kleid, die Kräuter trocknet und mit dem Universum spricht.

In Wahrheit bedeutet es bei mir eher:
Sehstörungen.
Kribbeln.
Taubheit.
Druck.
Panik im Körper, obwohl man längst weiß, was passiert.
Dieses unheimliche Gefühl, dem eigenen Nervensystem beim Eskalieren zuzusehen, ohne wirklich eingreifen zu können.

Ich finde Migräne bis heute gruselig.

Nicht nur schmerzhaft. Nicht nur anstrengend. Gruselig.

Weil da dieser Moment ist, in dem man merkt: Ah. Es geht los.

Und plötzlich wird der eigene Körper zu einem Ort, in dem man sich nicht mehr ganz sicher fühlt. Alles wird zu viel. Licht wird zu laut. Geräusche bekommen Kanten. Gerüche schleichen sich wie kleine Gemeinheiten durch den Raum. Der Kopf wird kein Kopf mehr, sondern ein Krisengebiet mit pochender Innenbeleuchtung.

Und während innen alles brennt, sieht man von außen oft einfach nur aus wie jemand, der „ein bisschen müde“ ist.

Vielleicht ist genau das Teil des Problems.

Man sieht Migräne nicht immer.
Also wird sie oft nicht geglaubt.

Man funktioniert zu lange, also denken Menschen, es kann nicht so schlimm sein.
Man bleibt zuhause, also denken Menschen, man übertreibt.
Man geht trotzdem hin, also denken Menschen, es geht eh.
Man sagt ab, also ist man unzuverlässig.
Man hält durch, also war es wohl doch nicht so schlimm.

Ein wunderschönes kleines Paradoxon, liebevoll gestrickt von Menschen, die keine Ahnung haben, aber dafür erstaunlich viele Meinungen.

Und dann diese Sätze.

„Ich kenne auch jemanden mit Migräne.“
„Bei mir hilft Kaffee.“
„Das ist sicher hormonell.“
„Vielleicht entspannst du dich einfach zu wenig.“
„Man kann doch nicht wegen jeder Kleinigkeit ausfallen.“

Worte, die vielleicht gar nicht böse gemeint sind.
Aber manchmal reicht eben auch gedankenlos.

Manche Sätze kommen nicht als Messer.
Manche kommen als Wattebausch verkleidet und treffen trotzdem genau dorthin, wo schon alles wund ist.

Denn Migräne macht nicht nur Schmerzen.

Sie macht schlechtes Gewissen.
Sie macht Absagen.
Sie macht dunkle Zimmer.
Sie macht verpasste Tage.
Sie macht dieses innere Rechnen: Was kann ich heute noch schaffen, ohne morgen dafür zu bezahlen?
Sie macht Angst vor Plänen, weil der eigene Körper manchmal kurzfristiger entscheidet als jeder Kalender.
Sie macht einen vorsichtig.
Manchmal klein.
Manchmal wütend.
Manchmal sehr still.

Und trotzdem ist da auch diese andere Seite.

Die Seite, die irgendwann anfängt, sich selbst besser zuzuhören.
Die lernt, Warnzeichen zu lesen wie geheime Botschaften.
Die Sonnenbrillen sammelt, Medikamente sortiert, Trigger notiert und trotzdem versucht, nicht komplett aus Angst zu leben.
Die nach drei Tagen Dunkelheit wieder blinzelt und denkt:

Na gut.
Dann schreiben wir eben darüber.

Vielleicht ist das hier also der Anfang von etwas.

Kein großes dramatisches „Ich starte jetzt ein Aufklärungsformat und habe alle Antworten“-Ding. Keine Bühne mit Scheinwerfer. Keine Expertinnenkrone aus Edelstahl.

Eher eine kleine Tür.

Ein angelehntes Fenster.

Ein Ort für all das, was zwischen Schmerztablette, Aura, Humor und Überforderung passiert.

Vielleicht wird daraus ein Migräne-Journal.
Vielleicht eine kleine Sammlung aus Gedanken, Erfahrungen, Wut, Wissen, müden Witzen und ehrlichen Momenten aus dem Leben einer chronischen Migräne-Maus.
Vielleicht auch einfach ein Versuch, etwas sichtbar zu machen, das viel zu oft im Dunkeln passiert.

Für andere Betroffene, die sich vielleicht kurz weniger allein fühlen wollen.
Für Menschen, die jemanden mit Migräne kennen und nicht wissen, wie sie fragen sollen.
Für alle, die noch immer glauben, Migräne sei nur ein bisschen Kopfweh mit Drama obendrauf.

Und vielleicht auch für mich.

Weil selbst ich nach all den Jahren noch manchmal dastehe wie vor einem neuen Monster mit bekanntem Gesicht.
Weil kein Anfall ganz gleich ist.
Weil der Körper immer wieder neue kleine Chaos-Tricks aus dem Ärmel zieht.
Weil ich, Alchemistin hin oder her, manchmal auch einfach nur im abgedunkelten Zimmer liege und denke:

Das ist jetzt aber wirklich ein sehr unnötiger Plot-Twist.

Also ja.

Vielleicht wird hier bald öfter ein bisschen über Migräne geschrieben.
Nicht trocken. Nicht perfekt. Nicht mit erhobenem Zeigefinger.

Eher mit einer Hand auf der Stirn, einer Migränebrille auf der Nase und einem kleinen Rest Sternenstaub zwischen den Zähnen.

Denn wenn mein Kopf schon regelmäßig Unwetter veranstaltet, kann ich wenigstens versuchen, aus dem Donner ein paar Sätze zu machen.

Willkommen im Migräne-Maus-Kabinett.

Bitte leise eintreten.

Das Licht bleibt aus.

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